Flüchtlinge aus der Ukraine Das sind die Helfer am Stuttgarter Hauptbahnhof

Zarif Tursunov (24) hilft in seiner Freizeit den Geflüchteten, wann immer es geht. An die Aufgabe am Hauptbahnhof ist er über die Hilfsorganisation Wolja gekommen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Wer empfängt die Menschen aus der Ukraine, wenn sie in Stuttgart aus dem Zug steigen? Wer gibt eine Orientierung oder versorgt sie mit Essen? Am Hauptbahnhof warten Freiwillige an mehreren Ständen auf die ankommenden Geflüchteten.

Mit jedem Tag kommen mehr Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland an – so auch in Stuttgart. Durch Vereine wie „ukraine- engagiert“, Wolja oder das Deutsche Rote Kreuz engagieren sich Ehrenamtliche Tag und Nacht um die Erstversorgung der Geflüchteten.

 

Zarif Tursunov ist in seiner Freizeit für die Flüchtenden da

Zarif Tursunov kam über die Hilfsorganisation Wolja zu den Stationen am Hauptbahnhof. Der 24-Jährige hilft den Geflüchteten in seiner Freizeit, wann immer es geht. „Ich habe einfach gesehen, wie die Menschen leiden müssen. Da wollte ich helfen“, erzählt er. Er hat viele russische und ukrainische Freunde, deshalb weiß er: „Die Leute brauchen dringend Hilfe.“ Er wäre auch ohne seine Bekannten hier am Stuttgarter Hauptbahnhof, meint er.

Der Hotelfachmann in Ausbildung hält sich an den Ständen von „ukraine-engagiert“ auf. Immer wieder findet man ihn auch im Warteraum – jenem Ort unweit der Gleise, an dem die Menschen nach ihrer anstrengenden Reise erst einmal zur Ruhe kommen können. Im zweiten Stock halten sich Familien mit Kindern auf, die mit dem Nötigsten versorgt wurden: Kleidung, Spielsachen, Hygieneartikeln und einem erstem Essen. Tursunov ist schon länger da, als seine Schicht es vorsieht. „Raum für Spontanität ist sehr wichtig“, sagt der 24-Jährige. Seine Aufgabe ist wie die vieler Ehrenamtlichen: Orientierung geben. „Das ist quasi als Infozentrum gedacht“, sagt er. So informiert er die Flüchtenden über Sozialhilfen, Erstunterkünfte und die nächsten Zuganschlüsse.

Es sei schwer, so eine Hilfsaktion gut zu organisieren. „Es sei alles sehr spontan und instinktiv“, sagt er. Denn jeder Geflüchtete, jede Familie gehe unterschiedlich mit der Situation um und sei anders betroffen. Hauptsächlich möchte der junge Mann den Ankommenden helfen, etwas Ruhe zu finden.

Thomas Ruhland ist Teil des Katastrophenschutzes

Seit Freitag, 11. März, ist Thomas Ruhland vom DLRG am Bahnhof dabei. Durch den Katastrophenalarm wurde er von der Arbeit freigestellt. Zu viert sind sie an diesem Tag an ihrem Stand, Leute von der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) und dem DRK (Deutschen Roten Kreuz). „Gerade befinden wir uns noch in der Chaosphase“, sagt Ruhland. Man sei gerade dabei, Strukturen aufzubauen. So stampfte das DLRG am Montag, 14. März, eine Schnellteststation aus dem Boden. Das DRK organisiert das Essen, bis ein Caterer zur Verfügung steht. „Der Katastrophenschutz schließt Lücken und baut Brücken, so lange, wie es nötig ist“, sagt Ruhland.

