EM 2024 Warum sich Schweizer und Belgier für die Region entschieden haben

Murat Yakin (li.) kommt mit der Schweiz nach Stuttgart, Domenico Tedesco mit Belgien nach Ludwigsburg. Foto: AFP/ODD ANDERSEN

Murat Yakin und Domenico Tedesco haben je eine Verbindung zu Stuttgart und der Region. Wohnen Schweizer und Belgier während der EM 2024 deshalb hier? Ganz im Gegenteil.

Eigentlich war die Wahl ja von vorneherein ganz logisch. Domenico Tedesco hat zwar italienische Wurzeln und ist nun belgischer Nationaltrainer, seine Heimat ist aber die Region Stuttgart. Er ist in Aichwald im Kreis Esslingen aufgewachsen, war einst Jugendtrainer beim VfB Stuttgart. Bei der Europameisterschaft tragen seine Roten Teufel eines ihrer drei Vorrundenspiele in der Stuttgarter MHP-Arena aus – da lag es doch nahe, dass der Coach das Praktische mit Nützlichen verbindet. Und mit seinem Team Quartier in der Region bezieht. Und tatsächlich sagt er nun, da der Turnierstart immer näher rückt: „Manchmal schließt sich eben der Kreis.“

 

Tatsächlich bewohnen die Belgier während der EM in Deutschland das Schlosshotel Monrepos in Ludwigsburg. Aber eben nicht, weil es Tedescos drängendster Wunsch gewesen ist, zwischendurch auch mal kurz nach Hause nach Fellbach düsen zu können. Ganz im Gegenteil: „Eigentlich wollten wir Stuttgart und die Heimat meiden.“

Tedesco wollte sich ganz bewusst dem möglichen Vorwurf entziehen, er und sein Assistent Andreas Hinkel (er stammt Leutenbach im Rems-Murr-Kreis) würden es sich durch die Quartierwahl nahe des Zuhauses irgendwie leicht machen. Das Argument hätte kommen können, obwohl der Trainer versichert: „Diese Nähe bringt mir gar nichts, weil ich das Hotel ohnehin nicht verlassen werde, um die Familie zu sehen.“ Auf Nummer sicher wollte er dennoch gehen. Also schaute sich der belgische Verband bundesweit nach einem geeigneten Basislager um.

Zumindest Süddeutschland war dann schnell auserkoren. „Aber wir hatten andere Ideen im Kopf“ als das Hotel in Ludwigsburg. Doch der Verband brachte das Anwesen ins Spiel – und nach einem Ortsbesuch hatte auch Domenico Tedesco „ein richtig gutes Gefühl“. Nun sagt er: „Dieses Quartier ergibt für uns aus mehreren Gründen Sinn.“

Kurze Wege nach Freiberg

Zum einen seien das die Menschen, die im Hotel arbeiten. „Die sind immer das Wichtigste“, sagt Tedesco und berichtet, dass er miterlebt hat, wie sogar der Geschäftsführer bei der angeregten Umgestaltung einiger Hotelbereiche selbst mit Hand angelegt hat: „Das ist nicht selbstverständlich.“ Zudem sei das Trainingsgelände beim SGV Freiberg sehr gut zu erreichen.

Eigentlich gehörte die Anlage des FSV Bissingen zum Paket des Hotels Monrepos. Dorthin, hat das belgische Trainerteam bei einem Versuch festgestellt, können aber die zehn Ampeln die Anfahrt zeitlich ganz schön ausdehnen. Also wird nun bei den Freibergern trainiert, in „sechs, sieben Minuten“ sei das Gelände erreichbar. „Die Rahmenbedingungen“, sagt Domenico Tedesco, „sind nun so, wie wir uns das vorstellen.“

So ähnlich äußert sich auch Murat Yakin. Der Nationaltrainer des Schweizer Mannschaft hat ebenfalls einen Bezug zu Stuttgart – er spielte als Profi einst beim VfB. Doch auch bei ihm hat die Auswahl des Quartiers nichts mit dieser Verbindung zu tun. Dass er mit seinem Team im Waldhotel in Stuttgart-Degerloch logiert, hat andere Gründe.

Zum einen, dass er sich Tedescos Gedanken über die Fahrt zum Trainingsgelände gar nicht erst machen muss. Geübt wird im Gazistadion, „das Trainingsfeld“, sagt Yakin, „ist fußläufig zu erreichen“. Zwar absolvieren die Schweizer im Gegensatz zu den Belgiern keine Vorrundenpartie in Stuttgart. Der Nationaltrainer sagt dennoch: „Das Paket stimmt einfach. Nach dem Besuch in Degerloch war klar, dass das absolut perfekt passt.“

Die Spielorte Köln und Frankfurt seien „schnell zu erreichen“, derzeit wird überlegt, ob die Eidgenossen von Stuttgart aus jeweils mit dem Zug anreisen werden. „Hinzu kommt die Nähe zur Schweiz“, ergänzt Yakin, weshalb auch die Stadt Stuttgart mit einigen EM-Touristen aus dem Nachbarland rechnet. Zudem preist der frühere Mittelfeldspieler die Lage des Waldhotels.

Vier Teams in Baden-Württemberg

Zum einen architektonisch: „Die Hufeisenform des Gebäudes mit dem Innenhof gefällt mir für das Zusammenleben während des Turniers.“ Zum anderen durch die unmittelbare Nähe zur Natur: „Man hat am Waldrand abseits des großen Trubels auch die nötige Ruhe – was natürlich nicht heißt, dass es verboten ist, mal in die Stadt zu gehen und einen Kaffee zu trinken.“ Das Quartier in Stuttgart sei für die Schweizer also „rundum stimmig“.

Neben den Belgiern und den Schweizern beziehen übrigens zwei weitere Nationalteams während der EM Quartier in Baden-Württemberg: die Spanier in Donaueschingen und die Dänen in Freudenstadt.

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