EM 2021 Das sagt Ludovic Magnin zur Schweizer Sternstunde

Torwart Yann Sommer dreht nach dem parierten Elfmeter von Frankreichs Superstar Kylian Mbappé jubelnd ab – und alle Schweizer Spieler jagen ihm hinterher. Foto: imago images//Federico Pestellini

Es war ein Sieg für die Ewigkeit: Nach dem Coup gegen Frankreich steht die Schweiz erstmals seit 1954 wieder in einem Viertelfinale. Der ehemalige VfB-Profi Ludovic Magnin schätzt die weiteren Chancen ein.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Ludovic Magninist auch am Tag danach noch voller Euphorie: „Der Hahn ist tot. Frankreich hat sich selbst geschlagen. Erstmals seit vielen, vielen Jahren bin ich vor dem Fernseher aufgesprungen und habe wie wild geschrien“, beschreibt der ehemalige Profi des VfB Stuttgart seine Gefühlswelt. Wie dem 42-Jährigen daheim in der Nähe von Rapperswil ging es nach der Heldentat von Keeper Yann Sommer beim 5:4 im Elfmeterkrimi gegen Frankreichs Superstar Kylian Mbappé allen Eidgenossen. Es herrschte Ausnahmezustand. Die restlos begeisterten Fans verwandelten die Alpenrepublik mit Hupkonzerten, Autokorsos und Feuerwerken noch weit nach Mitternacht in eine rot-weiße Partyzone. „Liberté, Egalité, Viertelfinalé. SeNATIonell!“, titelte die Boulevardzeitung „Blick“.

 

Liebe zur Nati entfacht

„Bis zu diesem historischen Spiel herrschte in der Schweiz kein EM-Feeling, keine Fahnen hingen an den Häusern oder Autos. Es fehlte einfach ein großer Sieg in den vergangenen Jahren, der zusammenschweißt“, berichtet Magnin. Dieser große Sieg ist nun gelungen. Mit dem hoch emotionalen Triumph gegen den Weltmeister hat die Mannschaft von Trainer Vladimir Petkovic die Liebe der Schweizer zu ihrer Nati neu entfacht.

Achtelfinal-Fluch beendet

67 Jahre hatten sie auf diesen Tag warten müssen, seit der Heim-WM 1954 waren die Schweizer bei keinem Turnier über das Achtelfinale hinausgekommen. Immer, wenn es drauf ankam, ging’s schief – wenn auch häufig knapp und unglücklich. WM 2014: Aus im Achtelfinale gegen Argentinien. EM 2016: K. o. im Achtelfinale im Elfmeterschießen gegen Polen. WM 2018: Aus im Achtelfinale gegen Schweden. Und jetzt das! „Im Penaltyschießen“, tönte der „Blick“, habe man die Franzosen „zur Schnecke gemacht“.

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Die Last der Geschichte haben sie nun abgelegt. Und vor allem für einen Mann war das eine Genugtuung: für Trainer Vladimir Petkovic. Der stets bestens gekleidete Nachfolger von Ottmar Hitzfeld war zwar schon vor dem Coup gegen die Équipe tricolore seit seinem Amtsantritt 2014 – laut Punkteschnitt – bester Schweizer Nationaltrainer der Geschichte. Doch Akzeptanz suchte der gebürtige Bosnier vergebens. Er gilt mitunter als widerborstig und stur. Magnin drückt es so aus: „Er ist betont sachlich und bietet den deutschsprachigen Medien in der Schweiz zu wenig Show. Aber er hat breite Schultern und bleibt seiner Linie seit Jahren immer treu.“

Offensiver Spielstil

Diese Linie betrifft den Spielstil: Petkovics Mannschaften agieren aktiv, offensiv dominant. Diese Linie betrifft auch das Personal: An seinem Gerüst, an der Hierarchie im Team hält er eisern fest. Das Herzstück bilden Mittelfeldspieler Xherdan Shaqiri (FC Liverpool, früher FC Bayern), die Mittelfeld-Arbeitsbiene Remo Freuler (Atalanta Bergamo) und Stürmer Haris Seferovic, der nach seinem Wechsel 2017 von Eintracht Frankfurt zu Benfica Lissabon noch einmal einen Sprung nach vorne machte und in der vergangenen Saison 22 Tore erzielte.

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Über allen steht aber Mittelfeldregisseur Granit Xhaka von Arsenal London. Als die Mannschaft unmittelbar nach dem Triumph gegen Frankreich voller Ekstase gemeinsam an der Eckfahne feierte, rannte der Kapitän in die andere Richtung: und zwar direkt in die Arme seines Trainers. Kurze Zeit später fand der ehemalige Gladbacher klare Worte in Richtung Kritiker: „Es wurde so viel geschrieben, dass die Elf arrogant sei. Aber heute haben wir vielen das Maul gestopft.“

Freitag gegen Spanien

Die Schweizer Nati wirkt reif, als habe sie aus den schmerzhaften Momenten der Vergangenheit die Lehren gezogen. Dieser Zusammenhalt, das gestiegene Selbstvertrauen sollen das Team nun auch im Viertelfinale an diesem Freitag (18 Uhr/Magenta TV) gegen Spanien in St. Petersburg zur nächsten Sensation tragen. Wie die Chancen stehen? „Das wird ein ganz anderes Spiel, Spanien will den Ball, wir wollen den Ball. Ein Team muss seinen Spielstil ändern“, prophezeit Magnin. Doch für den seit seiner Entlassung 2020 beim FC Zürich arbeitslosen Trainer steht fest: „Was die emotionale Seite betrifft, haben wir jetzt einen brutalen Vorteil.“

Xhaka fehlt gesperrt

Die „beste Nati der Geschichte“ surft auf einer Welle der Euphorie. „Jetzt packen wir den spanischen Stier bei den Hörnern“, schrieb der „Blick“. Und Xhaka kündigte an: „Es gibt ein super Spiel gegen Spanien und dann ein Heimspiel für mich im Halbfinale in London.“ Das Problem: Ausgerechnet der Arsenal-Profi selbst fehlt im Viertelfinale gelbgesperrt. Ob’s dennoch reicht? Magnin ist sicher: „Die Schweiz und auch Dänemark können bei dieser EM ganz gefährlich werden.“ Mit anderen Worten: Für ihn sind das zwei heiße Geheimtipps für den Titel.

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