Ende einer Kultur Die letzten Wanderkinobetreiber

Wolfram Hannemann (vorne) hat im Film die  Kinobetreiber  Klaus Friedrich (links) und Gerhard Göbelt  porträtiert. Foto: /Simon Granville
Wolfram Hannemann (vorne) hat im Film die Kinobetreiber Klaus Friedrich (links) und Gerhard Göbelt porträtiert. Foto: /Simon Granville

Wolfram Hannemann hat einen Film gemacht über Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich. Die beiden zeigen aktuelle Kinostreifen in Gemeindehallen und unter freiem Himmel. Sie bringen Kino aufs Land – bald ist damit aber offenbar Schluss.

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Korntal-Münchingen - Beste Tonqualität, brillante Farben , bequemer Sessel – Kinobetreiber werben landauf, landab mit den besten Voraussetzungen für den perfekten Filmgenuss. Zwei Männer können mit alledem nicht dort punkten, wo sie die Filme zeigen. Klaus Friedrich und Gerhard Göbelt gehen in Festhallen, die aus der Zeit gefallen scheinen, in Gemeindezentren, in Steinbrüche und auf grüne Wiesen. Die beiden denken ans Aufhören – und damit gehen die letzten, die Kino aufs Land bringen. Ehe das Feld Netflix, Amazon, Disney und all den anderen Streamingdiensten überlassen wird, hat Wolfram Hannemann einen Film über die beiden Wanderkinobetreiber gemacht.

Eine starke Verbindung

Für die knapp zweistündige Dokumentation „Kultourhelden“ hat der Korntal-Münchinger Filmemacher 2500 Euro von der Filmförderung des Landes erhalten. „Mir war es wichtig, ihre Lebensleistung zu bewahren“, sagt Wolfram Hannemann. „Die letzten ihrer Art muss man für die Nachwelt festhalten.“ Das war sein erster Gedanke, als die beiden vom Aufhören sprachen. Die drei kennen sich lange, sie verbinde die Liebe zum Film, sagt Hannemann.

Corona, die Zeit, in der kein Kino gezeigt werden konnte, weder in der Halle noch im Freien, mag die Entscheidung, nach mehreren Jahrzehnten aufzuhören, forciert haben. Bei dem einen mehr, beim anderen weniger. Friedrich und Göbelt sind nach gemeinsamen Jahren getrennt unterwegs, ersterer von Esslingen, der andere, Göbelt, von Ludwigsburg aus. Sie hätten sich die Kommunen im Land untereinander aufgeteilt, erzählt Hannemann.

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Für die „Kultourhelden“ gedreht wurde nicht nur, aber vor allem während Corona. Für ihn sei das gut gewesen, erzählt der 63-Jährige, der zunähst Informatik studierte. Denn viele andere Projekte lagen in der Pandemie auf Eis. „Ich hatte Zeit“. Doch auch der Terminkalender von Göbelt und Friedrich war plötzlich ausgedünnt – für die Sequenzen, die Hannemann unbedingt im Film haben wollte, gab es nicht viele Möglichkeiten der Wiederholung. Am Ende gelang es ihm auch dank Drohnenaufnahmen gleichwohl zu zeigen, was er zeigen wollte: Was die beiden leisten, was alles dazu gehöre, wie schwer das Equipment ist, das eins um andere Mal gewuchtet werden muss. Er sei überrascht gewesen, als er gesehen habe, welcher Aufwand dafür betrieben werden müsse. „Das war mir nicht bewusst“, sagt Hannemann.

Gleichwohl: Digitale Filme seien für die beiden Wanderkinobetreiber keine Wahl, erzählt er. Auch diese Technik habe Tücken. Auf die Technik aber müssen sich die Wanderkindobetreiber verlassen können – zumal sie immer schon mit den Unzulänglichkeiten des Aufführungsortes umgehen müssen. Der Platz, der Ton – „nie ist es perfekt“. Der Film werde gezeigt, „weil es Spaß macht“ und weil es prima sei, wenn das Kino ins Dorf käme.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Dabei gebe es bei Göbelt und Friedrich durchaus Unterschiede in der Herangehensweise, erzählt Hannemann. „Göbelt hat einen wesentlich professionelleren Anspruch an das, was er macht.“ Friedrich wiederum „kommt mit Unwägbarkeiten gut zurecht“. Hauptsache es gebe Bild und Ton, dann dürfe das Bild windschief sein. Er, Friedrich, sei es auch, der Filme in ungewöhnlichem Ambiente zeige, etwa im Steinbruch. Wolfram Hannemann selbst ist es wichtig, dass seine eigenen Filme so wiedergegeben werden, wie er sie konzipiert hat.

Wenn Friedrich und Göbelt tatsächlich keine Nachfolger finden und es in absehbarer Zeit keinen reisenden Bildermagier gibt, dann sei das natürlich bedauerlich, meint Hannemann. Letztlich gehe es aber um viel mehr. „Die Filmsozialisierung für die Kleinen findet in der Gemeindehalle statt.“ Das falle weg. Und die Streamingdienste könnten noch so gute Filme zeigen. „Das gemeinschaftliche Erlebnis fehlt, die Gespräche danach“. Das zähle. Und die Generation 40 plus schaue gerne Arthouse-Filme, beobachtet Hannemann. Auch im Wanderkino.

Der Film hat landesweite Förderer

Die Gesellschaft
Die MFG Medien- und Filmgesellschaft ist eine Einrichtung des Landes Baden-Württemberg und des Südwestrundfunks. Aufgabe der MFG ist nach eigenen Angaben die Förderung der Filmkultur und -wirtschaft und der Kultur- und Kreativwirtschaft. Mit Programmen und Projekten unterstützt die MFG Baden-Württemberg in ihrem Geschäftsbereich MFG Kreativ die Kultur- und Kreativschaffenden im Südwesten. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Vernetzungs- und Vermittlung sowie im Bereich der Digitalen Kultur.

Die Ausgezeichneten
 Die Filmförderung hat zuletzt insgesamt 60 000 Euro bewilligt. Die höchste Fördersumme – 22 000 Euro – ging an „Gracious Night“, ein Drama von Regisseur Mika Kaurismäki. Darin wird von einer Nacht in einer Bar in Helsinki erzählt, die sich für drei Männer zur dringend benötigten Therapiesitzung entwickelt. Außerdem gefördert wurden die Dokumentation „Was von der Lüge bleibt“, das Drama „Egalité“ und die Tragikomödie „Der Mann der die Welt aß“.  




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