EM in der Schweiz Wer ist die Nummer eins im Frauenfußball?

Die DFB-Frauen wollen bei der EM den Titel holen. Foto: IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Nicht nur bei der EM in der Schweiz spielen die führenden Nationen im Frauenfußball um die Spitze – auch auf Vereinsebene tobt ein spannendes Rennen. Eine Analyse.

Sport: Marco Seliger (sem)

Jule Brand spielt an diesem Samstag auch gegen ihre Zukunft. Im EM-Viertelfinale in Basel (21 Uhr/ZDF) trifft die Außenstürmerin mit der DFB-Elf auf Frankreich und damit auf einige ihrer künftigen Teamkolleginnen von Olympique Lyon. Für die 22-Jährige werden sich nach der EM in der Schweiz beim achtfachen Champions-League-Sieger in Frankreich neue Horizonte eröffnen – auch finanziell: Mit ihrem geschätzten Jahreseinkommen von 600 000 Euro wird Brand zur bestbezahlten deutschen Nationalspielerin.

 

Frankreich, das war über mehrere Jahre hinweg auf Club-Ebene schon so etwas wie das Gelobte Land des Frauenfußballs: wegen Olympique Lyon. Die Geschichte des Clubs ist jene des Multimillionärs Jean-Michel Aulas, der seit Beginn seines Engagements im Jahr 2004 den Vorreiter und Investor gab. Er schuf Profibedingungen für die Frauen, holte die besten Spielerinnen und feierte große Erfolge.

Inzwischen hat eine US-Milliardärin die Olympique-Frauen als Investorin übernommen, und, na klar, auch sie spart nicht. Ein neues Trainingszentrum samt Einrichtungen für Mütter im Kader, das sind nur einige der nächsten Schritte. Neuverpflichtungen wie jene von Jule Brand (kommt vom VfL Wolfsburg) sollen Lyon zurück auf die europäische Spitze führen, nachdem der FC Barcelona und die englischen Spitzenclubs (etwa mit dem aktuellen Champions-League-Sieger FC Arsenal) zuletzt zum Überholmanöver angesetzt haben. Teils auch mit Investoren, die den Frauenfußball als Geschäftsfeld entdeckt haben.

Der FC Bayern scheitert an Lyon

Bei den Spitzenclubs der Bundesliga gibt es solche Modelle nicht. Der FC Bayern, der das Gros der deutschen Nationalelf stellt, ist in der vergangenen Champions-League-Saison im Viertelfinale klar an Olympique Lyon gescheitert. Dreimal nacheinander wurden die Münchnerinnen zuletzt deutscher Meister. Der große internationale Wurf blieb bisher aus.

Bianca Rech, Frauenfußballdirektorin des FC Bayern, sieht eine Sache mit Blick auf die zahlungskräftigere Konkurrenz aus Lyon oder England kritisch: „Investoren, die mit Geld um sich schmeißen, tun dem Frauenfußball nicht gut“, sagt sie. Was Rech Sorge bereitet: Bei den wenigen überragenden Spielerinnen spielt der internationale Markt verrückt – die Preise explodieren im Wettrüsten der zahlungskräftigen Clubs. Organisches Wachstum wird so teils ad absurdum geführt.

Wie es funktionieren kann mit einer natürlichen Entwicklung, das zeigt der FC Barcelona. Drei Champions-League-Titel in den vergangenen fünf Jahren, das ist die Erfolgsbilanz der Barca-Frauen, die den Stamm des auch bei der EM in der Schweiz überragend aufspielenden spanischen Weltmeisterteams stellen.

Wie selbstverständlich leben nun auch Mädchen in der berühmten Jugendakademie La Masia. Im aktuellen Barca-Kader stehen sieben Spielerinnen, die von dort kommen. Zwei davon (Aitana Bonmati und Alexia Putellas) wurden zuletzt Weltfußballerinnen. Sie sind auch bei der EM, bei der Spanien an diesem Freitag (21 Uhr/ARD) auf den Gastgeber Schweiz trifft, prägende Figuren.

Real Madrid will mithalten

Das Bekenntnis des FC Barcelona zum Frauenfußball hat den ewigen Rivalen Real Madrid längst auf den Plan gerufen. So investieren auch die Königlichen massiv und wollen dem Konkurrenten auf Sicht die Stirn bieten – ansonsten aber gibt es noch nicht viel auf Vereinsebene in Spanien. Fernab einiger weniger großer Spiele des FC Barcelona finden die Liga-Partien teils vor ein paar Hundert Zuschauern statt, das Gefälle zwischen den Clubs ist riesig. Allein: die spanische Frauen-Liga steuert dagegen an. So gibt es für die nächsten fünf Jahre einen TV-Vertrag, der 40 Millionen Euro einbringt – die auf alle Clubs verteilt werden.

Über solche Zahlen wiederum können einige englische Vereine nur müde lächeln. Die Super League generiert schon jetzt jährliche TV-Einnahmen von 15 Millionen Euro – und damit dreimal so viel wie die Bundesliga. Mit einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro ist die englische Liga die reichste Europas. Zum Vergleich: die Bundesliga kommt auf 31 Millionen. Es gibt in England 24 Profiteams, keine andere Liga ist so stark und ausgeglichen. Fast alle großen Clubs haben den Frauenfußball für sich entdeckt und investieren kräftig. Vorreiter sind der FC Chelsea, der FC Arsenal sowie Manchester City und United. Beim FA-Cup-Finale im Mai zwischen Chelsea und ManUnited war das Londoner Wembleystadion mit 77 000 Zuschauern ausverkauft – nur ein Indiz für den Boom, den der Frauenfußball auf der Insel erlebt. Als Booster für die Euphorie diente die EM 2022, als die englische Elf die deutsche im ausverkauften Wembley im Finale bezwang.

Die Bundesliga stockt auf

Die Bundesliga wiederum will im internationalen Vergleich Schritt halten. Zwei der jüngsten Maßnahmen: Die Liga wurde zur neuen Saison von zwölf auf 14 Teams aufgestockt, bald muss jeder Verein zudem ein Nachwuchsleistungszentrum für den weiblichen Bereich haben. Bianca Rech, Direktorin des FC Bayern, sieht die Liga mit der englischen „unter den Top zwei in Europa“, gerade mit Blick auf die Ausgeglichenheit und das geringere Leistungsgefälle zwischen den Vereinen im Vergleich zu Frankreich – auch hier kommt neben Lyon und dem zweiten Spitzenclub Paris Saint-Germain wenig – und Spanien. „Wir haben“, sagt Rech, „viel mehr Sichtbarkeit als die anderen.“

Um künftig mehr gesehen zu werden als der französische Fußball, würde dem deutschen ein Sieg des achtfachen Europameisters im Viertelfinalduell an diesem Samstag gegen die Equipe Tricolore (noch kein EM-Titel) so ganz nebenbei auch nicht schaden.

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