Eminem in Hannover Godzilla und die Apokalypse in der Motor City

Von Mario Moers 

Nicht lieb, aber teuer: In Hannover gibt der Rap-Superstar Eminem sein einziges Deutschland-Konzert und feuert dabei Jähzorns-Hymnen in den Himmel.

Die Aufnahme zeigt den US-Rapper Eminem bei der Arbeit – aber nicht bei seinem Konzert  in Hannover, wo keine Pressefotografen  zugelassen waren. Foto: dpa
Die Aufnahme zeigt den US-Rapper Eminem bei der Arbeit – aber nicht bei seinem Konzert in Hannover, wo keine Pressefotografen zugelassen waren. Foto: dpa

Hannover - Die Erwartungen sind groß auf dem Messegelände in Hannover, aber Eminem ist größer. Noch bevor der Rap-Superstar für sein einziges Deutschland-Konzert die Bühne betritt, erscheint er als Gigant auf der Videowand. Wie Godzilla stampft er zwischen Wolkenkratzern umher. Oben trägt er eine Kapuzenjacke in Flecktarn, unten weiße Turnschuhe, Typ Nike Air Force One. Er zertrampelt er ein Auto und reckt die Mittelfinger in die Kamera. „Fuck, ass, shit“, ruft der Rap-Riese. Dann fällt der Vorhang. Da steht er: Gefühlte 75 000 Smartphones richten ihre Linse auf Eminem. Der Dauerregen des Tages hat sich verzogen. Die ersten Verse des Mannes gehen unter im tosenden Jubel.

„Es gibt kein Anzeichen, dass ich ruhiger werde, diese Zeilen sind meine Kugel. Ich lade sie und eröffne das Feuer“: Der 45-Jährige eröffnet das Konzert mit „Medicine Man“ – und die Zeilen geben vor, was die Fans in den kommenden zwei Stunden erleben sollen. „Es ist schon lange her. Habt ihr mich vermisst?“, ruft er. 2003 stand er das letzte Mal auf einer deutschen Bühne.

Bis auf den Dreitagebart sieht Eminem immer noch aus wie der Eminem der Jahrtausendwende: Retro-Jogginganzug, Kapuze im Gesicht, T-Shirt-Hommage an den Rap-Pionier Rakeem. Das Wichtigste: Er klingt wie Eminem und bewegt sich auch mit 45 Jahren noch wie die aufstrebende Rap-Sensation, die er damals war. Kaum zu glauben, dass zwischen diesem Auftritt und seinem Debüt „The Slim Shady LP“ fast zwanzig Jahre liegen.

Minimalistische Rap-Show mit Live-Atmosphäre

Das rund dreißig Songs umfassende Set ist gespickt mit allen Hits, vom jähzornigen „I just don’t give a Fuck“ über den hymnischen Charterfolg „Love the Way you lie“, den Rap-Rock-Stampfer „Lose yourself“, das muntern-alberne „Without me“ und natürlich „Stan“, den Feuerzeugsong.

Neben Eminem, seinem Support-Rapper Mr. Porter und der Sängerin Skylar Grey steht eine Liveband. Dahinter zeigt die Videowand eine post-apokalyptische Industrie-Skyline – die überzeichnete Motor City Detroit. Die Band verleiht der minimalistischen Rap-Show die Liveatmosphäre, ohne die ein Konzert dieser Größe nicht auskommt. Natürlich ist so ein Event Lichtjahre entfernt von der Intimität der Rap-Wettstreits, wie sie im Eminem-Biopic „8 Mile“ zu sehen sind. Den Fans ist das egal. „Thank you for coming!“ steht auf einem Schild, das ein Eminem-Anhänger hochhält.

Auch wenn die internationale Presse die erste Hälfte der Revival-Tour kritisch besprochen hat, sind die Fans in Hannover glücklich. Das „St. Galler Tagblatt“ beklagt nach einem Auftritt in der Schweiz, dass es „dem bis auf die Sekunde getakteten Konzert an Spontanität“ fehle. Auf dem Roskilde-Open-Air bemängeln Besucher, dass die Musik in den hinteren Reihen kaum zu hören war. In Hannover stimmt der Sound. „Mit einer der Boxen könnte man ganz Uetze beschallen“, urteilt ein Fan mit Blick auf die Power-Anlage. Überhaupt wirken die meisten Fans auch klitschnass und durchgefroren sehr zufrieden. Sie haben bis zu 650 Euro (Ultimate-VIP-Ticket) bezahlt, um das Idol ihrer Jugend live zu erleben, und genau das wird ihnen bei der Eminem-Show geboten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.