EM 2021 Die deutsche Mannschaft und ihr Sturm ohne Spitze

Der deutsche Sturm: Thomas Müller, Serge Gnabry und Kai Havertz (von links) Foto: imago/Norbert Schmidt

Der Angriff der DFB-Elf war im Auftaktspiel gegen Frankreich nur ein laues Lüftchen. Dem Bundestrainer Joachim Löw fehlt ein klassischer Torjäger. Kann das im weiteren Verlauf bei der EM so gut gehen?

Sport: Marco Seliger (sem)

Herzogenaurach - Miroslav Klose saß immerhin schon wieder auf der Tribüne beim EM-Auftakt gegen Frankreich, und er war unten in Reihe 8 nah dran an der deutschen Elf und der deutschen Bank. Miroslav Klose äußerte sich rund ums Spiel in München über seinen Gesundheitszustand. Er strahlte Zuversicht aus. „Es geht mir Gott sei Dank schon wieder richtig gut, die Therapie und die Medikamente haben eigentlich sofort angeschlagen“, sagte Klose also. Zwar dürfe er noch nicht wieder Fußball spielen, doch könne er bereits wieder Golf spielen. Ein bisschen, das sagte Klose, müsse er sich jetzt noch gedulden. Dann ist er wieder fit.

 

Miroslav Klose also wird nach seiner kürzlich erlittenen Thrombose bald wieder auf dem Platz stehen. Das Dumme aus Sicht der DFB-Elf und ihres Trainer Joachim Löw ist nur: Klose wird das nicht als Torjäger tun. Sondern als Trainer. Wo auch immer.

Einer wie Klose fehlt

Als die Zuschauer Klose beim EM-Auftakt in Münchens Arena entdeckten, als er neben ihnen die Treppe zu seinem Platz in Reihe 8 runterlief, da hieß es anfangs nur: „Ah, schau, der Miro, schön, dass man den auch mal wieder sieht.“ Nach den 90 Minuten gegen Frankreich war der Tenor ein anderer. „Mensch, den Miro, den hätten wir heute brauchen können!“ So hieß das dann.

Das Problem aber ist: Weil selbst der ewige Miro mit seinen 43 Jahren nicht mehr auf höchstem Niveau kicken kann, gilt es als recht unwahrscheinlich, dass Löw ihn trotz seiner angestrebten Rückkehr auf den Platz im Laufe der EM noch anrufen wird.

Über den Torjäger Klose und dessen Qualitäten aber wird vor dem zweiten deutschen Gruppenspiel an diesem Samstag gegen Portugal (18 Uhr/ARD) trotzdem debattiert. Weil es so einen klassischen Torjäger im deutschen Kader wie ihn nicht mehr gibt. Der Weltmeister hörte 2014 nach dem großen Triumph von Rio auf, dann gab es bis zur WM 2018 noch Mario Gomez. Und seither gibt es, genau: nichts.

Diese Lücke auf der Torjägerposition fiel nun im Auftaktspiel gegen die starke Abwehr der Franzosen ins Gewicht. Denn da war kein Zielspieler und kein Fixpunkt vorne. Kein sogenannter Neuner also, der torgefährlich ist. Der Zuspiele und Flanken verwerten kann. Der den Offensivkollegen Räume schafft, da er Gegenspieler bindet.

Flexibel, aber wirkungslos

Wie schon beim letzten EM-Testspiel gegen Lettland (7:1) genossen Thomas Müller, Kai Havertz und Serge Gnabry gegen Frankreich vorne alle Freiheiten, wie das dann so schön heißt. Sie sollten flexibel unterwegs sein. Das kann einen Gegner wie Lettland verwirren. Eine weltmeisterliche Abwehr der Franzosen dagegen nicht. Der Offensivauftritt gegen Frankreich geriet plan- und ziellos. Weil der Sturm ohne Spitze war. Und sich ständig im Kreis drehte.

Insbesondere beim Raumdeuter Thomas Müller zeigte sich dabei, wie sehr er einen Neuner wie Robert Lewandowski beim FC Bayern vor sich braucht. Weil der ihm die Räume schafft, in die Müller reinstarten kann. Müller braucht Typen wie Lewandowski oder wie früher in der DFB-Elf Miroslav Klose, um ein echter Müller sein zu können. Ohne einen Torjäger vor sich ist der Müller nur ein halber Müller – zumindest gegen Kaliber wie Frankreich.

Die Speerspitze also fehlt, und es wird sie auch im weiteren Turnierverlauf nicht mehr geben. Aus Havertz, Müller und Gnabry werden keine Mittelstürmer mehr, aus Timo Werner und Leroy Sané auch nicht. „Uns hat die Durchschlagskraft gefehlt“, sagte Linksverteidiger Robin Gosens nach der Partie gegen Frankreich – und lag nicht daneben.

Die Hoffnung auf schwächere Gegner

Die Hoffnung des Bundestrainers ist nun die, dass es gegen schwächere Defensivreihen besser klappt mit den Rochaden vorne. Mit all seinen Außenstürmern, Fummlern, Raumdeutern und falschen Neunern also, die, nachdem Pep Guardiola einst Lionel Messi in Barcelona in einem revolutionären Akt zu einem solchen gemacht hatte, im internationalen Spitzenfußball wieder etwas aus der Mode gekommen sind.

Wie auch immer: Eines der Kernprobleme des deutschen Fußballs ist bei dieser EM unabhängig davon wieder in den Fokus gerückt: Die Spezialisten fehlen, und das nicht nur vorne auf der Stürmerposition. Jahrelang lag der Fokus bei der Ausbildung in den Nachwuchsakademien auf der Technik und der Taktik. Am besten sollten alle Spieler alle Positionen gleichzeitig spielen können – und der Außenverteidiger technisch so versiert sein wie der Spielmacher. Die positionsspezifische Förderung nahm nur eine untergeordnete Rolle ein – bei möglichen Torjägern, aber auch auf anderen Positionen. Weshalb Joachim Löw hinten rechts jetzt notgedrungen auf Mittelfeldmann Joshua Kimmich setzt, weil er keine gleichwertige Fachkraft hat. Im Zuge der Reform im Nachwuchsbereich des DFB soll sich nun bald einiges ändern. Ein Mittelstürmer soll also künftig vermehrt das trainieren, was ein Mittelstürmer so braucht.

Kein deutscher unter den Besten

Im Hier und Jetzt veranschaulicht ein Blick auf die Torjägerliste der abgelaufenen Bundesliga-Saison die deutsche Stürmer-Malaise. Denn da findet man unter den besten sechs niemanden mit einem deutschen Pass. Der Pole Robert Lewandowski (41 Saisontore), der Portugiese André Silva (28), der Norweger Erling Haaland (27), der Kroate Andrej Kramaric (20), der Niederländer Wout Weghorst (20) und der österreichische VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic (16) sind vorne – auch in der Liste.

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