Emmys: Rekord für „Game of Thrones“ Serien können die Welt verändern

Die als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnete Tatiana Maslany spielt in „Orphan Black“ fünf Klone mit sehr unterschiedlichen Charakteren Foto: Verleih
Die als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnete Tatiana Maslany spielt in „Orphan Black“ fünf Klone mit sehr unterschiedlichen Charakteren Foto: Verleih

Und der Gewinner ist: „Game of Thrones“! Die Fantasy-Serie, inzwischen vor ihrer siebten Staffel, hat bei den Emmy-Awards weitere 12 Auszeichnungen abgeräumt und mit nun insgesamt 38 einen neuen Rekord aufgestellt. Doch nicht in allen Kategorien entsprachen die Ergebnisse den Erwartungen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Hollywood - Immer die selben? Ja, aus gutem Grund: Von den etwa 400 Serien, die in den USA pro Jahr produziert werden, ragt selten mehr als ein gutes Dutzend heraus. Wie bei den Oscars im übrigen auch, wo regelmäßig nur ein kleiner Kreis von Filmen überhaupt in die Endauswahl kommt. Der Unterschied: Manche Serien laufen über viele Staffeln, ohne nachzulassen.

Game of Thrones“ zum Beispiel. Kaum irgendwo kommt man dem Geist Shakespeares näher als in dieser mittelalterlich anmutenden Fantasiewelt voller Intrigen, Mord und Totschlag. Mehrere Adelsdynastien rangeln da um den Königsthron, in der jüngsten, sechsten Staffel auch noch beharkt von aggressiven religiösen Dogmatikern. Darum ist der zweite Emmy in Folge für die beste Drama-Serie auch diesmal verdient, genau wie der für die beiden Showrunner David Benioff und D. B. Weiss und ihre Erzählkunst. Sie haben das epische Drama nun von George R. R. Martins Buchreihe gelöst und mit Raffinesse fortgeschrieben.

Da sitzt jedes Wort, wenn Bastarde, Prinzessinnen und Offiziere vor der Schlacht Strategien und Chancen ausloten, und die Präzision setzt sich in der Regie fort: Auch Miguel Sapochnik hat einen Emmy bekommen für eines der atemberaubendsten Schlachtengemälde der Filmgeschichte in der neunten Folge und für die Klarheit, mit der er die Schauspieler zu Höchstleistungen animiert hat. Diese gingen alle leer aus: Peter Dinklage als durchtriebener Strippenzieher Tyrion Lannister hat ja schon zwei Emmys, aber Lena Headey als geschundene Tyrannin Cersei Lannister und die zierliche Emilia Clarke, die als Drachenflüsterin Daenerys Targaryen alle Männer überstrahlt, hätten im jeweils dritten Anlauf einen Preis wirklich verdient gehabt.

Auch ein wenig politisch wurde Preisverleihung

Den Emmy für die besten visuellen Effekte gab es auch, natürlich für die Schlacht, die leider ohne Stuttgarter Beteiligung enstanden ist – Stuttgarter Firmen Mackevision (ein Emmy) und Pixomondo (zwei Emmys) haben in den Vorjahren international für Aufsehen gesorgt mit ihrer Mitwirkung an der lebensechten digitalen Ausgestaltung der „Game of Thrones“-Welt. Deutsche Akteure spielen ohnehin kaum eine Rolle bei den Emmys. Schon die Kinobranche spürt die Konkurrenz stark erzählter, stringent inszenierter, gekonnt gespielter und in brillante Bilder verpackter Qualitätsserien, der Abstand zur deutschen Fernsehunterhaltung aber entspricht etwa dem zwischen dem FC Barcelona und der in der dritten Liga wirklich erfolgreichen SG Sonnenhof Großaspach – mit dem Unterschied, dass deutsche Fernsehsender im internationalen Vergleich finanziell üppig ausgestattet sind.

Auch ein wenig politisch entwickelte sich die Preisverleihung am Sonntagabend. Zum fünften Mal in Folge wurde Julia Louis-Dreyfus als beste Komödiendarstellerin ausgezeichnet – sie spielt in der zum zweiten Mal in Folge als beste Comedy-Serie ausgezeichneten HBO-Produktion „Veep“ die US-amerikanische Vizepräsidentin und führt sehr amüsant vor, wie schwierig es ist, diesem Amt ohne Machtbefugnisse einen Sinn abzugewinnen. In ihrer Dankesrede zollte sie dem laufenden US-Wahlkampf Tribut und sagte in Anspielung auf eine Äußerung des Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump: „,Veep‘ hat die Mauer zwischen Comedy und Politik eingerissen. Ich verspreche, ich werde diese Mauer wieder aufbauen – und Mexiko wird dafür zahlen!“

