EM 2024 Das späte 1:1 – warum es dem Bundestrainer lieber ist als ein 4:0
Die deutsche Mannschaft tut sich im dritten Spiel der Heim-EM lange Zeit schwer. Nach dem 1:1 ist der Gruppensieg aber perfekt. Wir analysieren die Partie gegen die Schweiz.
Die deutsche Mannschaft tut sich im dritten Spiel der Heim-EM lange Zeit schwer. Nach dem 1:1 ist der Gruppensieg aber perfekt. Wir analysieren die Partie gegen die Schweiz.
Das Ding war im Grunde schon gelaufen. Bereits Minuten vor dem Abpfiff dieser Partie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Schweiz am Sonntagabend in Frankfurt sangen die Eidgenossen auf den Rängen siegessicher, die Bemühungen der DFB-Elf schienen erfolglos zu bleiben, der Gruppensieg dahin. Doch dann gab es doch noch diesen einen erlösenden Moment – der nicht nur den Ausgleich und den Sieg in EM-Gruppe A bedeutete. Sondern auch die Euphorie weiter schürte.
Es lief schon die Nachspielzeit, David Raum flankte von der linken Seite – und innen, am Fünfmeterraum, stieg der ebenfalls eingewechselte Niclas Füllkrug nach oben. Der Dortmunder Stürmer stand in der Luft, und der Ball fand tatsächlich den Weg auf seinen Kopf. Und von dort ins Tor.
Die Mitspieler begruben den Torjäger nach dem Ausgleich zum 1:1 unter sich, Erleichterung und Jubel waren riesengroß. Denn: Der erste große Dämpfer war gerade noch abgewendet worden. Im Achtelfinale am Samstag (21 Uhr ) in Dortmund geht es gegen den Zweiten der Gruppe C (derzeit Dänemark). „Die Schweiz war aggressiv und unangenehm“, sagte Julian Nagelsmann, „aber es war ein verdienter Ausgleich.“
Der Bundestrainer hatte wie erwartet nichts verändert an seiner Startformation. Zum dritten Mal lief die gleiche Elf zu Beginn aufs Feld – obwohl gleich vier Defensivspieler mit einer Gelben Karte vorbelastet waren: Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Maximilian Mittelstädt und Robert Andrich. Nagelsmanns Begründung kurz vor dem Anpfiff: „Wir müssen mit unserer ersten Elf weiter an Stabilität und Rhythmus gewinnen.“ Aber: Das mit dem Rhythmus wollten die Schweizer mit aller Macht verhindern.
Anders als die Schotten im ersten EM-Spiel (5:1) und die Ungarn (2:0) verteidigten die Eidgenossen deutlich aktiver, waren schnell drin in den Zweikämpfen und machten vor allem im Mittelfeld das Zentrum dicht. Alles Komponenten, mit denen das deutsche Team erst einmal nicht zurechtkam. Vor allem die bislang entscheidenden Offensivspieler der DFB-Elf kamen nicht rein in die Partie.
Toni Kroos wurde früh gestört, selbst, wenn er sich weit nach hinten fallen ließ, um die Angriffe zu initiieren. Jamal Musiala und Florian Wirtz fehlte das entscheidende Bisschen an Raum, um in den Dribblings Schwung aufzunehmen. Und Ilkay Gündogan tat sich im offensiven Zentrum schwer, entscheidend einzuwirken. Das Tempo, der Spielwitz, der Fluss – was bisher so begeisternd gelungen war, musste sich das Team nun erst einmal hart erarbeiten.
Das gelang zwar nur mäßig gut. In Führung ging die deutsche Mannschaft dennoch – zumindest dachten das alle.
Eine gefährliche Hereingabe von Maximilian Mittelstädt klärte der Schweizer Michel Aebischer. Dann kam Robert Andrich an den Ball, zog ab – und überlistete mit seinem Aufsetzer den Schweizer Keeper Yann Sommer. Der Jubel war groß, wurde aber von der Überprüfung des Videoschiedsrichters erstickt. Dessen Diagnose: Aebischer war von Jamal Musiala gefoult worden, der Treffer zählte nicht. Im Gegensatz zu jenem, den die Eidgenossen elf Minuten später erzielten.
Wieder war Musiala beteiligt, der im Mittelfeld den Ball verlor. Über einige Stationen landete die Kugel bei Remo Freuler, der von links nach innen flankte. Dort nahm Dan Ndoye vom FC Bologna den Ball volley – und ließ Manuel Neuer in der 28. Minute keine Chance. 0:1, der erste Rückstand im Turnier. Auch der erste große Rückschlag?
Das versuchten die deutschen Spieler in der Folgezeit zu verhindern. Die Bemühungen wurden tatsächlich zielstrebiger, auch druckvoller, aber es blieb knifflig. Jamal Musiala, Toni Kroos und Kai Havertz hatten in der zweiten Hälfte erste Möglichkeiten. Der Bundestrainer brachte David Raum, Nico Schlotterbeck und Maximilian Beier, dann hatte Joshua Kimmich die bis dahin größte Chance (70.). Es kamen Leroy Sané und Niclas Füllkrug, es gab auch ein paar Ideen, Flanken, Freistöße, Eckbälle, einen Kopfball von Kai Havertz auf die Latte – aber eben kein Tor. Bis in der Nachspielzeit Niclas Füllkrug doch noch zuschlug.
„Wir haben gezeigt, dass wir bis zum Ende an uns glauben“, sagte Kroos, „wir sind glücklich, dass wir es geschafft haben.“ Und dem Bundestrainer war dieses späte 1:1 „für die nächsten Wochen lieber als ein klares 4:0“. Weil sein Team gezeigt hatte, mit einem Rückstand umgehen zu können und sich noch belohnt hatte. Der Moral, erklärte auch der Kapitän Ilkay Gündogan, habe der Ausgang der Partie „sehr, sehr gutgetan“. Jedoch gab es auch einen Dämpfer.
Im Achtelfinale wird Jonathan Tah fehlen. Der Abwehrspieler sah seine zweite Gelbe Karte und ist für ein Spiel gesperrt. „Wir werden das auffangen“, versprach Kroos. Am Sonntag wurde für den Leverkusener Nico Schlotterbeck eingewechselt. „Er hat super verteidigt“, lobte Nagelsmann. Gut möglich, dass der Borusse am Samstag sein Heimspiel in Dortmund von Beginn an bestreiten darf.
Die Schweizer stehen übrigens auch im Achtelfinale und treffen am Samstag (18 Uhr) in Berlin auf den Zweiten der Gruppe B – aktuell ist das Italien.