EnBW-Chef Frank Mastiaux Mastiaux’ Rückzug löst Bedauern aus
Hinter der Entscheidung von EnBW-Chef Frank Mastiaux, seinen Vertrag im September 2022 auslaufen zu lassen, könnten für einen Topmanager ungewöhnliche Pläne stecken.
Hinter der Entscheidung von EnBW-Chef Frank Mastiaux, seinen Vertrag im September 2022 auslaufen zu lassen, könnten für einen Topmanager ungewöhnliche Pläne stecken.
Stuttgart - Freitagmorgen. 8.45 Uhr. Wer bei der EnBW schon online war, begann seinen gestrigen Tag mit einer Überraschung. Unter der Überschrift „Frank Mastiaux strebt keine weitere Amtszeit an“ fanden sie als Top News im Intranet eine 2:41 Minuten lange Videobotschaft ihres Konzernchefs Frank Mastiaux. Im dunkelblauen EnBW-Poloshirt steht der 57-Jährige darin an einer Art Rednerpult vor einem EnBW-Logo und sagt – wie immer frei –, was er zu sagen hat.
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„Ich möchte mich heute auf diesem Weg an Sie wenden, weil ich Ihnen etwas mitzuteilen habe, was ich Ihnen nicht einfach schreiben möchte“, beginnt die Botschaft. „Wir haben viele Jahre hinter uns, in denen wir gemeinsam die EnBW, unser Unternehmen“ neu und erfolgreich aufgestellt hätten. „Ich selbst bin, wie Sie wissen, jetzt fast neun Jahre im Amt, und im kommenden September 2022 endet meine zweite Amtszeit. Und ich habe frühzeitig begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich auf die Zeit danach gucke. Und ich bin im Ergebnis dazu gekommen, dass ich gerne für mich im Rahmen meiner ganz persönlichen Lebensplanung ein neues Kapitel aufschlagen möchte. Mich neuen Dingen zuzuwenden, in denen ich etwas lernen kann und in denen ich vielleicht einen Beitrag leisten kann. Daher habe ich mich entschieden, mein Amt im September 22, also in 15 Monaten von jetzt an, in neue Hände zu geben.“
Seit 1. Oktober 2012 steht Mastiaux an der Spitze des Karlsruher Energiekonzerns EnBW. Er folgte auf Hans-Peter Villis, der nach der Ära des exzentrischen Utz Claassen vor allem für den Geschmack der Landesregierung etwas zu viel Ruhe und Mittelmaß in das Unternehmen gebracht hatte und zudem als Verfechter der Atomkraft galt. Der promovierte Chemiker Mastiaux hatte vor seinem Antritt bereits beim Essener Konkurrenten Eon das Geschäft mit Erneuerbaren aufgebaut und damit Aufsehen erregt. Von der Landesregierung vorgeschlagen, überzeugte der gebürtige Essener auch die oberschwäbischen Landräte schnell. „Und er hat die Erwartungen erfüllt“, erzählt einer, der bei der Auswahl beteiligt war.
100 Tage bedingte sich der Neue an der Konzernspitze damals aus, um einen neuen Plan für den drittgrößten Energiekonzern Deutschlands zu erarbeiten. Der hatte damals mit dem Land und den oberschwäbischen Kreisen zwar wieder eine stabile Eigentümerstruktur – das schwierige Kapitel EdF war überstanden –, aber den Großteil des Atomausstiegs noch vor sich, zudem einen Wildwuchs von Beteiligungen angesammelt und enormen Nachholbedarf bei Erneuerbaren.
Mit Ungeduld erwartet präsentierte Mastiaux schließlich erst im Juni 2013 einen Plan, den der Konzern bis heute konsequent fortschreibt. Die Atomkraft wickelt er planmäßig ab, genauso wie die EnBW nun konsequent Abschied von der Kohle nimmt. Ersatz sind das Geschäft mit den Netzen und Erneuerbare – auch im Ausland. Zudem sieht sich der Energiekonzern als Experte für kritische Infrastruktur prädestiniert für Themen wie öffentliche Sicherheit oder Breitband. Und auch Gründerkultur hielt mit Mastiaux Einzug: Der EnBW-Innovations-Campus gilt heute als vorbildlich.
17 Milliarden Euro hat die EnBW unter Mastiaux investiert, 1,4 Milliarden Euro wurden über das Effizienzprogramm „Fokus“ eingespart. 2014, im schwierigsten Jahr, verzichteten die Anteilseigner auf die Dividende, die Mitarbeiter auf die Erfolgsbeteiligung. Mittlerweile schreibt die EnBW wieder Milliardengewinne und schüttet satte Dividenden aus. Nicht alle Initiativen glücken – so ist etwa der Versuch, auf dem Windmarkt Taiwan Fuß zu fassen, bislang ohne Erfolg. Doch andere Geschäfte laufen gut.
Entsprechend hätte Mastiaux zweifelsohne in den nächsten Wochen eine Vertragsverlängerung angeboten bekommen. Er hat sich anders entschieden. „Mit großem Bedauern habe ich die Ankündigung von Herrn Dr. Mastiaux zur Kenntnis genommen, nach Ablauf seiner zweiten Amtsperiode im September 2022 keine weitere Amtszeit anzustreben“, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). „Unter seiner Führung ist es sehr erfolgreich gelungen, die EnBW mit einer nachhaltigen Unternehmensstrategie vielversprechend neu auszurichten und die Energiewende zu einem strategisch wichtigen Zukunftsthema zu machen. Daher bedauere ich natürlich seine Entscheidung sehr, respektiere sie aber.“
Und der Landrat des Bodenseekreises Lothar Wölfle (CDU) lobt im Namen der OEW Mastiaux in den höchsten Tönen. Der Topmanager habe die EnBW nicht nur wirtschaftlich zum Erfolg geführt, sondern auch einen neuen Geist ins Unternehmen gebracht. „Das ist wirklich bemerkenswert. Chapeau!“ Mastiaux habe in schwierigen Zeiten einen tollen Job gemacht, sei zudem menschlich „super angenehm“ und unprätentiös.
Gleichwohl erhält Mastiaux’ Entscheidung aber allenthalben Respekt und Verständnis. Was der Manager in 15 Monaten tun will, ist offenbar tatsächlich noch offen. Obwohl davon auszugehen ist, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Headhunter ihre Netze in die Durlacher Allee in Karlsruhe zu spinnen versuchten, scheinen nicht unbedingt Karriereambitionen Mastiaux zu treiben. Beobachter schließen auch nicht aus, dass sich der 57-Jährige, der neben drei größeren noch einmal zwei kleine Kinder hat, in erster Linie dem Vatersein verschreibt.
Er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagt Mastiaux im Video. Was genau er tun werde, habe er „überhaupt noch nicht entschieden“ – und das müsse auch warten. „Das ist heute kein Farewell, sondern eine reine Information für Sie“, sagt er. „Daher meine herzliche Bitte: Lassen Sie uns konsequent und unaufgeregt so wie bisher weitermachen.“ Zum Schluss hebt er die Hand, lächelt unaufgeregt. Noch ist Mastiaux nicht weg.