EnBW-Vorstand Dirk Güsewell „Wir müssen Netzanschlüsse teils bis 2030 vertrösten“

EnBW-Vorstand Dirk Güsewell verantwortet das Ressort „Systemkritische Infrastruktur und Kunden“. Foto: Max Kovalenko

Die Nachfrage nach Stromanschlüssen explodiert – doch das Netz kommt nicht hinterher. EnBW-Vorstand Dirk Güsewell warnt im Interview vor den drastischen Folgen der Engpässe.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Deutschlands Stromnetz gerät zunehmend an seine Belastungsgrenze – mit gravierenden Folgen für die Energiewende und den Wirtschaftsstandort. EnBW-Vorstand Dirk Güsewell erklärt im Interview mit unserer Zeitung, warum der Ausbau dringend beschleunigt werden muss, welche drastischen Auswirkungen die aktuellen Engpässe bereits haben und welche Lösungen er von der Politik fordert.

 

Herr Güsewell, die EnBW warnt vor einem „Flaschenhals“ im Stromnetz. Warum stößt das Netz an seine Grenzen?

Lange galt das Netz als unbegrenzt verfügbar. Heute ist klar: Die Realität ist komplexer. Wir erleben seit mehr als zwölf Monaten eine überraschend starke Dynamik bei Netzanschlussbegehren. Große Industriekunden elektrifizieren, neue Gewerbegebiete entstehen, die E-Mobilität wächst – besonders beim Schwerlastverkehr.

Können Sie das Ausmaß beziffern?

In einzelnen Regionen haben sich die Anfragen in den letzten vier Jahren verdreifacht und liegen damit deutlich über den Erwartungen. Wir erleben Anschlusswünsche, die bis zu 50 oder 60 Prozent der heutigen regionalen Gesamtkapazität zusätzlich ausmachen. Diese Entwicklung trifft auf ein System, dessen Ausbau gesetzlichen Regeln und langen Planungszeiten folgt. Oftmals ist es nicht mit der Erweiterung eines Umspannwerks alleine getan, sondern es müssen ganze Netzsysteme auf verschiedenen Spannungsebenen überregional ausgebaut werden.

Kritiker könnten einwenden, die EnBW hätte den Netzausbau verschlafen. Was entgegnen Sie?

Nein, definitiv nicht. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. 60 Prozent unserer Investitionen im letzten Jahr – über 4 Milliarden Euro – flossen allein in den Netzausbau. Wir haben unsere Investitionen ins Verteilnetz bereits verdoppelt und werden sie weiter steigern. Seit 2020 haben wir 1300 zusätzliche Mitarbeiter im Verteilnetz eingestellt, um die zusätzlichen Aufgaben bewältigen zu können. Netzbetreiber dürfen allerdings auch nicht über den konkreten Bedarf hinaus und auf Verdacht zubauen, die Bundesnetzagentur überwacht das sehr genau. Wenn wir jetzt über temporäre Engpässe sprechen, hat das nichts mit verschlafenen Hausaufgaben zu tun. Im Übrigen ist das ein bundesweites Phänomen, das nicht nur unser Netzgebiet betrifft.

Dirk Güsewell arbeitet seit 1999 bei der EnBW und wurde 2021 in den Vorstand berufen. Foto: Max Kovalenko

Gibt es in der EnBW Flaschenhälse?

Das enorme Wachstum der letzten Jahre war ein Kraftakt. Da schließe ich nicht aus, dass wir in Einzelfällen schneller hätten sein können. Wir haben gelernt, dieses Volumen zum Beispiel durch stärkere Standardisierung zu bewältigen. Ein Beispiel: Früher haben wir jedes Umspannwerk individuell geplant. Heute haben wir ein Standardsetting, das nur noch geringfügig angepasst wird. Der Großteil der Planungen liegt in der Schublade – das spart unheimlich viel Zeit.

Nicht jedes Anschlussbegehren kann mehr erfüllt werden. Welche konkreten Auswirkungen hat das auf Unternehmen und private Haushalte?

Die Situation ist regional sehr unterschiedlich. In manchen Gebieten haben sich die Anfragen seit 2021 nahezu verdreifacht und entsprechen mittlerweile 50 bis 60 Prozent der bestehenden Kapazität. Das führt dazu, dass wir größere Netzanschlussanfragen zeitlich vertrösten müssen. Das ist auch für uns unbefriedigend, da viele dieser Bedarfsfälle wichtig für den Wirtschaftsstandort sind. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch Interimslösungen anbieten. Wir wollen Vorhaben nicht verhindern, sondern Brückenlösungen schaffen, bis der Netzausbau entsprechend vorangekommen ist.

