EM 2024 Remo Freuler und die Schweizer – mit dem Bologna-Boost gegen Italien

Remo Freuler (jeweils rechts) und Dan Ndoye jubeln gemeinsam bei der Nationalmannschaft der Schweiz (linkes Foto) und beim FC Bologna. Foto: //Eibner-Pressefoto/Roger Buerke

Remo Freuler hat wie zwei seiner Teamkollegen eine starke Saison mit dem FC Bologna hinter sich. Das soll der Schweizer Nationalmannschaft auch im EM-Achtelfinale helfen – ausgerechnet gegen Italien.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Wie emotional die Verbindung zwischen Fußball und Italien ist, konnte man in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder beobachten. Zum bislang vorletzten Mal: am vergangenen Montag. Letztes Gruppenspiel, achte Minute der Nachspielzeit – und ein Schuss ins kollektive Glück. Mattia Zaccagnia traf zum 1:1 gegen Kroatien, schickte den Gegner nach Hause und die Italiener ins Achtelfinale gegen die Schweiz. Womit wir beim bislang letzten emotionalen Ausbruch der Tifosi wären.

 

Am Mittwoch jedenfalls war Remo Freuler der erste Spieler der Eidgenossen, der im Teamquartier in Stuttgart über das anstehende Duell sprach. Der Routinier wurde gefragt, was die Schweiz denn gelernt habe seit dem 0:3 gegen die Italiener in der Gruppenphase der Europameisterschaft vor drei Jahren. Die Antwort des Mittelfeldspielers: „Wir haben seither zweimal Unentschieden gespielt.“ Und: „Wir haben es zur WM geschafft, sie nicht.“ Das saß.

Zumindest in den Augen vieler Fans der italienischen Nationalmannschaft, die in den Sozialen Medien ihrem Ärger Luft machten. So sehr, dass sich Remo Freuler zu einer Klarstellung gezwungen sah. Es sei „nicht meine Absicht gewesen, zu provozieren oder mich über Italien lustig zu machen“. Er sagte: „Ich liebe das Land.“ Und seine Frau Kristina, die sich auch eingemischt hatte, betonte: „Wir lieben die Leute, das Land und das Leben dort.“

Man darf das den Freulers durchaus abnehmen. Von 2016 bis 2022 lebten sie schließlich in Bergamo, weil Remo Freuler bei Atalanta kickte. Und nach einem Jahr in England bei Nottingham Forest kehrten sie schon wieder nach Italien zurück. Der 32-Jährige spielt nun beim FC Bologna – und, natürlich, das Duell im Achtelfinale dieser EM an diesem Samstag in Berlin (18 Uhr) ist für ihn deshalb etwas Besonderes. Aber nicht nur für ihn.

Parallelen zwischen dem FC Bologna und dem VfB Stuttgart

In der Hauptstadt der Region Emilia-Romagna sind auch Freulers Nationalmannschaftskollegen Michel Aebischer und Dan Ndoye am Ball – und mit dem Blick auf das Gastgeberland dieser EM lassen sich da durchaus Parallelen erkennen. Zu Bayer Leverkusen, dem Überraschungsmeister. Noch mehr aber vielleicht sogar zum VfB Stuttgart.

„Ja, da gibt es schon Ähnlichkeiten“, sagte Remo Freuler am Mittwoch in Stuttgart, wo die Schweizer während der EM im Degerlocher Waldhotel residieren. Der VfB habe „guten, offensiven Fußball gespielt“, weiß er – und ist sich sicher: „Genau das hat sie in die Champions League gebracht.“ Wo ein Duell mit dem FC Bologna möglich ist.

Denn in der Serie A war die Mannschaft des Schweizer Nati-Trios die Überraschung der Saison. Nach Jahren im unteren Mittelfeld der Tabelle und einem neunten Platz startete der FC Bologna mit ansehnlichem und offensiv geprägtem Kurzpassspiel durch. „Es war bei uns ähnlich wie beim VfB, wir konnten ohne Druck, ohne Stress gegen jeden Gegner Fußball spielen.“ So reichte es am Ende zu Platz fünf, der wie in der Bundesliga auch in Italien noch zum Start in der Königsklasse berechtigt. Aber: Ähnlich wie in Stuttgart war der Erfolg Fluch und Segen zugleich.

Beim VfB hat inzwischen ein Stammspieler (Hiroki Ito) den Verein verlassen, zwei weitere (Waldemar Anton, Serhou Guirassy) sind quasi fix weg. Der FC Bologna muss derweil seinen Erfolgscoach ersetzen – Thiago Motta wechselt zur neuen Saison zu Juventus Turin. Auf die Nationalmannschaft hatte die gute Saison dagegen positive Auswirkungen. Allerdings nicht auf die italienische.

Im Kader des FC Bologna stehen schließlich eher wenige Italiener. Und der eine im EM-Aufgebot der Squadra Azzurra, Riccardo Calafiori, ist am Samstag auch noch gelbgesperrt. Aber das Schweizer Trio spielt im Team von Murat Yakin eine wichtige Rolle, der Nationaltrainer setzt zudem bewusst auf den Schwung, den Freuler, Aebischer und Ndoye aus Bologna mitgebracht haben – ähnlich, wie es der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann mit den vier Nominierten des VfB gemacht hat. Das Trio jedenfalls gehörte in allen drei Gruppenspielen zur Schweizer Startformation, beim 1:1 gegen Deutschland bereitete Freuler den Treffer von Ndoye vor.

Remo Freuler als Bodyguard von Granit Xhaka

Freuler kommt aber eigentlich eine Rolle zu, wie sie in Leverkusen der deutsche Nationalspieler Robert Andrich bei Bayer Leverkusen ausfüllt: Er hält Granit Xhaka den Rücken frei. „Ich kenne meine Qualitäten“, sagte der 32-Jährige, „und ich bin mir nicht zu schade, um auch mal ein, zwei Meter mehr zu machen.“

Das wird er auch am Samstag gegen Italien tun. In dem Wissen, für die Schweiz Großes erreichen zu können. Der Achtelfinalsieg 2021 gegen Frankreich hat den Eidgenossen Lust auf mehr gemacht. Das Aus kam vor drei Jahren im Viertelfinale gegen Spanien. Geht nun sogar mehr? Zumindest weiß Remo Freuler, dass er sich sputen muss.

Wie einige andere Stammkräfte der Schweizer ist er schon über 30 Jahre alt – und sagte: „So eine Chance kommt nicht mehr so oft wie bei jemandem, der erst 22 Jahre alt ist.“ Ein Sieg gegen Italien, dann würde es gegen die bislang eher schwachen Engländer oder die Slowakei um den Einzug ins Halbfinale gehen.

Und um jede Menge großer Emotionen.

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