EM 2021 Das neue Italien: Wer soll diese Mannschaft schlagen?

Die italienische Nationalmannschaft hat derzeit viel Grund zum Jubeln. Foto: dpa/Alessandra Tarantino

Die italienische Fußball-Nationalmannschaft beeindruckt bei der EM nicht nur mit gewohnter Abwehrstärke, sondern auch mit verblüffender Spielfreude und ausgeprägtem Teamgeist. Auch zwei frühere VfB-Spielmacher mit Italien-Expertise sind begeistert.

Stuttgart - An seine erste Begegnung mit Roberto Mancini am 19. September 1982 erinnert sich Hansi Müller mit gemischten Gefühlen. Zwar traf der vom VfB Stuttgart gekommene Neuzugang von Inter Mailand bei seinem Heimdebüt mit einem Freistoß zum 1:1. Doch war es der Stürmer von Sampdoria Genua, dem anschließend der Siegtreffer gelang. „Mancini war ein gnadenloser Knipser“, erinnert sich Müller – und hätte sich damals nicht vorstellen können, dass er auch ein gefeierter Trainer werden würde: „Es kommt nicht oft vor, dass solche Spielertypen als Trainer Karriere machen.“

 

Als Vereinscoach hat Roberto Mancini (56) in drei Ländern Titel gewonnen (Italien, England, Türkei), seit Mai 2018 ist er Nationaltrainer seines Heimatlandes – und Verantwortlicher eines Aufschwungs, dessen Ende nicht in Sicht ist. Dem 3:0 im EM-Eröffnungsspiel gegen die Türkei folgte am Mittwoch ein weiteres 3:0 gegen die Schweiz, das überzeugender nicht hätte sein können.

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Ohne jegliche Chance war die Auswahl der Eidgenossen mit ihrer vermeintlich „goldenen Generation“ – sie wurde von der Squadra Azzurra regelrecht „aufgefressen“ (ARD-Experte Bastian Schweinsteiger). Es war eine spektakuläre, mitreißende Vorstellung, die zweifellos beste, die man bei dieser EM bislang gesehen hat. Womit Mancinis Team nun endgültig zu den ganz großen Favoriten gehört, wie auch Hansi Müller meint: „Der Titel führt nur über die italienische Mannschaft.“

„Bei unserer Mannschaft liegt etwas ganz Besonderes in der Luft“

Es ist eine Mannschaft, die keine Superstars besitzt und deren geschätzter Kader-Gesamtmarktwert mit 751 Millionen Euro deutlich unter jenen der Engländer (1,26 Milliarden), Franzosen (1,03 Milliarden), Deutschen (936 Millionen) und Spanier (915 Millionen) liegt. Na und? „Mag sein, dass drei oder vier andere Teams mehr individuelle Klasse haben“, sagt Abwehrspieler Francesco Acerbi (33) vom SSC Neapel – doch habe er schon vor der EM gespürt, „dass bei unserer Mannschaft etwas ganz Besonderes in der Luft liegt“.

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Es ist das Resultat eines konsequenten Umbruchs, der begann, nachdem 2018 erstmals seit 1958 eine WM verpasst worden war. Wie der Erzrivale aus Deutschland, der mit dem Vorrundenaus ebenfalls eine historische Blamage erlebt hatte, stand auch Italien am Tiefpunkt – doch zog Roberto Mancini andere Schlüsse als Bundestrainer Joachim Löw. „Es wurde nicht zwischen jung und alt unterschieden, sondern zwischen gut und schlecht“, sagt Maurizio Gaudino (54), ehemaliger VfB-Spielmacher und jüngster von fünf Söhnen neapolitanischer Eltern.

Die italienische Innenverteidigung ist zusammen 70 Jahre alt

Während Löw sich kurz vor der EM zur Kurskorrektur gezwungen sah und Thomas Müller (31) und Mats Hummels (32) zurückholte, ließ Mancini nie einen Zweifel an der Bedeutung der Abwehrhaudegen Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34) aufkommen. Nicht zuletzt an den beiden Altstars liegt es, dass Italien seit zehn Spielen kein Tor mehr kassiert und seit 29 Spielen nicht mehr verloren hat. „Man sieht jetzt, dass diese Mannschaft über drei Jahre hinweg gewachsen ist“, sagt Gaudino: „Und bei den Deutschen heißt es noch während der EM, sie müssten sich erst richtig finden.“

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Neben gewohnter Abwehrstärke und verblüffender Spielfreude ist es der ausgeprägte Mannschaftsgeist, der Italiens Auswahl so besonders macht. Klares Indiz: der Jubel nach Toren, an dem sich auf überschäumende Weise auch sämtliche Ersatzspieler beteiligen. „Die größte Stärke ist das Kollektiv“, sagt Hansi Müller – auch das sei ein Verdienst Mancinis: „Ihm gelingt es, allen Spielern das Gefühl zu geben, sie seien sehr wichtig.“

Und so fügt es sich, dass das letzte Gruppenspiel am Sonntag gegen Wales Mancini die Gelegenheit bietet, Reservisten mit Einsatzzeiten zu belohnen und Stammkräfte zu schonen. Das EM-Achtelfinale ist schon jetzt erreicht – und es dürfte nur eine Durchgangsstation sein.

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