Welche Lösungen haben Sie im Kopf?

Wir müssen uns fragen: Muss es in jedem Fall ein fester Anschluss sein? Oder reicht temporär ein flexibler Netzanschluss? Ein Industriekunde kann beispielsweise vereinbaren, dass er Kapazität nur nachts zwischen 0 und 6 Uhr nutzt. Er investiert in einen Batteriespeicher, lädt nachts auf und versorgt sein Werk tagsüber daraus. Das entlastet das Netz, und der Kunde profitiert von günstigeren Nachtstrompreisen. Solche flexiblen Lösungen könnten schnell Abhilfe schaffen.

Sie kritisieren das Prinzip „First Come, First Serve“. Was schlagen Sie stattdessen vor?

Heute wird Netzkapazität nach einem einfachen Prinzip vergeben: Wer zuerst den Antrag einreicht, wird zuerst bedient. Das ist nicht sinnvoll, wenn Netzkapazität ein knappes Gut ist. Der Vorschlag der Übertragungsnetzbetreiber ist ein Schritt in die richtige Richtung: Antragsteller müssen gesicherte Finanzierung, Lieferverträge und einen kalkulierbaren Genehmigungsweg nachweisen. So wird nur Kapazität reserviert, wenn der Bedarf auch hinreichend sicher kommt. Wir brauchen aber auch Mechanismen, damit nicht mehr genutzte Kapazität zurückkommt und dann wiederum anderen zur Verfügung steht. Und wir müssen über Prioritäten sprechen.

Was bedeutet das konkret?

Ein Gewerbegebiet mit industrieller Wertschöpfung und Arbeitsplätzen ist aus meiner Sicht vorrangiger als ein vielleicht erst in zehn Jahren benötigter E-LKW-Anschluss. Die Politik muss hier einen entsprechenden Rahmen schaffen und priorisieren, das darf nicht Aufgabe des Netzbetreibers sein, der ja am Ende Dienstleister für seine Netzkunden ist.

EnBW-Vorstand Dirk Güsewell warnt vor überbordenden Kosten der Energiewende. Foto: Max Kovalenko

Was muss sich ändern, damit der Netzausbau vorankommt?

Wir müssen an die Ursache heran: Wir brauchen heute für einzelne Ausbaumaßnahmen deutlich zu lang. Zehn, fünfzehn Jahre für Leitungssysteme sind inakzeptabel. Insbesondere der Genehmigungsprozess muss auf den Prüfstand. Ich freue mich, dass der Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung eine ressortübergreifende Taskforce dafür vorsieht. Das Problem muss aber auf Bundesebene fortgesetzt werden. Und es geht auch um Finanzierbarkeit: Wir sind heute etwa 250 Basispunkte unter dem europäischen Durchschnitt bei der Netzrendite. Ohne ausreichende Finanzierbarkeit wird es nicht gehen, insbesondere für kleinere Netzbetreiber.

Muss der Ausbau Erneuerbarer gedrosselt werden, weil das Netz nicht mitkommt?

Wir haben nur zwei Alternativen: Entweder wir bauen Erneuerbare weiter großflächig ohne Berücksichtigung der Netzsituation aus – dann müssen wir Kapazitäten abregeln, die ein Investor errichtet hat. Das ist volkswirtschaftlich nicht klug. Allein am 1. Mai hatten wir 46 Gigawatt Photovoltaik im System bei einem Bedarf in Deutschland von nur 43 Gigawatt – allein die Photovoltaik hat mehr produziert, als wir national verbraucht haben. Die sinnvolle Alternative ist, für einen Übergangszeitraum Erneuerbare stärker regional zu steuern, dort zu planen, wo Netzkapazitäten es leichter machen. Für eine gewisse Zeit werden wir akzeptieren müssen, dass die Erneuerbaren dem Netz folgen und nicht umgekehrt.

Wenn Sie zehn Jahre vorausschauen – woran erkennen Sie eine gelungene Energiewende?

Daran, dass Erneuerbare den zentralen Teil unserer Energieversorgung ausmachen. Und dass wir das mit ungebrochener Unterstützung der Bevölkerung erreicht haben. Energiewende wird ein positiv besetzter Begriff sein, dessen Notwendigkeit von der Breite mitgetragen wird. Dann haben wir alle – Politik wie Unternehmen – einen guten Job gemacht.

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