InterviewEnBW-Chef Frank Mastiaux „Garantiert sichere Jobs gibt es nicht“

Frank Mastiaux sieht den Konzern auf einem guten Weg. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Frank Mastiaux sieht den Konzern auf einem guten Weg. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Energieversorger EnBW ist in einer schwierigen Situation, sagt der Vorstandsvorsitzende Frank Mastiaux im Interview. Auch weitere Stellenstreichungen schließt er nicht aus.

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Stuttgart - Die EnBW bleibt in schwierigem Fahrwasser. Daran lässt der Vorstandsvorsitzende des Konzerns im Interview keinen Zweifel. Auch weitere Stellenstreichungen könne er nicht ausschließen, der Joberhalt sei aber ein hohes Gut.

Herr Mastiaux, Ihr Vertrag ist zum frühestmöglichen Termin verlängert worden. Welche Erwartungen verbinden sich damit?
Im Kern bleibt unser Schwerpunkt, das Unternehmen weiter auf die neue Energiewelt auszurichten. Das heißt zum einen: weiter konsequent den Ausbau unserer Wachstumsfelder voranzutreiben und zum anderen das Unternehmen weiter auf Effizienz zu trimmen.
Haben die Anteilseigner explizite Dividendenerwartungen an Sie?
Jeder Anteilseigner erwartet natürlich eine Dividende. Darüber entscheidet die Hauptversammlung jedes Jahr neu anhand der Geschäftslage. Bei der Festlegung spielen neben der finanziellen Ertragskraft aber auch der Verschuldungsgrad und unsere Investitionen in Wachstumsfelder eine wichtige Rolle.
Sie haben für die nächsten Jahre einen sicheren Job. Gilt das auch für die Mitarbeiter der EnBW?
Für alle Mitarbeiter in unserem Unternehmen gilt, dass die EnBW und jedes einzelne Geschäft sich im Wettbewerb behaupten muss. Daran arbeiten wir, und alle müssen ihren Beitrag leisten. Dass uns der Erhalt von Arbeitsplätzen ein hohes Gut ist, versteht sich von selbst. Eine Garantie kann angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage niemand ernsthaft fordern. Im übrigen muss sich auch ein Vorstandsvorsitzender jeden Tag den Erwartungen von Anteilseignern, Investoren, Mitarbeitern und Öffentlichkeit stellen. Garantiert sichere Jobs gibt es in diesen Zeiten nicht. Für niemanden.
Mitte des Jahres hat die EnBW mitgeteilt, dass sie sich aus dem Großkundengeschäft verabschiedet, wo rund 400 Mitarbeiter beschäftigt sind. Wie geht es für sie weiter?
Etwa die Hälfte der Mitarbeiter hat bisher im vertrieblichen Bereich gearbeitet. Diese Aufgaben fallen jetzt weg. Für diese Mitarbeiter suchen wir gerade neue Aufgaben im Konzern, bieten ihnen eine Abfindungsmöglichkeit an oder unterstützen sie in der Vermittlung außerhalb der EnBW. 200 Mitarbeiter werden noch für einige Zeit mit der Erfüllung der bestehenden Kundenverträge beschäftigt, die teilweise bis 2019 laufen.
Wie war die Reaktion bei den Mitarbeitern?
Ich hatte das Gefühl, dass viele unserer Mitarbeiter Verständnis dafür hatten, dass dieser Schritt unumgänglich war. Die unmittelbar Betroffenen nehmen das mit für mich sehr verständlicher Enttäuschung und Betroffenheit entgegen. Wir haben deshalb gar nicht erst versucht, es in irgendeiner Weise schön zu reden. Aber wir haben sehr schnell, sehr klar und vor allem persönlich die Mannschaft informiert.
Sind darüber hinaus Stellenstreichungen zu befürchten?
Ich kann es nicht ausschließen. Das Umfeld ist extrem schwierig. Wir stehen im Unternehmen als Ganzes in einem knallharten Wettbewerb. Unsere Konkurrenten sind zunehmend kleinere Unternehmen, die mit neuen Lösungen und ganz anderen Kostenstrukturen in den Markt drängen.
Kann ein Konzern mit solchen Unternehmen überhaupt konkurrieren?
Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir nicht so kostengünstig arbeiten können wie ein Start-up, das ist aber nur ein Teil der Gleichung. Denn wir können mit erstklassigen Kompetenzen aufwarten und gezielt Leistungen anbieten, die ein Start-up nicht anbieten kann und für die unsere Kunden auch bereit sind, zu zahlen.
Bis 2020 wollen Sie zusätzlich zu den geplanten 1,2 Milliarden Euro noch einmal 250 Millionen Euro einsparen. War es das dann?
