Energie fürs Heizen Zweifel am Zeitplan der Stadt: Heizt Stuttgart in elf Jahren ganz ohne Gas?

Der Energieexperte Bastian Schröter an der Bussenstraße in S-Ost: das Quartier gehört zu den 13 Problemvierteln in der Stadt, was das Thema Heizen angeht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bis in elf Jahren braucht ganz Stuttgart kein Gas mehr. An diesem Ziel hält die Stadt fest, auch wenn es nicht alle für realistisch halten. Eine Aussage klingt allerdings fast so, als wolle man sich ein Hintertürchen offen halten.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Bis 2035 soll die Stadt Stuttgart emissionsfrei sein. Der wichtigste Faktor dabei ist die Wärmeversorgung. Die Energie für Heizungen und Warmwasser machen in der Landeshauptstadt aktuell 58 Prozent der klimaschädlichen Emissionen aus. Doch ist es tatsächlich zu schaffen, dass in elf Jahren in kein einziges Haus mehr Gas fließt? Daran gibt es – zumindest für bestimmte Gebiete in der Stadt – Zweifel.

 

Der Professor und Energieexperte Bastian Schröter von der Hochschule für Technik in Stuttgart hatte vor Kurzem erläutert, warum er es für riskant hält, dass die Stadtverwaltung öffentlich erklärt, Gas spiele 2035 keine Rolle mehr. Derzeit tingeln städtische Experten durchs Stadtgebiet und erklären den Bürgern die 2023 vom Stuttgarter Gemeinderat beschlossene Wärmeplanung. Sie legt unter anderem dar, in welchen Quartieren mit Fernwärme zu rechnen ist und wo Hausbesitzer eher auf Wärmepumpen setzen sollten.

13 Gebiete in Stuttgart mit Problemen beim Heizen

Es gibt allerdings in Stuttgart 13 Gebiete, in denen es Stand heute noch keine geeignete Lösung für die Heizungswende gibt. Sowohl Fernwärme als auch Wärmepumpen passen aus verschiedenen Gründen nicht wirklich. Beispiele sind etwa die Quartiere Ost/Gablenberg, Lehen/Dobel oder Zuffenhausen-Mitte. Der Energieexperte Schröter rät der Stadt, ehrlich zu kommunizieren. Er ist skeptisch, dass jene Problemgebiete in elf Jahren ohne Gas auskommen werden. „Im Sinne der langfristigen Glaubwürdigkeit halte ich es für problematisch, Gas zu verteufeln“, sagte der Professor vom Zentrum für Nachhaltige Energietechnik an der Hochschule für Technik kürzlich.

„Fossiles Erdgas kommt in der Zielplanung der Wärmeversorgung ab 2035 nicht mehr vor“, erklärt ein Sprecher der Stadt Stuttgart. Man schaue sich aktuell die besonders herausfordernden Gebiete an, um Lösungen zu finden. Eine Garantie kann aber keiner geben. „Ob es gelingt, die Maßnahmen bis 2035 abzuschließen, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen“, sagt der Sprecher der Stadt. „Bis dahin wird an der Wärmeplanung festgehalten.“ Zudem verweist er darauf, dass die Wärmeplanung alle zwei Jahre angepasst werde. Das nächste Mal also in etwa anderthalb Jahren. Kritiker dürften in dieser Aussage ein Hintertürchen sehen.

Zweifel daran, ob Stuttgart spätestens in elf Jahren ohne Gas auskommt, hegen auch die Umweltverbände in der Stadt. „Unserer Meinung nach ist die Stadt nicht auf Plan“, sagt beispielsweise Manfred Niess, der Koordinator des Klima- und Umweltbündnisses Stuttgart. Um das Ziel zu erreichen, müsste die Sanierungsquote drastisch steigen, die Zahl der neuen Wärmepumpen ebenfalls. „In der Verwaltung wird gegenwärtig oft davon geredet, dass wir ins Tun kommen müssten“, sagt Niess. „Das fordern die Umweltverbände schon seit mehr als zehn Jahren.“

Ulrich König, Geschäftsführer des Energieberatungszentrums Stuttgart (EBZ), warnt derweil davor, Gas nicht auszuschließen. „Das wäre aus meiner Sicht fatal“, sagt er. „Wir müssen den Bürgern zeigen, wie es anders geht. Und daran fehlt es. Da stehen wir noch auf dem Schlauch.“ Bis Ende des Jahres müssten die ersten Pilotprojekte umgesetzt sein – beispielsweise dezentrale Wärmepumpen je Etage oder kleine Wärmenetze. „Das funktioniert auch technisch.“ Das EBZ, das Amt für Umweltschutz, die Stadtwerke und die EnBW arbeiteten daran. „Das muss jetzt schnell gehen“, sagt König.

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