Elton John in der Schleyerhalle Ein allerletztes Mal „I’m still standing“

Ein würdiger Abschied: Elton John am Samstagabend in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was für ein würdevoller Abschied: Der britische Musiker Elton John hat sich am Samstag bei einem sehr langen Konzertabend in der Schleyerhalle von seinem Stuttgarter Publikum verabschiedet.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - Zwei Stunden und zwanzig Minuten dieses sehr langen Konzertabends sind bereits vergangen, als Elton John sein Lied „I’m still standing“ anstimmt. Nun ist Zeit für Reminiszenzen, auf der monströs großen Videowand hinter der üppigen, gewundenen Riesenbühne flimmern Impressionen aus dem künstlerischen Leben Elton Johns vorüber; aus jenen Zeiten vor dem 1983 veröffentlichten Stück, etwa seiner Rolle als Pinball Wizard in der Rockoper „Tommy“, wie auch aus den Dekaden danach, mit Szenen aus Disneys „König der Löwen“, vom Live-Aid-Festival oder aus der Zeichentrickserie „Die Simpsons“, in der es Elton John zu einem eigenen Charakter gebracht hat.

 

All dies gibt eine Ahnung von der künstlerischen Vielfalt des John’schen Schaffens, vor allen Dingen jedoch von der Reputation, die sich der 72-jährige Brite in den vergangenen 65 Jahren erspielt hat, seit er im Alter von sieben Jahren die ersten Klavierstunden erhielt. Und schließlich versinnbildlicht der Titel „I’m still standing“, was in diesen Momenten die zehntausend Zuschauer in der ausverkauften Schleyerhalle leibhaftig auf der Bühne sehen: einen außerordentlich vital und präsent wirkenden Sänger und Pianisten, der ganz und gar nicht den Eindruck vermittelt, als müsste er in der Schublade für alte Eisen abgelegt werden.

Entscheidung aus freien Stücken

Dazu würde ihn gewiss auch niemand zwingen wollen, die Entscheidung aufzuhören hat Reginald Kenneth Dwight, als der Sir Elton Hercules John im März 1947 im Norden Londons geboren wurde, aus freien Stücken getroffen. Und so steht er nun, noch immer, am Samstagabend auf der Bühne der größten Arena Stuttgarts. Zum mittlerweile neunten Mal in seiner Karriere, aber zum allerletzten Mal. Denn dass er die Entscheidung zu dieser Abschiedstournee revidieren wird (und noch ein paar weitere Abschiedsrunden dranhängen würde, die Scorpions etwa oder Status Quo können buchstäblich ein Lied davon singen), das glaubt bei einem so integeren Mann wie Elton John niemand.

Tja, und was spielt man so auf seiner Abschiedstournee? Auf jeden Fall mal eine satte Menge. Bald drei Stunden wird das Konzert währen, das traditionell so früh beginnt, dass Elton John noch vor Beginn des Nachtflugverbots in die geliebten eigenen Bettfedern heimjetten kann (unten am Verwaltungseingang der Schleyerhalle stand tatsächlich eine dunkle Limousine mit laufendem Motor und geöffnetem Wagenschlag bereit, in die Elton John keine Minute nach Konzertende hineinhechtete). 25 Songs spielt er in diesen drei Stunden. Elton John verzichtet aber erstens darauf, aus seinem Riesensack voller Hits alle seine Ohrwürmer zu ziehen – „Pinball Wizard“, „Nikita“ und „Don’t go breaking my Heart“ etwa spielt er nicht. Er baut seine restlichen Klassiker zweitens völlig unprätentiös kreuz und quer in sein Konzert ein und verschwendet vorab kein Wort der Ansage auf sie. Stattdessen findet John viele Worte über diejenigen Stücke, die er spielt, weil sie ihm persönlich wichtig sind. Das sehr ausufernde „Indian Sunset“ etwa vom 1971er-Album „Madman across the Water“, das Elton John mit den Worten ansagt, dass dieses Lied eines der besten sei, das ihm sein kongenialer Songwritingpartner Bernie Taupin jemals geschrieben habe.

Überragende Vielfalt

Beeindruckend ist auch, mit welcher stilistischen Vielfältigkeit sich Elton John durch sein Repertoire tankt. Mit swingenden Funk- und Boogie-Woogie-Anleihen in „Take me to the Pilot“, mit wehendem, aber völlig unprätentiösem Balladenton in „Sorry seems to be the hardest Word“, vom Barpianistentonfall in „Levon“ bis hin zum krachend rotzigen Rock im zweiten Teil von „Funeral for a Friend/Love lies bleeding“. Elton John zeigt, wie vielfältig man – und insbesondere er – die Rolle des singenden Poppianisten interpretieren kann. Er gibt en passant eine letzte kleine Lehrstunde in Sachen Konzertdramaturgie und überzeugt dabei auf ganzer Linie: als vorzüglicher Instrumentalist, als nach wie vor charismatisch timbrierender Sänger, und nicht zuletzt als glänzender Songwriter. Wenn er sich den Status einer lebenden Legende mit grob geschätzt 350 Millionen verkauften Tonträgern nicht ohnehin schon längst erspielt hätte – spätestens jetzt wär’s definitiv soweit.

Stolz und Würde strahlt Elton John aus, ebenso warmherzig wie ausführlich stellt er seine punktgenau agierende Begleitband vor, der es an Erfahrung gewiss ebenfalls nicht mangelt – der Drummer Nigel Olsson zum Beispiel war schon auf der allerersten Tournee 1969 dabei und trommelt nun auch auf der letzten mit der Verve eines Zwanzigjährigen und der Stoik eines Siebzigjährigen.

Dass der Mann mit den ulkigen Outfits und den außerordentlich markanten Brillengestellen nicht nur ein gesund überkandidelter Showman ist, sondern auch ein großer Philantrop, stellt Elton John – genau so offenherzig distinguiert aber mitnichten selbstverliebt, wie er sich den ganzen Abend gibt – schließlich in seinem Stück „Believe“ unter Beweis, in dem ganz beiläufig ein kurzer Schriftzug im dazugehörigen sehr wärmenden Video darauf hinweist, dass Elton Johns Stiftung für den Kampf gegen Aids weltweit mittlerweile bereits fast eine halbe Milliarde Dollar aufgebracht hat.

Abgang mit Stil

Zweidreiviertel Stunden, 25 Songs, drei Bekleidungs- und zwei Brillenwechsel nach dem Eröffnungsstück „Bennie and the Jets“ vom 45 Jahre alten Album „Goodbye Yellow Brick Road“ schließt sich der Kreis mit dem gleichnamigen Titeltrack dieses Albums. Elton John trägt nun nicht mehr Frack, sondern Trainingsanzug, er lässt sich beifallsumrauscht auf einer stilisierten Kanzel auf die Bühnenempore hochliften, hinter der er verschwindet, um im wahrsten Wortsinne den Abflug zu machen. Diesmal für immer. Was für ein Jammer.

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