EnBW-Deal Brisante Protokolle aus Paris

EdF-Chef Henri Proglio war über den EnBW-Deal nicht begeistert. Die wichtigsten Fakten zum EnBW-Deal zeigen wir in den Bilderstrecke. Foto: StZ 35 Bilder
EdF-Chef Henri Proglio war über den EnBW-Deal nicht begeistert. Die wichtigsten Fakten zum EnBW-Deal zeigen wir in den Bilderstrecke. Foto: StZ

Die Aussagen von EdF-Managern erschüttern Stefan Mappus’ Version des EnBW-Deals: Der EdF-Chef Henri Proglio beschreibt, wie er von den Plänen zum Rückkauf der EnBW-Aktien überrascht wurde.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Winfried Kretschmann zeigte sich „verhalten optimistisch“. Inzwischen spreche doch vieles dafür, dass das Land mit der Schiedsklage gegen die Electricité de France (EdF) Erfolg habe, meinte der Regierungschef vor Journalisten. Was man jetzt – bisher unwidersprochen – über die Kontakte zwischen EdF-Chef Henri Proglio und seinem Vorgänger Stefan Mappus erfahren habe, zeige ja, dass der Preis für die EnBW-Aktien von den Franzosen „quasi diktiert“ worden sei.

Für das Schiedsverfahren, das gerade in eine heiße Phase geht, geben die Protokolle der Vernehmungen der französischen Justiz nur bedingt etwas her. Höchst aufschlussreich sind sie hingegen, was die Vorgeschichte des Milliardengeschäfts angeht. Die Aussagen des Konzernchefs Proglio, des Finanzvorstands Thomas Piquemal, des einstigen Deutschland-Beauftragten Gérard Roth und des Investmentbankers René Proglio stehen nämlich im krassen Widerspruch zu Mappus’ Version.

„Für mich bestand keine Dringlichkeit“

Paris, so Mappus, habe „die Zeichen auf Verkauf seiner Anteile gesetzt“. Schlagartig klar geworden sei ihm das bei einem Treffen mit den Proglio-Brüdern am 10. November 2010, das der EdF-Chef mit den Worten eröffnet habe: „Every­thing is on the table“, alles liegt auf dem Tisch. Damit sei man gefordert gewesen zu handeln, bevor andere, unerwünschte Investoren nach den EnBW-Anteilen greifen würden.

Völlig anders klingt das bei Henri Proglio, der im Juli auf Ersuchen der deutschen Justiz von einem französischen Ermittlungsrichter befragt wurde. Kurz und knapp widerspricht er der Lesart des Ex-Regenten. Was die EdF zum Verkauf bewogen habe? „Dies beruht auf der Initiative des seinerzeitigen Ministerpräsidenten des Bundeslandes, Herrn Mappus.“ Ob er, wie geargwöhnt, die Mehrheit bei EnBW angestrebt habe? „Nein. (...) Ich wusste, dass mein Partner dies niemals gewünscht hätte.“ Ob die hohe Verschuldung von EdF oder die Umstellung der Rechnungslegung eine Rolle gespielt hätten? „Absolut nicht.“ Ob es andere Interessenten an den EnBW-Anteilen gegeben habe? „Nein.“ Ob er es wirklich so eilig gehabt habe? „Für mich bestand keine besondere Dringlichkeit.“

Von Mappus’ Sinneswandel überrascht

Sodann schildert der Topmanager, wie er von Mappus’ Sinneswandel kalt erwischt wurde. Noch im Juli habe er den Ministerpräsidenten in Stuttgart getroffen, zu einem „Höflichkeitsbesuch“ mit gemeinsamem Mittagessen. Da habe dieser seine Zufriedenheit über die Zusammenarbeit mit der EdF geäußert und gelobt, die Franzosen seien „der bestmögliche Partner“ für Baden-Württemberg. Entsprechend „überrascht“ sei er gewesen, als Mappus wenige Monate später ein neues Treffen angeregt habe, bei dem es um den Rückkauf der EnBW-Anteile gehen sollte.

Eingefädelt wurde dieses von Proglios Zwillingsbruder René, dem Frankreich-Chef der Investmentbank Morgan Stanley. Am Rande eines Weltbank-Treffens in Washington habe ihn Dirk Notheis, der damalige Deutschlandchef der Bank , im Oktober „unter dem Siegel der allergrößten Vertraulichkeit“ erstmals auf das Projekt angesprochen. „Mein Bruder war äußerst überrascht“, berichtete René. Auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy sei übrigens „nicht begeistert“ gewesen, dass der Staatskonzern Deutschland verlassen wolle. „EdF trat nicht als Verkäufer auf“, stellte auch René Proglio klar, „sondern das Bundesland wünschte die Anteile zu erwerben“.

Paris legt den Mindestpreis fest

Auch Henri Proglio war irritiert. „Überraschung und kein Enthusiasmus“, schilderte er seine erste Reaktion. Eine große Mehrheit des EdF-Führungsgremiums habe den Verkauf zunächst abgelehnt. Warum man schließlich doch nachgab, erläuterte Finanzchef Piquemal so: Für den Energiekonzern sei Akzeptanz im Ausland „unerlässlich“. Ein Engagement gegen eine „feindselig eingestellte örtliche politische Macht“ bringe nichts.

Also ging es vor allem um den Preis. Da gab Henri Proglio die Bedingung vor: Unter dem Buchwert von 39,90 Euro werde er nicht verkaufen, das sei für ihn „der Mindestpreis“. Man landete bei 40 Euro, zuzüglich 1,50 Euro Dividende. Das Plus von etwa 15 Prozent auf den damaligen Aktienkurs erklärte er zum „Beherrschungs-Aufschlag“: Gemeinsam mit dem Landkreise- verbund OEW habe das Land die volle Kontrolle bekommen. Von darüber hinaus gehenden Forderungen, die Mappus abgewehrt haben soll, wusste Proglio nichts. Eine vertiefte Due-Diligence-Prüfung habe sich erübrigt, da das Land als „Aufsichtsbehörde“ der OEW „über sämtliche Informationen verfügte“. Um folgenschwere Indiskretionen zu vermeiden, habe alles sehr schnell gehen müssen, ergänzte Piquemal. Auch er bestätigte „uneingeschränkt“, der Kaufpreis sei angemessen gewesen. Eine abgestimmte Kommunikation dazu habe es nicht gegeben: Jede Seite sei „für die Rechtfertigung des Preises im Hinblick auf ihren eigenen Bereich verantwortlich“.

Gutachter bleibt bei seinem Ergebnis

Bestärkt werden dürfte Kretschmanns Optimismus durch den Gutachter Wolfgang Ballwieser. Die Kritik eines von Notheis beauftragten Kollegen, er habe sich massiv verrechnet, lässt der Münchner Professor nicht gelten: In seiner Stellungnahme für die Staatsanwaltschaft bleibt er dem Vernehmen nach dabei, dass Mappus für die EnBW-Anteile 780 Millionen Euro zu viel bezahlt habe.

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