Eltern sagen ihm, dass sie vor der Entscheidung stehen, ob sie arbeiten können oder nicht. Das erzählt Claus Mellinger. Foto: imago//Michael Gstettenbauer
Geschlossene Kita-Gruppen, verkürzte Öffnungszeiten, Kommunen, die vom Land fordern, die Standards in den Einrichtungen senken zu dürfen. Claus Mellinger, Vater und Landeselternvertreter erklärt, wie dramatisch die Situation für Familien ist, aber warum Eltern auch Zugeständnisse machen müssen.
Kitas verkürzen Öffnungszeiten oder schließen Gruppen ganz. Kommunen suchen verzweifelt pädagogische Kräfte und fordern vom Land, die Standards in den Einrichtungen senken zu dürfen. Wer als Eltern auf einen Betreuungsplatz angewiesen ist, hat derzeit ein Problem. Claus Mellinger, Vater und Mitglied der Landeselternvertretung der baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen (LEBK) erzählt, wie dramatisch die Situation für Familien derzeit ist – und was helfen könnte.
Herr Mellinger, was ist Ihnen als Vater lieber: Eine Kita, die jeden Tag zehn Stunden offen hat und in der auch hauswirtschaftliche Kräfte und Großeltern die Kinder betreuen. Oder eine, in der nur ausgebildete Erzieher arbeiten, die dafür aber früher zu macht?
Das ist eine schwierige Entscheidung, denn natürlich wollen Mütter und Väter für die Zeit, in der sie ihre Kinder in die Kita bringen, die bestmögliche Betreuung und Bildung. Ich glaube aber, dass es durchaus gut ist, mehr Menschen in Kitas zu bringen, die noch keine pädagogische Ausbildung haben. Man muss sie für ihre Aufgaben angemessen qualifizieren. Das derzeitige System lässt für Interessierte ohne pädagogische Basis zu wenig Spielraum.
Der Städtetag fordert eine Experimentierklausel im Gesetz, die es den Gemeinden vor Ort möglich macht, für ihre Kitas eigene Wege zu gehen, zum Beispiel was das Personal angeht.
Das geht in die richtige Richtung, auch wenn mir der Begriff des Experiments nicht gefällt. Es muss mehr Flexibilität geben, wie der Fachkräfte- und Platzmangel vor Ort bekämpft werden kann. Die Situation ist je nach Kommune sehr unterschiedlich. Sind in einer Stadt die Lebenshaltungskosten zum Beispiel sehr hoch, wandern Erzieherinnen und Erzieher eher ab. Da muss es möglich sein, individuelle Lösungen zu finden.
Die Frage ist: Wie bringen wir mehr Menschen mit anderen Ausbildungen in die Kitas und wie und wo integrieren wir sie? Ein gelernter Schreiner kann zum Beispiel den Kreativbereich übernehmen. Die pädagogischen Fachkräfte können sich dann auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Voraussetzung ist, dass diese Quereinsteiger nicht noch selbst beaufsichtigt werden müssen. Wichtig ist, dass man den Schreiner dann nebenher pädagogisch nachqualifiziert. Derzeit können nur 20 Prozent der Fachkräftestellen von solchen Fachfremden ersetzt werden. Das ist generell zu starr und sollte in Abhängigkeit von den Personen geregelt werden können. Wichtig ist, dass alle gemeinsam überlegen: Kommune, Träger, Erzieher und Eltern, auch mal die lokale Wirtschaft.
Claus Mellinger hat 2020 die Landeselternvertretung der baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen mitgegründet. Foto: privat
Wo könnte es noch flexibler werden?
Bei den Räumlichkeiten. Die Liste der Vorschriften für eine Betriebserlaubnis ist lang. Da könnte man Abstriche machen. In Reutlingen, wo ich herkomme, haben wir einen runden Tisch mit allen Beteiligten schon gestartet. Gemeinsam kommt man auf gute Ideen. Das können auch mal kleine Dinge sein: Die Erzieherinnen sagten zum Beispiel, sie hätten gern eine App, um mit den Eltern in Kontakt zu sein. Dann müssen sie nicht jedes Mal 150 Elternbriefe ausdrucken und verteilen. Allerdings muss schon auch klar sein, dass so eine Experimentierklausel kein Freifahrtschein für Kommunen ist, den Personalschlüssel generell aufzuweichen.
Ist nicht momentan die Gefahr, dass Kitas mit zu wenig Personal nur noch betreuen und nicht mehr bilden und fördern?
Deshalb habe ich auch Bauchweh, wenn der Städtetag sagt, Eltern und Großeltern sollen die Lücken füllen. Der Förderbedarf nimmt ja bei vielen Kindern zu. Kitas sind sehr wichtig, um benachteiligten Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Aber wir müssen darüber reden, ob der Rechtsanspruch, der sich auf Bildung und Förderung bezieht, so noch haltbar ist.
Wie meinen Sie das?
