Ende des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart Für viele junge Deutsche brach eine Welt zusammen

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Wer ein wenig Französisch kann, ist im Vorteil: „Mein Vater lud die Soldaten zu einem Vesper ein, dann ließen sie uns in Ruhe“, erzählt Heinz Kohlmaier. Und im Haus von Brigitte Döker, zwölf Jahre alt und auf der Lenzhalde wohnend, lebt ein französischer Kriegsgefangener: „Der hat mit den Soldaten gesagt: ‚Hier wohnen gute Leute, da dürft ihr nicht rein.’“

Richard von Weizsäcker hat das Kriegsende in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 als Befreiung von einem menschenverachtenden System bezeichnet. Das war es auch, und manche sahen es auch so. Hermann Albrecht aus Luginsland, wo am 22. April die Amerikaner einmarschiert waren, erinnert sich: „Die Kinder bekamen sofort Schokolade und Kaugummi, die Erwachsenen Zigaretten. Alle waren sich einig: Es war ein gutes Gefühl, und alle betrachteten es als echte Befreiung.“

Doch bei sehr vielen Stuttgarter überwogen schlicht die Sorgen. In beinahe jeder Familie waren Angehörige ums Leben gekommen, Stuttgart war zu großen Teilen zerstört, und es gab wenig zu essen. Gertrud Zuck, damals 23 Jahre alt und in Gaisburg wohnend, weiß noch gut: „Oft sind wir stundenlang angestanden, und wenn man endlich drankam, hieß es, dass es nichts mehr gebe. Meine Mutter ist oft weinend heimgekommen – das hat uns so weh getan.“ Es ist zuviel für einen Menschen, was damals zu tragen ist. Als die StZ jetzt mit annähernd 30 Zeitzeugen spricht, zeigt sich immer wieder: Die Wunden sind kaum vernarbt; manchmal reicht ein Wort und der alte, große Schmerz ist wieder da.

Manche Stuttgarter sahen die Besetzung als Befreiung

Und was würde nun die Besatzungszeit bringen? Vor allem die jungen Stuttgarter kennen nichts anderes als die nationalsozialistische Welt und deren Propaganda. Manche wollen die Niederlage noch immer nicht einsehen, wie eine 14-Jährige aus Heslach, die am 22. April in ihr Tagebuch schreibt: „Nun sind wir auch in Feindeshand. Das ist schwer betrübend, aber der Führer wird unsere Stadt wieder erobern und uns befreien. Ich vertraue wie nie zuvor auf ihn. Gott gebe ihm die Kraft dazu.“

Und viele fühlen sich verraten, wie der damals 15-jährige Horst Schmid: „Die Ideale, an die wir geglaubt hatten, das deutsche Vaterland, unsere Zukunft, alles hatte sich in Nichts aufgelöst. Alle Opfer an Leib und Leben, an Hab und Gut waren umsonst gewesen. Ich hätte heulen können.“ Eine ganze Generation ist belogen, indoktriniert und um ihre Jugend betrogen worden.

Im Juli kommen die Amerikaner nach Stuttgart

Doch in solchen extremen Situationen scheint es in der Natur des Menschen zu liegen, auch das Positive zu sehen. Gertrud Zuck sagt: „Endlich konnten wir nachts wieder durchschlafen nach all den Bomberangriffen.“ Das war schön. Es waren nicht nur die befreiten Zwangsarbeiter in Stuttgart, die nach dem Einmarsch der Franzosen in den Straßen gejubelt haben.

Bis zum 8. Juli halten die französischen Truppen Stuttgart besetzt, dann müssen sie den Amerikanern weichen: „Jetzt wurde es ruhiger; die Amerikaner waren nicht so aufdringlich“, sagt Gertrud Zuck.

70 Jahre sind seither vergangen, 70 Jahre im Frieden. Zu den Menschen in Frankreich ist eine aufrichtige Freundschaft entstanden. Aus der Perspektive jener letzten Kriegstage war das beinahe undenkbar.




Unsere Empfehlung für Sie