Das Stuttgarter Stadion war da schon einen weiten Weg gegangen. 1929 bis 1933 unter dem Namen Stuttgarter Kampfbahn für das 15. Deutsche Turnfest erbaut, erlebte es über die Jahre diverse bauliche Veränderungen und insbesondere Namensänderungen. Von 1949 an und bis 1993 hieß es Neckarstadion – der bis heute gängige Sprachgebrauch unter den Fans. Es galt zudem als Stimmungsfriedhof im bundesweiten Vergleich. Nur in Leverkusen herrschte damals noch schlechtere Atmosphäre, hieß es unter Fans. Ausverkauftes Haus? Gab es selten bis nie, eher mussten mit Sonderaktionen und verbilligten Karten die Fans ins weite Rund gelockt werden.
In den Neunzigerjahren änderte sich das allmählich. Die Fußball-WM 1990, die EM 1992 und der VfB-Titel in der ersten gesamtdeutschen Bundesligasaison überhaupt – 20 Teams spielten mit, darunter die Ost-Clubs aus Rostock und Dresden – ließen die allgemeine Stimmung besser werden. In dieser Zeit ist Michael Fischer zum ersten Mal ins Stadion gegangen. „Ich bin mit dem VfB aufgewachsen, sozusagen mit und durch ihn für den Fußball sozialisiert worden. Mein erstes Stadionerlebnis war in der Meistersaison 1991/92, ein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt“, sagt der 40-Jährige, den viele Fans des VfB und der deutschen Nationalmannschaft kennen dürften, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben.
Seine Zaunfahne „Weiler i. d. B.“ (Weiler in den Bergen) ist seit Jahren bei allen Spielen des Clubs und der DFB-Elf präsent. „Dieser Moment, als man das weite Rund betrat, das damals noch kein Dach hatte, war monumental. Diese riesige Menschenmenge! Das musste man erst einmal verkraften. Aber es zog mich sofort in den Bann“, beschreibt Fischer sein erstes Mal in der Cannstatter Kurve. Damals noch im Bereich unter den legendären Blöcken A und B, wo die ganz eingefleischten Fans ihr Zuhause hatten. Mit dem Umbau für die Leichtathletik-WM 1993, das Stadion bekam endlich ein Dach, brach dann eine Zeitenwende an.
Permanente Veränderung als Konstante
„Über all die Jahre habe ich alle Veränderungen der Cannstatter Kurve in der jüngeren Vergangenheit mitgemacht. Der Umbau zu Leichtathletik-WM, dann die Uefa-Cup-Zeiten, oder die Champions League 2003, der Umbau für die WM 2006, dann wieder Champions League. Es ist beeindruckend, was sich da entwickelt hat“, blickt Fischer im Schnelldurchlauf zurück. „Von stimmungstechnisch eher schwierigen Zeiten bis zu denen heute, die sich teilweise wie ein Rausch anfühlen. Dazu trägt die aktuelle Mannschaft mit ihrer Spielweise einen Löwenanteil bei“, verteilt er Lob an die Vizemeister-Mannschaft und ihren Trainer Sebastian Hoeneß.
Der Coach und seine Spieler lobten in der vergangenen Saison, aber auch schon in der schwierigen Spielzeit zuvor stets den großen Rückhalt aus der Kurve, den lauten Push von den Rängen. Imposante Choreografien machen diesen speziellen Stuttgarter Fußball-Ort zudem aus.
Doch es ist nicht nur das auf dem Rasen Dargebotene, die gute Stimmung und die vielen Choreografien, die für Michael Fischer das Stadionerlebnis ausmachen. „Es geht auch darum, Freunde zu treffen, zusammen eine gute Zeit zu haben“, sagt er. Ohnehin sieht Fischer eine Veränderung zum Positiven auf den Rängen. „Mittlerweile erleben wir eine Weiterentwicklung der Fankultur, die so schon länger nicht mehr zu beobachten war. Es ist nicht mehr nur die Kurve, die Stimmung macht in Stuttgart. Es geht auch auf den anderen Tribünen ab“, erklärt Fischer, der zudem einen Generationenwechsel feststellt. „Viele Junge kommen nach, Fankultur wird weitergegeben, es entwickelt sich etwas“, meint er, „das ist schön zu beobachten.“
Die jetzt anstehende Europameisterschaft dürfte nun weitere Highlights für die Cannstatter Kurve bereithalten, ist sich der Mann aus dem Osten Baden-Württembergs sicher. „Die Heim-EM wird stark. Es sind so viele VfB-Spieler dabei“, sagt Fischer, der auf einen speziellen Moment setzt. Das Auftaktspiel des Turniers, Deutschland trifft in München auf Schottland. Das müsse man gewinnen, „dann springt der Funke über!“
Sein persönlicher Favorit unter all den Gruppenspielen ist die deutsche Partie gegen Ungarn am 19. Juni in Stuttgart. „Für mich neben Dänemark gegen England in Frankfurt das absolute Highlight-Spiel der Vorrunde“, sagt Fischer – und hat schon das Viertelfinale im Blick. Kommt Deutschland als Gruppenerster weiter und übersteht auch das Achtelfinale, wird die Nationalelf wieder in Stuttgart spielen. „Das wäre phänomenal“, jubelt Fischer. Wenn es so kommt, dann ist er sich sicher: Die Stimmung in der Cannstatter Kurve wird nichts mehr mit dem Stimmungsfriedhof von früher zu tun haben.
Ihre speziellen Fußball-Orte
Unsere Reihe
Wir stellen in einer kleinen Reihe ohne Anspruch auf Vollständigkeit spezielle Fußball-Orte in Stuttgart vor. Den Auftakt machte der Bolzplatz an der Fleiner Straße, auf dem einst Hansi Müller das Kicken lernte. Es folgten der B-Block im Gazi-Stadion und die Gaststätte des PSV Stuttgart. Weitere Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Tagen.
Ihre Erfahrungen
Uns interessieren aber natürlich auch Ihre und eure Erfahrungen. Was sind Ihre und eure speziellen Fußball-Orte in Stuttgart – und warum? Schreiben Sie uns gerne unter topsport@stzn.de.