Energie Eine Region versorgt sich selbst

Von Martina Bräsel 

Im Norden Baden-Württembergs versuchen drei Landkreise ihre eigene Energiewende: Sie produzieren Strom und Wärme aus Biomasse. Äcker gibt es in der Region genug – doch es müssen nicht immer Nahrungsmittel zur Energieproduktion verwendet werden.

Die Energieexperten Sebastian Damm (links) und Mathias Ginter begutachten ein Silphiefeld. Diese Energiepflanze soll Mais und Raps ersetzen. Foto: Bräsel
Die Energieexperten Sebastian Damm (links) und Mathias Ginter begutachten ein Silphiefeld. Diese Energiepflanze soll Mais und Raps ersetzen. Foto: Bräsel

Schöntal-Bieringen - Drei Landkreise im Norden Baden-Württembergs haben ein ehrgeiziges Ziel: Gemeinsam wollen Hohenlohe, Neckar-Odenwald und Main-Tauber zu einer „Null-Emissions-Region“ werden. Das heißt, die Menschen der Region wollen mit erneuerbaren Energien genauso viel Strom und Wärme erzeugen, wie sie verbrauchen. Dass die drei Landkreise Verbündete in Sachen Bioenergie wurden, beruht auf ihrem Potenzial an Biomasse: Mehr als zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Baden-Württembergs sind hier zu finden. „Seit März 2009 sind wir eine von 25 Bioenergie-Modellregionen deutschlandweit“, sagt Sebastian Damm, der Geschäftsführer der Bioenergieregion, die sich HOT abkürzt.

Als Startkapital steuerte das Landwirtschaftsministerium des Bundes 400.000 Euro bei und noch einmal 330.000 Euro bis ins Jahr 2015. „Mit diesem Geld konnten wir Menschen Mut machen, in erneuerbare Energien zu investieren“, sagt Damm. Mittlerweile seien mehr als 30 Millionen Euro investiert worden. Realisiert wurden beispielsweise das gläserne Bioenergiedorf Siebeneich, ein Nahwärmenetz in Rosenberg und das Projekt restmüllfreie Abfallwirtschaft. Wohnhäuser, Krankenhäuser und Schulen wurden mit Fotovoltaikanlagen und Pelletheizungen ausgestattet, Biogasanlagen wurden gebaut.

Auch Küchenabfälle liefern Wärme

Das Konzept geht auf: Seit Ende 2010 könnten rein rechnerisch die 400.000 Einwohner der Region mit heimischem Ökostrom versorgt werden. Ein weiterer Fokus liege darauf, ein Nahwärmenetz aufzubauen, sagt Damm. Denn zwei Drittel der in Deutschland benötigten Energie ist Wärmeenergie, nicht Strom. In den Kommunen wurden Genossenschaften gegründet, die den Bau eines Nahwärmenetzes finanzierten und teilweise sogar selbst ausführten. Auf diese Weise sind sogenannte Bioenergiedörfer entstanden. In diesen Gemeinden wird der gesamte Strom und mindestens der halbe Wärmebedarf mit Biomasse erzeugt.

Das erste Bioenergiedorf der HOT-Region war Füßbach. Seit 2009 versorgt hier der Landwirt Thomas Karle mit seiner Biogasanlage den größten Teil der Ortschaft und einen Gewerbebetrieb mit Wärme. Elf weitere Gemeinden sind auf dem besten Weg. Doch auch in der HOT-Region ist die Diskussion über die Nutzung von Nahrungsmitteln als Bioenergie ein Thema, deshalb wird nach Alternativen gesucht. In der 2000-Seelen-Gemeinde Rosenberg läuft ein Pilotprojekt, das Bürger zu Lieferanten von Bioenergieträgern macht. „Seit März 2010 gibt nur noch zwei Tonnen. In die Gelbe kommen trockene Wertstoffe, die recycelt werden. In die Grüne nasse Abfälle, vom Küchenabfall bis zur Babywindel, die in Biogasanlagen Energie liefern“, erklärt Mathias Ginter, Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Neckar-Odenwald-Kreises (AWN).

