Emotionale Debatte in Stuttgart Das Aus für alle Werkrealschulen wackelt – Bürgermeisterin wünscht sich „Mut“

Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer hat viel vor. Auch die Uhlandschule soll eine reine Grundschule werden. Foto: Bernd Zeyer

Bekommt die Verwaltung für ihren Plan, die Schulart abzuwickeln, keine Mehrheit? Mindestens CDU und SPD wollen einzelne Schulen erhalten. Allerdings wäre das nicht so einfach.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Die Stuttgarter Schullandschaft wird aktuell neu sortiert. Statt auf bisher drei Säulen (Gymnasium, Realschule und Werkrealschule) plus Gemeinschaftsschule will das Bildungsreferat auf nur noch zwei Säulen setzen, bestehend aus Gymnasium sowie Realschule/Gemeinschaftsschule. Die Werkrealschule (WRS) soll abgewickelt werden. Doch der Widerstand in den Bezirken gegen das Aus der Schulform wächst. Es deutet sich an, dass der Plan im Dezember im Gemeinderat die Mehrheit verfehlen könnte.

 

CDU, SPD und AfD äußerten im aktuellen Schulbeirat Bedenken, sich von allen sieben verbleibenden Werkrealschulen im Stadtgebiet zu verabschieden. Auch die Linksfraktion hat noch „ganz viele Fragezeichen“, so Stadträtin Manja Reinholdt. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) appellierte wiederum an die Fraktionen: „Ich wünsche mir Mut.“ Sie verwies auf die Stadt Hamburg, die sehr gute Erfahrungen mit ihrem Zwei-Säulen-Modell mache.

Drei von sieben Werkrealschulen ohne Klasse 5 in diesem Schuljahr

Hintergrund der Pläne ist, dass das Land den Werkrealschulabschluss abgeschafft hat. Die aktuellen Fünfklässler können an der Schulart nur noch einen Hauptschulabschluss ablegen. Für die Neuntklässler wurde die Notenhürde für den Übergang in die Stufe 10 verschärft, sodass die Stadt auch hier mit rückläufigen Abschlusszahlen rechnet.

Überhaupt sind die Schülerzahlen an den Stuttgarter WRS seit Jahren stark gesunken – auf nur noch 1578 im Schuljahr 2024/25. Zum Vergleich: die Gemeinschaftsschulen liegen bei 3127 Schülerinnen und Schülern, die Realschulen bei 6454. In diesem Schuljahr konnten drei der sieben WRS keine fünfte Klasse bilden. Jeweils 16 Anmeldungen wären dafür nötig gewesen.

Doch ein Teil der Fraktionen stellt sich gegen die Abwicklung. Die CDU sieht „die Notwendigkeit, einige Standorte zu erhalten“, wie es Stadträtin Anita von Brühl ausdrückte. Sie verwies auf die besondere Schülerschaft der Werkrealschule, die häufig durchs Raster falle. Diese Kinder bräuchten „mehr Beziehung“ und „mehr Begleitung“, wie es durch das Klassenlehrerprinzip gelebt werde. Eine ähnlich intensive Betreuung könnten Real- und Gemeinschaftsschulen nicht bieten.

Für die SPD-Fraktionsvorsitzende Jasmin Meergans ist die Schulgesetzänderung eine „Vollkatastrophe“. Sie plädiert ebenfalls für den Erhalt einiger Standorte. Alle zu schließen, „ist für uns verfrüht“, so Meergans. Man würde die Realschulen sonst „ein stückweit überfordern“. Auch sei es problematisch, wenn es diese „Rückfalloption Werkrealschule“ nicht mehr gäbe.

Manja Reinholdt von den Linken sprach zudem die Situation in den Neckarvororten an. In Wangen soll die Werkrealschule abgewickelt werden, die Untertürkheimer Linden-Realschule platze „komplett aus allen Nähten“. Da könne Schulentwicklung nicht von heute auf morgen stattfinden. Siegfried Fachet von der AfD will ebenfalls „nicht“, dass man den Schultyp hier in Stuttgart „plattmacht.“

Schulleiter: Lerngruppen, „in denen sich die Probleme wirklich ballen“

Das war viel Gegenwind für die Verwaltung. Noch mehr dürfte in den Stadtbezirken auf die Fachfrauen vom Schulverwaltungsamt zukommen, die in diesen Tagen und Wochen die Pläne in den Gremien vorstellen. „Das werden keine einfachen Gespräche“, prognostizierte Fabian Reger von den Grünen, der davon ausgeht, dass die Verwaltung „mit großem Widerstand rechnen“ muss.

Schulleiter Gerhard Menrad steht hinter den Plänen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Rückendeckung erhält die Stadt dafür vom Geschäftsführenden Schulleiter Gerhard Menrad, der für die Realschulen, Gemeinschaftsschulen und Werkrealschulen spricht: Das dreigliedrige Schulsystem „hat uns nicht nach vorne gebracht“. Er betonte zwar die gute Arbeit, die an den Werkrealschulen geleistet werde, wies aber darauf hin, dass man dort Lerngruppen habe, „in denen sich die Probleme wirklich ballen“. Der Anteil an Kindern mit inklusivem Förderbedarf sowie aus bildungsfernen Haushalten sei überproportional hoch, genauso wie der Anteil derjenigen mit Deutsch als zweiter Fremdsprache. Die Wissenschaft definiere ein förderliches Lernumfeld anders.

Schulamtsleiter Thomas Schenk warnte die Fraktionen, den Prozess zu verschleppen. Dann drohe ein ungeordnetes Verfahren. Kann eine Schule zwei Schuljahre hintereinander keine Eingangsklasse bilden, werde diese vom Land geschlossen. Er glaubt, dass perspektivisch auch den Schulen, die einige Fraktionen nun erhalten wollen, die Schüler ausgehen. Würde man zudem die aktuelle Zahl der Fünftklässler aus den WRS verteilen, komme man auf höchstens fünf zusätzliche Schüler pro Real- und Gemeinschaftsschule. Das wäre zu tragen, und das werde auch „nicht zu Verwerfungen führen“.

Bürgermeisterin Fezer wies darauf hin, dass sich schon jetzt 83 Prozent der Kinder mit Hauptschulempfehlung gegen die Werkrealschule entschieden. „Das findet alles schon statt“, so Fezer.

Diese Schulen stehen besonders im Fokus

Schulen
Dem Vernehmen nach könnten sich die Fraktionen dafür aussprechen, die Uhlandschule in Zuffenhausen, die Pestalozzischule in Vaihingen und entweder eine Schule in Stuttgart-Ost oder die Wilhelmsschule in Wangen auch als Werkrealschule weiter zu erhalten. Die Stadt hat vor, am Standort der Rosensteinschule in S-Nord und am Standort der Bismarckschule in Feuerbach eine Realschule zu gründen.

Gremien
Der weitere Zeitplan sieht vor, dass die Pläne bis zum 27. Oktober in allen Bezirken vorgestellt werden. Das ist teils schon passiert, die letzte Bezirksbeiratssitzung ist in Wangen.Der Jugendhilfeausschuss berät am 10. November, die Beschlussfassung steht am 3. Dezember im Verwaltungsausschuss und schlussendlich am 4. Dezember im Gemeinderat auf dem Plan.

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