Wir als LEBK fordern einen Entwicklungsprozess mit allen Beteiligten. Derzeit überlegen alle nur, wie man das jetzige System mit seinen zu recht hohen Qualitätsansprüchen an frühkindliche Bildung erhalten kann. Aber wir müssen vielmehr überlegen, welche Aufgaben Kitas in der derzeitigen Lage überhaupt noch erfüllen können.
Aber das bedeutet doch eine Absenkung der Standards?
Nicht unbedingt. Denkbar wäre doch, dass sich Kitas Vormittags auf Bildung und Förderung konzentrieren mit den entsprechenden Fachkräften. Und nachmittags geht es dann eher um die Betreuung. Diese können dann auch Hilfskräfte übernehmen oder Eltern selbst Randzeiten abdecken. In Offenburg beispielsweise werden in Zukunft nachmittags zwei Stunden lang die Malteser die Betreuung übernehmen. Eltern werden verstärkt bereit sein müssen, solche Zugeständnisse zu machen. Das ist allemal besser als die jetzige Situation. Man muss das den Eltern aber auch ehrlich sagen. Vor allem dürfen sich die Kommunen und Träger mit solchen Behelfslösungen nicht aus der Pflicht zur Erfüllung des Rechtsanspruchs herausmogeln.
Wie sieht die Situation für Eltern derzeit aus?
Es ist extrem unterschiedlich je nach Stadt, Träger, Einrichtung. Aber ich erlebe viele Eltern, die sagen, ich stehe vor der Entscheidung, ob ich arbeiten kann oder nicht. Wenn ich auf zwei Gehälter angewiesen bin und ich weiß im Sommer noch nicht, ob ich im Herbst einen Platz habe, dann ist das existenziell. Oder wenn ständig die Zeiten gekürzt werden, tageweise die Gruppe zubleibt, plötzlich die gebuchte Zeit reduziert wird, kann ich nicht zuverlässig arbeiten. Es gibt so absurde Fälle, da kann ein Erzieher, der dringend gebraucht wird, vielleicht seine Ausbildung nicht machen, weil er keinen sicheren Vollzeitplatz für seine Kinder hat. Schwierig finde ich auch, dass viele Eltern heute keine Entscheidungsmöglichkeit haben. Denen brennt so der Kittel, dass sie jeden Platz nehmen müssen, egal wie die Situation in der Kita ist.
Bricht die Politik gerade ein Versprechen an Eltern, nämlich Beruf und Familie vereinbaren zu können?
Es gibt einen Rechtsanspruch auf Betreuung. Aber damit kann ich als Eltern nichts anfangen, selbst wenn ich klage, weil die Plätze nicht da sind. Das ist demokratietheoretisch schwierig.
Tübingen wird sein Kitasystem umstrukturieren, nur noch wenige Ganztagskitas anbieten. Erst nach Protesten wurden Eltern in den Prozess einbezogen. Werden Eltern zu wenig genört?
Das ist auch sehr unterschiedlich je nach Gemeinde. Aber Eltern sollten von Anfang an mit am Tisch sitzen. Wir von der Landeselternvertretung versuchen, Elternbeiräte zu motivieren, von sich aus das Gespräch mit der Gemeine zu suchen. Denn die Not ist überall groß und besser man spricht jetzt, bevor es zu so radikalen Entscheidungen wie in Tübingen kommt. Im Nachhinein fordert es viel mehr Kraft von allen, nochmal umzusteuern.
Für so ein Engagement müssen Eltern Zeit haben.
Das stimmt. Viele sind dankbar, dass sie überhaupt einen Platz haben und sind lieber ruhig. Ein Problem ist auch, dass die Kita-Zeit vergleichsweise kurz ist und viele Eltern erst in der Schule anfangen, sich als Elternvertreter einzubringen. Dabei ist die Zeit davor so wichtig für die Kinder und muss gut gestaltet sein.
Sie selbst haben keine Kita-Kinder mehr, engagieren sich aber trotzdem weiter. Warum?
Weil es mir am Herzen liegt, ich in der Corona-Zeit die LEBK mitgegründet habe und auch eine gewisse Kontinuität schaffen will. Für Träger und Gemeinden ist es schwierig, wenn die Ansprechpartner auf Elternseite oft wechseln.
Sind Sie in der derzeitigen Situation froh, keine Kita-Kinder mehr zu haben?
In der Schule ist ja auch nicht alles gut: Meine Tochter hat diese Woche am Gymnasium in der 7. Klasse keinen Tag regulär Unterricht. Da fallen ständig Stunden aus. Trotzdem bin ich froh, dass ich keine Kinder mehr in der Kita habe. Meine Frau und ich waren auf einen Betreuung angewiesen. Die Ungewissheit wollte ich nicht haben. Die jetzigen Probleme haben sich allerdings schon abgezeichnet als unsere erste Tochter 2011 in die Kita kam. Wenn wir die Diskussion, die wir nun führen, vor Jahren begonnen hätten, wären wir weiter.