Auch wenn es derzeit keine weiteren konkreten Pläne gibt, werden bei uns Effizienzverbesserungen Daueraufgabe bleiben. Der einzige relevante Maßstab ist hier unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Um das wegbrechende Geschäft mit den konventionellen Energien auszugleichen, müssen Sie Neugeschäft generieren. Wie kommen Sie damit voran?
Mit Schrumpfen und sich zu Tode Sparen kommen wir nicht in die neue Energiewelt. Das ist völlig klar. Wir haben drei Felder, auf denen wir wachsen wollen: Erneuerbare, Netze und interessante Lösungen für unsere Kunden. Bei den Erneuerbaren haben wir schon viel erreicht: Im letzten Jahr haben wir beispielsweise EnBW Baltic II in Betrieb genommen. Dieser Offshore-Windpark erwirtschaftet 2016 etwa zehn Prozent des Konzernergebnisses. Im Bereich Offshore sind wir mit 1600 Megawatt einer der größten Windkraftprojektierer Deutschlands. Und wir haben etliche Windprojekte an Land in der Pipeline. Derzeit sind es etwa 1000 Megawatt, davon 500 Megawatt bereits im Genehmigungsverfahren.
Und wie kommen Sie im Vertrieb voran?
Da gibt es eine Vielzahl von neuen Produkten und Aktivitäten. Letzte Woche haben wir etwa Solar+ vorgestellt. Damit bieten wir Privatkunden Fotovoltaikanlagen mit Batteriespeicher und intelligenter Plattform an, die Eigenverbrauch, Speicherung und Verkauf von Strom für den Kunden optimiert. Wir haben zudem mehrere Initiativen, was die EnBW alles gemeinsam mit Kommunen im urbanen Bereich tun kann, beispielsweise in den Bereichen Breitbandausbau, Infrastruktur oder speziell Elektromobilität. Hier haben wir mit unserem Innovationscampus eine zunehmend wirkungsvolle Ideenplattform etabliert.
In der Vergangenheit war das Verhältnis der EnBW zu vielen Städten und Gemeinden belastet. Hat sich das verbessert?
Wir haben da in den letzten Jahren sehr viel gemacht, weil das für ein Unternehmen mit so einer regionalen Prägung wie der EnBW unglaublich wichtig ist. Wir haben einen eigenen Bereich geschaffen, der Ansprechpartner für die Kommunen ist. Wir legen viel Wert darauf, zu liefern und anzubieten, was eine Kommune will, und wir sind auch bereit, den Part des Juniorpartners zu übernehmen, wenn es der Sache dient. Durch diese neuen Ansätze hat sich das Verhältnis nach meinem Dafürhalten positiv entwickelt. Aber natürlich gibt es auch Einzelfälle, in denen man zum Beispiel in Konzessionsverfahren eine rechtliche Klärung suchen muss.
Einer dieser Einzelfälle ist Stuttgart. Hier gibt es derzeit in fünf Fällen Streit. Wie verfahren ist die Lage?
Es geht bei diesen Auseinandersetzungen um technisch und rechtlich sehr komplexe Themen, bei denen wir zum Teil auch Neuland betreten . Das muss man allen Beteiligten zugute halten. Die Verwaltung der Stadt Stuttgart hat an mehreren Stellen eine andere Rechtsaufassung als die EnBW, und sie hat zur Klärung den Rechtsweg gewählt. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass sich all diese Themen am Gesprächstisch lösen lassen. Unsere Gesprächsbereitschaft ist unverändert. Ich glaube nicht, dass man eine gemeinsame neue Energiewelt vor Gericht schafft.
Teilweise liegt das Problem ja auch in unterschiedlichen finanziellen Bewertungen – beim Wassernetz etwa, wo der Gemeinderat der Stadt einen Finanzrahmen genehmigt hat, der deutlich unter dem Wert in den Büchern der EnBW liegt. Lässt sich so etwas anders als gerichtlich klären?
Grundsätzlich glaube ich das schon. Aber bei neuen Sachverhalten kann eine richterliche Meinung Orientierung geben. Auch das kann im Einzelfall erforderlich sein. Ich würde dennoch den Ehrgeiz nicht aufgeben wollen, dass wir uns miteinander und nicht über einen Dritten einigen.
Ihre Konkurrenten RWE und Eon haben sich in zwei Teile aufgespalten, um Alt- und Neugeschäft zu entwickeln.
Das machen und wollen wir nicht. Wir haben den Mitarbeitern von Anfang an das Signal gegeben, dass wir die Energiewende und den Umbau gemeinsam schaffen und dass alle unter einem EnBW-Dach bleiben. Als ein Team, das zusammenbleibt, gelingt es uns besser, das Kerngeschäft zu stärken und neue Themen voranzutreiben.
