Frau Menzer-Haasis, wie hält sich die LSV-Chefin in diesen Zeiten sportlich fit?
Ich lebe in Albstadt, und wir hatten auf der Schwäbischen Alb lange Zeit traumhafte Schneeverhältnisse. Da zog es mich und meinen Mann von der Haustüre weg regelmäßig in perfekt gespurte Loipen zum Langlaufen in einer Wintermärchenlandschaft. Das war Sport von seiner schönsten Seite.
In einem Verein sind Sie nicht mehr aktiv?
Ich habe den Sport von der Pike auf erlebt und zu schätzen gelernt. Ich war Übungsleiterin, Trainerin, Schiedsrichterin, Abteilungsleiterin im Bereich Volleyball in Burladingen und Vereinsvorsitzende in Onstmettingen. Als LSV-Präsidentin ist das natürlich nicht mehr möglich.
Wie anstrengend und zeitintensiv waren denn die Verhandlungen mit der Politik mit Blick auf den Solidarpakt Sport IV für die Jahre 2022 bis 2026?
Das waren intensive, bisweilen auch ziemlich zähe Gespräche. Und natürlich wurden dabei nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht. Aber unser Sport ist jede Mühe wert. Nun können wir mit Fug und Recht behaupten: Das Ergebnis ist eines, auf das wir stolz sein dürfen.
„Sport ist Teil der Lösung“
Das Fördervolumen wurde von jährlich 87,5 Millionen Euro . . .
. . . auf 105,5 Millionen Euro deutlich aufgestockt. Zudem wird eine einmalige Förderung für den Bau und die Sanierung des Vereinssportstättenbaus in Höhe von 40 Millionen Euro festgeschrieben. Es werden dem Sport für die Jahre 2022 bis 2026 also insgesamt 130 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung stehen.
Das zeigt . . .
. . . sehr deutlich, dass wir uns im Sport auf die Politik in Baden-Württemberg verlassen können, wenn es drauf ankommt. Wenn man im Sport als Mannschaft Erfolg haben will, muss man kompakt agieren, seine Positionen verteidigen und energisch am großen Ziel arbeiten. Das ist uns gelungen.
Lange hatte man den Eindruck, der Sport sei nicht wichtig genug?
Dieser Eindruck täuscht. Der LSV und die Sportbünde aus Württemberg, Süd- und Nordbaden standen schon kurz nach Beginn der Coronakrise im engen Austausch mit den Verantwortlichen der Politik. Dass wir nicht jeden Gedanken oder jede Forderung sofort in die Öffentlichkeit getragen haben, versteht sich von selbst. Der Sport hat sich immer solidarisch verhalten, er agierte mit Maß und Ziel, nur so bleibt man ein Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Sport ist ein wichtiger Faktor in der Daseinsvorsorge und ein Sensor für den Wohlfühlfaktor einer Gesellschaft. Gerade in Coronazeiten ist er ein Teil der Lösung, nicht des Problems.
„Bewundernswerte Energie“
Da drängt sich aber ein anderer Eindruck auf. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass vor allem bei kleineren Sportarten die Basis wegbricht, weil seit Monaten nicht mehr trainiert werden kann?
Ich mache mir jedenfalls große Sorgen, wenn wir nicht bald wieder auf einen Normalbetrieb mit sinnvollen Hygienekonzepten umstellen können. Die Leidensfähigkeit aller Beteiligten ist groß, aber auch endlich. Trotz aller Probleme: Es ist bewundernswert, mit welcher Energie, Zuversicht und Kreativität viele Vereine gemeinsam mit ihren Helferinnen und Helfern das Beste aus der schwierigen Situation machen. Darauf können wir alle sehr stolz sein.
Die Zahlen sprechen für sich: Im Landessportbund Sachsen etwa beläuft sich die Zahl der Austritte aus Vereinen im Jahr 2020 auf 20 000.
Damit sind knapp drei Prozent weniger Menschen in Sportvereinen organisiert als 2019. Das dürfte bei uns in Baden-Württemberg nach ersten Hochrechnungen ähnlich sein. Einschnitte werden leider nicht ausbleiben. Klar ist aber auch: Sobald das Ende der Pandemie in Sicht ist, werden wir alles dafür tun, diese Menschen wieder zu uns zurückzuholen.
„Fehlende soziale Kontakte“
Sind Sie da sicher? Sport ist ja auch Stütze der Gesellschaft. Es geht nicht nur um Bewegung.
Stimmt, es geht auch um das Erlernen und Einhalten von Regeln, um den Umgang miteinander, um Disziplin und Spaß in der Gruppe, völlig klar. Ich habe da schon auch Bedenken, dass Kinder und Jugendliche deutlich mehr vor der Playstation zocken, sie dadurch unter Bewegungsmangel leiden. Aber ich bin auch überzeugt, dass sie aufgrund ihres natürlichen Bewegungsdrangs schnell wieder mit Freunden oder Freundinnen Sport treiben werden.
Und die Senioren?
Um sie mache ich mir mindestens ebenso große Sorgen. Sie leiden unter den fehlenden sozialen Kontakten. Wichtige Angebote, wie etwa die Kurse zur Sturzprophylaxe, fallen aus. Erschwerend kommt hinzu: Die Älteren sind über unsere vielfältigen digitalen Sportangebote nicht so ohne Weiteres zu erreichen.