Laut Ginter setzt man in der Region auf neue Anbaukonzepte für nachwachsende Rohstoffe. Fast 200 Hektar Anbaufläche sollen mittelfristig für alternative Energiepflanzen zu Verfügung stehen. Vielversprechend seien vor allem die Anbauversuche mit der Durchwachsenen Silphie, sagt Ginter. Die Pflanze muss aufwendig angepflanzt werden, hat aber trotzdem viele Vorteile: Sie ist anspruchslos, benötigt keine Spritzmittel oder Dünger, die Blüten sind bei Bienen sehr beliebt, und im Silphiefeld wachsen auch andere Ackerkräuter. Einmal angepflanzt kann sie 15 Jahre abgeerntet werden. In Schefflenz werden, ergänzend zum Weizen und Raps, Pappeln angepflanzt. Sie erhöhen die Artenvielfalt, weil sie Lebensräume für verschiedene Tier- und Pflanzenarten bieten. Alle drei bis fünf Jahre kann geerntet werden. Weil die Wurzelstöcke im Boden verbleiben, wird der Boden vor Erosion geschützt, und es fallen nur geringe Kosten an, denn Pappeln brauchen weder Dünger noch Pflanzenschutzmittel.

Industrielle Waschmaschinen werden mit Wärme versorgt

In Siebeneich setzt der Metzgermeister Günter Banzhaf hingegen auf Miscanthus, und der Landwirt Rolf Weibler nutzt die Gülle seiner Kühe und Hackschnitzel für seine Biogasanlage. So wird der halbe Ort mit Nahwärme versorgt, und es wird noch Strom eingespeist. „Es war uns wichtig, die überschüssige Wärme und den Wärmebedarf zusammenzubringen“, erklärt Damm.

Nicht zuletzt arbeitet man vorausschauend. So wird beispielsweise in Schöntal-Bieringen das Werk von Ziehl-Abegg, einem führenden Herstellern von Motoren und Ventilatoren, mit der Abwärme einer Biogasanlage versorgt. „Wir können die Abwärme ganzjährig nutzen“, sagt Betriebsleiter Günter Kress, denn neben der Heizung betreibe das Werk mehrere Waschmaschinen, die einen großen Wärmebedarf hätten. In ihnen werden die Ventilatoren gewaschen, damit sie fettfrei in die Lackiererei gelangen. „Wir benötigten pro Monat rund 1000 Megawattstunden Strom, das sind über 170.000 Euro“, so Kress. Durch die Bioenergie spare das Unternehmen nun enorm und habe bisher 280.000 Liter Heizöl weniger verbraucht.

Auch der Ventilatorenhersteller Ebm-Papst in Mulfingen und die Getriebe- und Zahnradfabrik Getrag in Rosenberg nutzen die Nahwärme einer Biogasanlage. Das gesamte Gewerbegebiet RIO in Osterburken will in den kommenden Jahren ganz auf erneuerbare Energien umstellen. Mit dabei ist die Firma Dietz Fruchtsäfte, die ebenfalls viel Energie benötigt. Dass Biogas statt Erdöl ein ganzes Industriegebiet versorgt, ist bis jetzt einmalig in Europa. Das Vorhaben wurde deshalb als „EU-Leuchtturmprojekt zur innovativen Kommunalentwicklung“ ausgezeichnet, und die EU steuert Fördergelder bei. „Seit dem Projektstart haben wir den Kohlendioxidausstoß um über 50.000 Tonnen pro Jahr gesenkt “, sagt Ginter. Schon heute verbrauchten die drei Landkreise mehr als fünf Millionen Liter Heizöl im Jahr weniger; damit blieben jedes Jahr mehr als vier Millionen Euro in der Region.