Endlich geöffnet: Documenta fifteen Stark und von sinnlicher Wucht
Nicht spektakulär und genau deshalb grandios. Die Documenta fifteen stellt alles auf den Kopf, was der Kunstbetrieb für wichtig hält. Warum es sich lohnt, nach Kassel zu fahren.
Nicht spektakulär und genau deshalb grandios. Die Documenta fifteen stellt alles auf den Kopf, was der Kunstbetrieb für wichtig hält. Warum es sich lohnt, nach Kassel zu fahren.
Wo, bitte, ist die schicke Documenta-Halle abgeblieben, diese gebaute Eleganz aus Glas und Stahl? Einfach weg. Statt Architektur mit raffinierten Durchblicken nur rostiges Wellblech. Das soll der Eingang sein zur bedeutendsten Kunstausstellung der Welt? Durch die Basthütte zur Documenta? Es wurden schon allerhand künstlerische Erlebnisräume inszeniert, aber selten haben sie so überrascht und berührt wie der Auftritt vom Wajukuu Art Project, einer Künstlergruppe aus Kenia. Sie hat ein Stück Heimat nach Kassel gebracht: Wellblech und Straßenlärm aus den Slums von Nairobi.
An diesem Wochenende beginnt die Documenta fifteen nun offiziell. Alle fünf Jahre wieder präsentiert sie spektakuläre Kunst, die im Gedächtnis bleibt – ob es der gigantische Büchertempel war, der Hund mit rosa Pfote oder das tausend Meter tiefe Loch, das Walter de Maria graben ließ. Diesmal sucht man vergeblich nach prägnanten Fotomotiven und tollen Installationen im Park. Stattdessen können Eltern mit ihren Kleinkindern im Fridericianum Purzelbäume schlagen, darf man auf Dachziegeln trommeln oder Poster von Hand drucken.
Jede Documenta will zeigen, was Kunst sein kann, und lotet den Kunstbegriff neu aus. Die Documenta fifteen stellt nicht die Kunst, wohl aber den Kunstbetrieb radikal auf den Kopf – allein schon deshalb, weil hier nicht ein Kurator das Sagen hatte, sondern eine Gruppe. Das indonesische Kollektiv Ruangrupa gab die Verantwortung allerdings kurzerhand weiter und lud künstlerische und aktivistische Kollektive aus aller Welt ein, die verschiedenen Stationen zu bespielen – gemeinsam.
Gemeinschaft, das ist ein Begriff, über den man diesmal an vielen Stellen in Kassel stolpert. Denn die meisten Beiträge wurden im Team produziert. Sind sie deshalb schwächer, weil kein Name, keine Marke dahinter steht? In dem Supermarkt, den das Britto Arts Trust Project aus Bangladesch in die Documenta Halle gebaut hat, würde man in gern zugreifen – etwa bei den Chiquita-Bananen. Sie sind aus köstlich glänzender Keramik hergestellt. Aus den Fischen in der Auslage wachsen allerdings Pistolen, auf den Milchflaschen wird vor Bakterien gewarnt und beim Biogemüse findet man den Hinweis „organic food is a lie“ – Stichwort Bio-Lüge. Dieser Supermarkt erzählt auf sinnliche wie eindrückliche Weise vom globalen Ernährungswahnsinn.
Noch nie wurde auf einer Documenta so entschieden die Perspektive des globalen Südens eingenommen wie diesmal. Das Überraschende dabei ist, dass zwar auch Themen wie Kolonialismus, Umweltzerstörung, Flucht oder existenzielle Not aufgerufen werden, aber keineswegs lamentierend. Im Gegenteil spürt man überall die positive Kraft, die im gemeinsamen Handeln stecken kann. Die Jatiwangi Art Factory versucht indonesische Dörfer zu reaktivieren, die durch die industrielle Lebensmittelproduktion verfallen. In einem Filmstudio im Armenviertel von Kampala werden mit Jugendlichen irrwitzige wie witzige Actionfilme gedreht. Wajukuu arbeitet im Slum mit Kindern, um ihnen einen Weg aus der Armut zu ermöglichen. Aber auch in Kassel gibt es hoffnungsvolle Initiativen: An einem Automat kann man nun ihre Waren ziehen – wie zum Beispiel die Reste vom ersten Apfelbaumschnitt einer neu angelegten Kommune. Kostenpunkt vier Euro.
Es fällt auf, dass die wenigen beteiligten Künstlerinnen und Künstler, die im Westen etabliert sind, eher kritisch als konstruktiv agieren. Dan Perjovich hat die Säulen des Fridericianums in eine gezeichnete Zeitung verwandelt mit Schlagzeilen wie „Tönnies Schlechthof“. Hito Steyerls Video-Installation über Schafhirten kritisiert jene, die die Natur nur gesichert im SUV erleben.
Die Kluft zwischen dieser und den früheren Documentas zeigt sich aber auch daran, dass aus vielen Werken eine ungekannte Authentizität spricht. Wenn der Maler Richard Bell, ein Aborigine, zur lauten Pop-Art greift, so geht es nicht um den Oberflächenreiz von Werbung, sondern um seinen Protest gegen Landraub und Militärgewalt. Auch die faszinierenden Stoffbilder von Małgorzata Mirga-Tas sind mehr als rein künstlerische Artefakte: Sie sind gespeist aus der eigenen Erfahrung – die Künstlerin und Aktivistin ist Roma.
So verdrängen diesmal existenzielle Themen rein ästhetische Fragen. Genau deshalb sind viele Beiträge stark und von sinnlicher Wucht – ob es das Video der koreanischen „Meeresfrauen“ sind, die betörend schön singen, oder die Bänke, für die auf Stühle Bretter gelegt wurden, damit nicht nur wenige, sondern alle sitzen können. Am Ende ist es einerlei, welcher Kunstbegriff bei der Documente fifteen aufgerufen wird, sondern stellt sich das Gefühl ein, dass die größte Kunst vielleicht wirklich im konstruktiven menschlichen Miteinander liegt.
Info
Die Documenta ist bis 25. September täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Zentraler Anlaufpunkt ist das RuruHaus (Obere Königstr. 43). Tagestickets: 27 Euro, 2-Tage-Tickets 45 Euro. Verkauf vor Ort nur im RuruHaus, am P + R Parkplatz Messeplatz Schwanenwiese, im Hübner-Areal und am Bahnhof Wilhelmshöhe. Vorverkauf:
www.documenta-fifteen.de/tickets
Praktisches
In den Ausstellungen sind Rucksäcke von maximal 20 x 30 x 10 Zentimetern und Taschen von 40 c 30 x 15 Zentimetern erlaubt. Eine Gepäckabgabe befindet sich an den Bahnhöfen. Telefonauskunft 0561/70727 4141. adr