Wie gesagt, Ralf Rangnick hat nach Jahrzehnten im Fußballbusiness viele solcher Geschichten auf Lager. Meist geht es um große Talente, die Rangnick früh entdeckt hat, wie einst auch den Brasilianer Ronaldo, den er 1994 fast nach Stuttgart geholt hätte. Er könnte aber wohl ähnlich viel erzählen über junge Trainer. Zum Beispiel über Domenico Tedesco.
Der ist heute Nationaltrainer Belgiens, steigt wie Rangnick an diesem Montag ins EM-Turnier ein (18 Uhr/Slowakei) – und ist als Coach zwar kein waschechter Zögling des württembergischen Visionärs. Beeinflusst von Rangnick ist Tedesco aber auf jeden Fall. Wie übrigens auch Julian Nagelsmann.
Das sind die drei deutschen Trainer, die bei dieser EM Mannschaften betreuen. Nagelsmann, der Rangnick in Hoffenheim und Leipzig folgte, hat seinen Traumstart schon hinter sich (5:1 mit Deutschland gegen Schottland), die beiden anderen wollen am Montag nachziehen – und befinden sich in ganz ähnlichen Rollen. Als Geheimfavorit.
„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Österreich Europameister wird“, sagte Rangnick jüngst zwar. Er betonte aber auch: „Völlig ausgeschlossen ist es nicht.“ Und die Belgier gehören seit einigen Jahren ohnehin zu jenen, die abseits der großen Favoriten als Titelanwärter genannt werden. Auch wenn Tedesco vor dem Auftakt erst einmal keine großen Parolen nennt. Eine Enttäuschung sei das Turnier für ihn lediglich, „wenn wir in der Gruppenphase ausscheiden“.
Domenico Tedesco hospitierte einst bei Ralf Rangnick
Nationaltrainer Belgiens ist der 38-Jährige seit Februar 2023, nach dem Vorrundenaus bei der WM 2022 war Roberto Martinez zurückgetreten. Tedesco war richtiggehend heiß auf den Job, obwohl er zuvor immer Vereinstrainer gewesen war. Unter anderem beim VfB Stuttgart, der TSG Hoffenheim (beide Jugend), beim FC Schalke 04 und bei RB Leipzig. Stationen, die allesamt auch in der Vita Rangnicks vorkommen. Seine Anfänge der Trainerausbildung absolvierte der Mann aus Aichwald (Kreis Esslingen) zudem beim Lehrstab des Württembergischen Fußballbundes (WFV), den Rangnick zu Beginn der 1990er-Jahre maßgeblich geprägt hat. Und: Im Rahmen seiner Ausbildung zum Fußballlehrer hospitierte Tedesco einst beim erfahrenen Kollegen in Leipzig.
Domenico Tedesco war damals, 2016, übrigens Jahrgangsbester – im Lehrgang, dem auch Julian Nagelsmann angehörte. Man kenne und schätze sich sehr, heißt es aus dem Umfeld Tedescos zu dessen Verhältnis mit Ralf Rangnick. Ähnlich einseitig wahrgenommen wurden sie anfangs auch.
Rangnick galt einst als Fußballprofessor – spätestens, als er im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF über seine Pläne an der Taktiktafel referierte. Und Tedesco meinte kürzlich im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Man hat mich in eine Schublade gesteckt und einen Laptop-Trainer genannt, als ich zu meiner Zeit auf Schalke zu taktischen Fragen interviewt wurde und taktische Antworten gegeben habe.“
Aus dem Professor Rangnick ist längst ein erfolgreicher Projektleiter geworden, der stets mehr als Fußballmannschaften aufgebaut hat. Er hat sich mit seinem Intermezzo bei Manchester United den Traum von der Premier League erfüllt – und geht nun in der Aufgabe auf, den österreichischen Fußball auf ein neues Level zu hieven. Dafür sagte er sogar dem FC Bayern ab. „Es war“, sagte Rangnick dem „Kicker“, „eine der schwierigsten beruflichen Entscheidungen, die ich in meiner Karriere treffen musste.“
Duell im Achtelfinale möglich
Domenico Tedesco, der wie Rangnick nie ein erfolgreicher Profi gewesen ist, betont, wie wichtig ihm neben der akribischen Trainings- und Analysearbeit die „Kommunikation“ ist. Stück für Stück hat er sich vom talentierten Jugendtrainer zum gefragten Proficoach hochgearbeitet. „Pudelwohl“ fühle er sich nun in Belgien. Und damit die Spekulationen um eine schnelle Rückkehr in den Vereinsfußball nicht Fahrt aufnehmen, hat er noch vor der EM seinen Vertrag bei den Red Devils bis 2026 verlängert.
Mit denen will er nun den erfolgreichen Übergang schaffen von der Goldenen Generation in eine neue Ära mit vielen jungen Talenten, die in ganz Europa kicken. Ralf Rangnicks österreichisches Team ist vor allem mit Stars aus der deutschen Bundesliga gespickt und vielleicht so gut wie noch nie. Für beide beginnt nun ihr erstes großes Turnier mit einem Nationalteam. Und sollten sie in den Endrunden-Gruppen D (Österreich) und E (Belgien) je Zweiter werden, gibt es im Achtelfinale ein Wiedersehen.
Das irgendwie passend wäre.