Als wie treu erweisen sich ihre Kunden? Oder gewinnen Sie sogar neue hinzu?
Als der angestammte Versorger in Baden-Württemberg mit 2,3 Millionen Stromkunden, sind wir natürlich dasjenige Unternehmen, das bevorzugt von neuen Wettbewerbern attackiert wird. Wir beobachten, dass es sehr unterschiedliche Kundengruppen gibt: z. B. die, die sehr genau auf den Preis schauen, und andererseits Kunden, für die guter Service und Verlässlichkeit im Vordergrund stehen. Die letztgenannte Gruppe ist für uns sehr interessant, denn allein über den Preis wird eine EnBW nur bedingt Kunden gewinnen können. Qualität und Service, da können wir richtig punkten, das melden uns die Kunden zurück. Aber auch das ist ein harter Wettbewerb. Andere können auch Qualität.
Viele Kunden wickeln ihren Stromanbieterwechsel über Plattformen wie Verivox oder Check24 ab, die sie kurz vor Ablauf der Mindestlaufzeit auch daran erinnern, erneut zu wechseln. Was bedeutet das für sie?
Solche Plattformen spielen mittlerweile in vielen Bereichen eine große Rolle – Booking.com oder Uber funktionieren ja ähnlich. Das ist ein sehr ernstzunehmender Wettbewerbsfaktor. Wir schauen uns gerade an, was wir selbst in diesem Segment tun können, und wir prüfen, wie wir den direkten Kontakt zum Kunden weiter werthaltig entwickeln können.
Wie wird sich die EnBW in der anstehenden Preisrunde verhalten?
Die Preisgestaltung ist von mehreren Faktoren abhängig. Mehr als die Hälfte wird durch staatliche Umlagen vorgegeben, und da ist noch nicht alles entschieden. Für eine verbindliche Aussage ist es deshalb noch etwas zu früh.
Wie kommen Sie bei den Netzen voran?
Wir entwickeln dieses Geschäft planmäßig zu einem strategischen Schwerpunkt. Alleine ins Verteilnetz haben wir 2015 480 Millionen Euro investiert – so viel wie noch nie. Inklusive Transportnetz waren es sogar 730 Millionen Euro. 2016 werden wir zum ersten Mal mehr Ergebnis aus dem Netz erwirtschaften als aus dem traditionellen Erzeugungs- und Handelsgeschäft.
Umso schmerzhafter dürfte sein, dass die Bundesnetzagentur gerade die Netzrenditen deutlich gesenkt hat . . .
Das wird uns zweifellos finanziell treffen. Künftig liegen die Netzrenditen im internationalen Vergleich am unteren Rand, obwohl bei uns in Deutschland der Investitionsbedarf deutlich höher ist als anderswo. Für die Energiewende und für unser Unternehmen hätten wir uns natürlich etwas anderes gewünscht.
Vergangene Woche hat das Bundeskabinett einen Entwurf zum Atommüllgesetz verabschiedet. Kritiker bemängeln, dass der Beitrag der Atomkraftbetreiber zum Atomausstieg zu gering ausfällt. Was entgegnen Sie?
Da habe ich eine deutlich andere Meinung. Die Branche für den Ausstieg aus der Kernenergie Rückstellungen gebildet, in denen sämtliche Risiken bereits abgebildet waren und die von unabhängigen Wirtschaftsprüfern regelmäßig geprüft wurden. Auf diese Rückstellungen soll jetzt nochmal ein pauschaler Risikoaufschlag von 35 Prozent gezahlt werden. Dass dies manche für immer noch nicht hinreichend halten, kann ich wirklich nicht nachvollziehen.
Kann die EnBW die Kosten, die im Raum stehen, stemmen?
Die gesamte Branche ist in einer wirtschaftlich extrem angespannten Lage. Das weiß jeder. Wir bei der EnBW müssten – so die im Gesetzentwurf genannten Zahlen – auf einen Rückstellungsbetrag für die End- und Zwischenlagerung von etwa 3,5 Milliarden Euro zusätzlich einen Aufschlag von mehr als einer Milliarde Euro bezahlen. Das ist für uns – wie auch für die anderen betroffenen Unternehmen – eine enorme wirtschaftliche Belastung. Gerade in einer Zeit, wo wir jeden Euro für den Umbau des Unternehmens brauchen. So wie wir unsere Finanzmittel managen, können wir dieser Verpflichtung nachkommen. Aber es bringt uns an den äußersten Rand des noch Leistbaren. Deshalb brauchen wir zusätzlich zu dem Gesetz einen Vertrag, der uns nachhalten Vertrauensschutz garantiert. Gesetze kann man ändern, das haben wir erlebt.

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