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Bereits seit 1986 engagiert er sich für das DLRG. Durch das Schwimmen kam er zu dem Verein. Seit 11. März ist Thomas Ruhland jeden Tag rund 15 Stunden für die Flüchtenden unterwegs. Um 7 Uhr startet sein Tag, gegen 22 Uhr ist er zu Hause. Ehrenamtlich hilft er bei der ambulanten Versorgung in allen Flüchtlingsunterkünften. Dabei ist er etwa für sitzenden Krankentransport zuständig. Wenn jemand positiv auf Corona getestet wird, kümmert er sich um die Isolation der infizierten Person. Was derzeit in der Ukraine passiere, sei „unvorstellbar. Natürlich geht einem das nahe.“ Und erzählt er von einer Frau, die auf die Frage nach ihrer Adresse antwortet, dass es ihre Adresse mittlerweile gar nicht mehr gibt. „Erst wenn man mit den Geflüchteten spricht, merkt man, in was für einer heilen Welt wir hier leben.“

Maral Amanovas Hilfe wird überall am Bahnhof benötigt

Maral Amanova ist eine der vielen Freiwilligen der Organisation Wolja. Vor einer Woche hat die Studentin aus Herrenberg angefangen, inzwischen hat sie einen Teil der Organisation übernommen. Ihre blaue Jacke markiert sie als Schichtleiterin. Einen Tag Pause hat sie am Tag davor genommen. Denn nach sieben Stunden jeden Tag, meint die junge Frau, brauchte sie Zeit zum Durchatmen.

Maral Amanova ist 26. Sie kommt aus Turkmenistan und studierte in Belarus. Viele ihrer Freunde und Bekannten wohnen in Russland, Belarus und der Ukraine. „Ich sehe täglich, wie Leute sterben – das ist so unfair“, sagt sie. Also beschließt die Studentin, selbst mit anzupacken. Im ersten Moment hat sie sich überlegt, nach Polen an die Grenze zu reisen, wo sich etliche Freunde aufhalten. Da sich zu dem Zeitpunkt aber schon viele Helferinnen und Helfer dorthin aufgemacht haben, entscheidet sie sich, erst mal hier in Stuttgart zu bleiben.

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Kein schlechter Plan. Menschen wie Maral Amanova werden auch in Stuttgart dringend gebraucht: Sie spricht Russisch und hilft beim Übersetzen. Ihre Hilfe wird überall auf dem Bahnhof benötigt. Im Warteraum bei Gleis 1 versorgt sie die Menschen mit Kaffee, Tee und Hygieneartikeln. Auch wenn ihr Bundesfreiwilligen-Dienst im Altenheim die junge Frau etwas auf diese Situation vorbereitet hat, nimmt es sie am Ende des Tages doch mit. Zu Hause angekommen muss sie mit Freunden über ihre Eindrücke des Tages sprechen. Das hilft ihr weiterzumachen.

Asel Aktimedova übersetzt für die Ankommenden

Asel Aktimedova spricht fließend Russisch. Gerade dadurch kann sie den Flüchtenden am Bahnhof helfen.

Erst steht sie gemeinsam mit anderen Freiwilligen an den blauen Tischen, auf denen Schokolade und andere Snacks aufgetürmt sind. Dann geht sie den Leuten beim „ukraine-engagiert“-Stand am Gleis 13 entgegen und hilft Ankommenden bei der allerersten Orientierung. In ihrer gelben Weste ist Asel Aktimedova unschwer als Helferin zu erkennen. Es ist ihr erster Tag hier am Stuttgarter Hauptbahnhof, doch es dauert nicht lang, bis die 21-Jährige merkt, wie dringend sie und ihre Sprachkenntnisse hier in der zugigen Halle gebraucht werden. In Russisch weist sie Neuankömmlingen den Weg: zum Schnelltest oder zum Warteraum.

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Erst am vorherigen Tag war Asel Aktimedova zum Bahnhof gegangen, um zu fragen, wie sie helfen könne. Schon am nächsten Tag konnte sie angefangen. Nur zwischen 9 und 14 Uhr hat Asel Aktimedova keine Zeit. Die junge Frau aus Kirgisistan ist eigentlich als Au-pair-Mädchen in Deutschland, um eine Familie zu entlasten.

Bereits in Kirgisistan hat sie sich ehrenamtlich engagiert. Aber das hier ist anders: Nie habe sie es mit so vielen gestressten und hilflosen Leuten zu tun gehabt. „Man kann sehen, dass die Menschen nicht wissen, wie es weitergeht und was sie jetzt machen sollen“, erzählt sie. Doch die junge Frau ist dankbar, dass sie etwas helfen kann. Wenn es ihre Arbeit erlaubt, würde sie gerne jeden Tag für die Geflüchteten da sein.

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