EM 2021 Die Türkei wurde hoch gelobt – und ist tief gefallen

Der türkische Spieler Mert Müldür will nichts mehr sehen und hören. Foto: imago/BSR Agency

Die ambitionierte türkische Mannschaft wollte bei der EM für überraschende Momente sorgen, doch daraus wurde nichts. Dem bitteren Aus nach der Vorrunde folgen kritische Medienberichte in der Heimat. Ein ganzes Land scheint erschüttert zu sein.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - Null Punkte, acht Gegentore, bei einem mageren eigenen Törchen – die Türken verlassen die EM-Bühne mit einem desaströsen Ergebnis. Die 1:3-Niederlage am Sonntagabend gegen die Schweiz hat der Mannschaft den Rest gegeben. Aber vor allem den türkischen Medien. Ihr Urteil fiel gnadenlos aus. „Das Ende – die Euro, die wir mit großen Hoffnungen begonnen haben, ist mit großer Enttäuschung zu Ende gegangen“, schrieb die Zeitung „Fanatik“. Andere Blätter sprachen von einer Blamage höchsten Grades. „Senol Günes ist mit einer falschen Kaderauswahl, schlechtem Fußball, den er hat spielen lassen, und seiner Unfähigkeit, den Gegner zu entziffern, sitzen geblieben“, meinte „Fotomac“ und sprach dem Trainer die Kompetenz ab. Und ziemlich kurz hielt sich die Zeitung „Milliyet“: „Wir sind nicht traurig – wir schämen uns!“

 

Die türkische Seele, sie scheint verletzt zu sein nach dem EM-Debakel. 23 Punkte aus zehn Qualifikationsspielen und ein famoser 2:0-Sieg gegen die Elitekicker aus Frankreich versetzten ein Land in Euphorie. Auch die Experten waren gespannt auf den Turnierauftritt der Türkei, in der Hoffnung, das Team von Trainer Senol Günes könnte bei der EM für eine große Überraschung sorgen. Nun stehen der Coach, die Mannschaft und der türkische Fußballverband vor einem Scherbenhaufen. Es werden schon Wetten abgegeben, wie lange der Trainer noch im Amt bleibt. „Ich denke im Moment nicht an einen Rücktritt“, sagte der Coach und frühere Torwart nach dem Turnier-K.-o. gegen die Schweiz tapfer.

Harte Urteile

Harte Urteile wurden da in den Medien gefällt. Gibt es in der Türkei nur ja oder nein, plus oder minus, hopp oder top? Für Christoph Daum, der bei den Istanbuler Topclubs Besiktas und Fenerbahce als Trainer angestellt war, ist die Kritik jedenfalls berechtigt. „Die türkischen Medien lassen zu Recht kein gutes Haar am Team, weil man bei der individuellen Klasse viel mehr erwarten durfte“, sagt Daum, der selbst hohe Erwartungen an die Türken hatte und enttäuscht wurde. „In keinem der drei Spiele haben sie ihre Qualität gemeinsam als Mannschaft umgesetzt. Sie haben sich nicht so ergänzt und unterstützt, dass man den Eindruck haben konnte: Hier tritt eine Einheit auf“, sagt Daum. Das frühe Aus bewertet er auch als nationale Niederlage: „Fußball hat in der türkischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Nun war die Chance da, trotz wirtschaftlicher Probleme und der Coronakrise zu zeigen: Die Türkei ist da! Doch dann fahren sie mit leeren Händen nach Hause – und alle sagen: Was war das denn für eine Mannschaft?“

In der Tat war es so, dass die beiden Stars der Mannschaft wirkungslos blieben, und das ist wohl noch freundlich formuliert. Der schussgewaltige Mittelfeldstar Hakan Calhanoglu und Kapitän Burak Yilmaz hatten beide starke Spielzeiten bei ihren Clubs hinter sich. Calhanoglu war beim italienischen Vizemeister AC Mailand ein wichtiger Mann im Offensivspiel. Yilmaz brachte es derweil beim französischen Meister OSC Lille auf 16 Tore, sein Anteil am Erfolg der Mannschaft war enorm. Bei der EM ging den beiden Ausnahmespielern dann aber die Puste aus. Kaum Ideen, wenig Inspiration, teilweise wie gehemmt standen sie auf dem Platz.

Erschreckend harmlos

Vor allem Yilmaz war erschreckend harmlos. Der Verteidiger Merih Demiral versuchte erst gar nicht, das peinliche EM-Aus schönzureden – stellvertretend für seine Kollegen stellte er sich nach vorne und gab ein Statement ab. „Ich entschuldige mich bei allen“, sagte der 23-Jährige von Juventus Turin. „Wenn die Erwartungen hoch sind, ist auch das Bedauern hoch.“

Die Erwartungen waren tatsächlich hoch. Vor allem der Trainer war mit viel Hoffnung in das Turnier gegangen. „Ich wollte, dass meine Spieler sich zeigen“, sagte Günes, aber dann lief alles ganz anders: „Sie konnten sich hier nicht präsentieren und sind sehr traurig deswegen.“ Nicht nur die Spieler – ein ganzes Land.

Der Coach startete dann noch den Versuch, wieder nach vorne zu blicken, denn negative Erfahrungen seien ja auch dazu da, um aus ihnen zu lernen und gewisse Fehler abzustellen. „Ich glaube, dass die Zukunft der Jungs strahlend sein wird, aber dieses Turnier ist für uns nicht gut gelaufen“, sagte Senol Günes.

Da hatte er recht. Nur an eine strahlende Zukunft mochte so kurz nach der EM-Pleite noch keiner denken. Bis die Wunden verheilt sind, wird es seine Zeit dauern.

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