Jeffrey Tambour verteidigte seinen Vorjahres-Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Komödien-Serie, wobei die Kritik an der Kategorisierung diesmal deutlicher ausfiel als 2015: Tambour spielt in der Amazon-Serie „Transparent“ einen transsexuellen Vater, der zur Frau wird und seine Familie in Verwirrung stürzt. Unter der komödiantischen Oberfläche bietet die Serie jene ernsthafte und fundierte Auseinandersetzung mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, die viele Politiker auch in Deutschland scheuen. Moderator Jimmy Kimmel witzelte: „,Transparent‘ ist als Drama geboren worden, aber identifiziert sich selbst heute als Comedy.“

Kevin Spacey und Robin Wright gehen wieder leer aus

Die „Transparent“-Schöpferin Jill Soloway, die die Serie aufgrund eigener Erfahrungen mit ihrem realen Vater entwickelt hat, bekam einen Emmy für die beste Komödien-Regie. Ihre Ansprache berührte das Publikum: „Wenn man Frauen, Farbige, Transsexuelle, Homosexuelle ins Zentrum der Geschichte rückt, sie zu Subjekten macht statt zu Objekten, verändert man die Welt – wir haben das herausgefunden!“, rief sie. Sie habe immer Teil einer Bewegung sein, diese Serie erlaube es ihr nun, Angehörige von Minderheiten zu Helden zu machen. „Topple the patriarchy!“, rief sie zum Abschluss in den Saal, „Stürzt das Patriarchat!“.

Bei den Hauptdarstellern in der der Kategorie Drama hatten viele erwartet, dass Kevin Spacey im vierten Anlauf und Robin Wright im zweiten Anlauf für ihre wirklich herausragenden Darbietungen als intrigantes US-Präsidenten-Ehepaar in der Netflix-Serie „House of Cards“ zum Zuge kommen würden – stattdessen aber gingen die Emmys an zwei Nachwuchstalente, die sie nicht minder verdient haben. Tatiana Maslany spielt in der TV-Serie „Ophan Black“ die verfolgten Ergebnisse eines Klon-Experiments: Drogenkurierin Sarah, Wissenschaftlerin Cosima, Hausfrau Alison, Business-Lady Rachel, Psychopathin Helena – in manchen Szenen mehrere gleichzeitig, alle erstaunlich scharf gezeichnet. Bei den Männern wurde nach nur einer Staffel in der Serie „Mr. Robot“ Rami Malek bedacht. Er verkörpert darin sehr nuancenreich einen hochbegabten Computer-Hacker mit Depressionen, Wahnvorstellungen und Gedächtnislücken, der in die Fänge eines Radikalen gerät, für den er die Schulden aller Menschen tilgen soll.

Bei den Mini-Serien wurde die Dänin Susanne Bier ausgezeichnet für die Regie von „The Night Manager“ nach John Le Carré, ein spannender Thriller-Stoff um das Agentendasein und den Waffenhandel. Der Emmy für die beste Miniserie ging an „The People vs. O. J. Simpson. American Crime Story“, die sich um den Mordprozess gegen den früheren Footballstar dreht. Auch die Drehbucharbeit wurde prämiert, und tatsächlich ist die Geschichte weit mehr als ein Gerichtsdrama, sie verhandelt auch Diskriminierung und Rassismus – in den USA ein Thema nicht nur im Alltag, sondern auch bei den diesjährigen, von Weißen dominierten Oscars. Alan Yang, mit einem Emmy bedachter Autor der Comedy-Serie „Master of None“, forderte prompt mehr Geschichten über Amerikaner mit asiatischen Wurzeln. Moderator Kimmel kommentierte: „Das einzige, was uns hier in Hollywood wichtiger ist, als für Vielfalt einzutreten, ist uns selbst dafür auf die Schulter zu klopfen, wie sehr wir für Vielfalt eintreten.“

Maggie Smith hat wieder gewonnen – und ist wieder nicht erschienen

Für viele eine Überraschung, in der Sache aber völlig gerechtfertigt: Der Nebenrollen-Emmy für den Australier Ben Mendelssohn in der Netflix-Serie „Bloodline“ („Stammbaum“). Im Zentrum steht ein Familienhotel auf den Florida Keys, das die alten Eltern führen, während ihre drei erwachsenen Kinder sie umkreisen. Drei? Nein, vier: Das schwarze Schaf Danny kehrt mit dem Bus zurück und mit ihm ein altes, nie verheiltes Familientrauma, das nun wieder aufbricht wie eine eiternde Wunde. Mendelssohn brilliert als Danny, der alle gegeneinander ausspielt und ihnen bald unverhohlen droht.

Und die Britin Maggie Smith bekam ihren dritten Nebenrollen-Emmy für ihre Auftritte in „Downton Abbey“, war wie schon im Vorjahr aber nicht anwesend. „Wir werden das nicht verschicken, Maggie“, sagte der gut aufgelegte Kimmel, der die Emmys wesntlich versöhnlicher gestaltete als im Feebruar Chrius Rock die Oscars – „wenn du das haben willst, frag beim Fundbüro!“.




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