Als muss man doch um Vielfalt der Sportkultur nach Corona fürchten?
Da darf man die grundsätzliche Energie des Sports nicht unterschätzen. Zum einen verstehen Sportler zu kämpfen. Zum anderen war der Sport schon immer ein Prozess, nie ein Zustand. Er reagiert seit jeher flexibel auf sich verändernde Bedingungen. Diese Krise quält uns alle. Aber wir werden sie überstehen und gestärkt aus ihr hervorgehen. Denn sie zeigt exemplarisch und eindrucksvoll, wie wertvoll der Vereinssport und seine Helfer für unser Zusammenleben sind.
„Wir sind keine Träumer“
Sollten Sportbünde als Vertreter des Allgemeinsports nicht dennoch gegensteuern – etwa durch Werbekampagnen?
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) tut dies, er betont die Effizienz der ehrenamtlichen Arbeit in den Sportvereinen. Er präsentiert Mit- und Mutmachangebote auf allen Kanälen. Die Sportbünde sind im permanenten Austausch mit den Vereinen. Alle, die im Sport in der Verantwortung stehen, sind immens aktiv, um das Öffnungsprozedere für die Vereine zu gestalten. Wir machen unseren Einfluss bei der Politik geltend, wann immer sich die Gelegenheit bietet.
Wann wird wieder Sport im Verein möglich sein?
Wir sind im Sport keine Träumer, aber wir halten einen Stufenplan für realistisch, der langsam, vorsichtig und kontrolliert die schrittweise Rückkehr in den geregelten Sportbetrieb ermöglicht. Am besten bis Ende März. Ich kann es nicht oft genug betonen: Sport ist nicht irgendeine beliebige Freizeitbeschäftigung, er ist ein wichtiger Baustein für die physische und psychische Gesundheit vieler Menschen.
„Schutz der Kinder steht über allem“
Ein heikles Thema sind die ans Licht gekommenen Missbrauchsfälle im Sport. Wie gehen Sie damit um?
Es ist ein unerträgliches und bestürzendes Thema. In dieser Hinsicht darf es keinerlei Toleranz geben. Der Schutz unserer Kinder und Jugendlichen steht über allem. Vorwürfe müssen konsequent und ohne zu zögern aufgeklärt werden. Klar ist aber auch: Wir können noch so viele Frühwarnsysteme installieren, präventiv und aufklärend wirken, wenn sich eine erhöhte Sensibilität und die Kultur des Hinschauens nicht zur Selbstverständlichkeit aller Beteiligten entwickeln, werden wir immer wieder Probleme bekommen.
Die Maßnahmen der Verbände scheinen nicht zu fruchten?
Ich wehre mich energisch gegen den Vorwurf, die Verbände würden in diesem Bereich zu wenig machen. Die Möglichkeiten, sich an Vertrauenspersonen zu wenden, sind durchaus gegeben. Aber ich sehe auch die andere Seite des Problems: Die Athleten und Athletinnen arbeiten oft sehr hart für den sportlichen Erfolg – um den sie fürchten, wenn sie sich offenbaren. Das ist eine Ambivalenz, die oft nur schwer aufzulösen ist.
„Wenn man mich will...“
Ja und deshalb gilt es, ein noch größeres Bewusstsein des Verständnisses zu schaffen für die betroffenen Sportlerinnen und Sportler, die sich an Menschen ihres Vertrauens wenden. Wenn sie sich öffnen, dann muss es zunächst einmal ums Zuhören gehen, ums Verstehen, nicht gleich um das Einleiten eines Verfahrens. Es gilt, einen Raum zu schaffen, in dem man sich als Sportlerin oder als Sportler geschützt fühlt. Man muss sich Ratschläge holen können, bevor man die ganze Maschinerie lostritt.
Sie sind bis Juli 2022 gewählt. Machen Sie danach eigentlich weiter?
Wenn man mich will (lacht). Mein Ehrenamt macht mir jedenfalls noch immer große Freude.
Was wünschen Sie sich bis dahin?
Ich wünsche mir, dass der Sport möglichst schnell wieder in Gang kommt und im besten Sinne wieder seine volle Wirkung für unsere Gesellschaft entfalten kann. Der gute Solidarpakt mit der Politik ist diesbezüglich Wertschätzung und Ermunterung zugleich.
Zur Person
Elvira Menzer-Haasis wurde am 5. April 1960 in Tübingen geboren. Sie absolvierte ein Lehramtsstudium für Gymnasium und Sonderschule. 1996 bis 2000 Abordnung an das Staatliche Schulamt Balingen. Von 2000 bis 2005 war sie Sport-Referentin beim Kultusministerium, von 2005 bis 2012 Leiterin des Landesbüros Ehrenamt im Kultusministerium, später im Sozialministerium. Von 1988 bis 1995 war sie Vorsitzende des TV Onstmettingen (Zollernalbkreis), 1995 bis 1999 Präsidentin des Turngaus Zollern-Schalksburg und von 1996 bis 2010 Vizepräsidentin im Schwäbischen Turnerbunds (STB). Seit 2016 ist sie Präsidentin des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV).
Elvira Menzer-Haasis wohnt in Albstadt. Sie ist verheiratet mit Friedhelm Haasis.