Die Stadt drückt beim Thema Stadtwerke aufs Tempo. Bürgergenossenschaften können sich an dem kommunalen Versorger beteiligen.

Stuttgart - Die Stadt drückt beim Thema Stadtwerke mächtig aufs Tempo, um ihren Bürgern von Herbst an Ökostrom anbieten zu können. Am Mittwoch haben sich vier Bewerber für den Posten des technischen Geschäftsführers den Aufsichtsräten vorgestellt. Unter den von Headhuntern handverlesenen Fachleuten soll sich mindestens ein Bewerber aus der Region befinden.

Bereits am Dienstag hatten sich – wie ausführlich berichtet – im Aufsichtsrat der neuen städtischen Energietochter mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS), den Stadtwerken Aachen (Stawag) und dem kommunalen Energieverbund Thüga drei mögliche Partner in Sachen Ökostrom- und Gasvertrieb vorgestellt. Bei der Sitzung kam auch zur Sprache, dass die EWS sogar bis zu 10.000 Kunden in die Stadtwerke Stuttgart einbringen könnten. Wenn es zur Kooperation komme, solle aber jeder Stuttgarter Kunde der Stromrebellen aus dem Schwarzwald vorher gefragt werden, ob er mit dem Wechsel einverstanden sei.

Entscheidung fällt im Februar

„Die Grundsatzentscheidung, mit welchem Partner die Stadtwerke beim Strom- und Gasvertrieb strategisch zusammenarbeiten, fällt im Februar“, betont Finanz-und Wirtschaftsbürgermeister Michael Föll. Anschließend müssten noch die vertraglichen Details geregelt werden. „Spätestens bis Juni sollte alles klar sein.“ Auch beim Thema technischer Geschäftsführer werde eine „zeitnahe Entscheidung angestrebt“. Das sei auch möglich, weil alle vier Bewerber hochqualifiziert seien.

„Wir wollen neue kommunale Stadtwerke, die für die Energiewende stehen“, betont Föll. Außerdem solle die städtische Tochter ein besonders bürgernahes Unternehmen sein. „Die Stuttgarter können sich über Energiegenossenschaften finanziell an der Stadtwerke-Produktionsgesellschaft für erneuerbare Energien beteiligen“, kündigt der Stadtkämmerer an. In den nächsten zehn Jahren sollten mindestens 700 Millionen Euro in Windparks, Sonnenstrom- und Biogasanlagen investiert werden. Als Standorte für Windräder favorisiert der Finanzbürgermeister die Hochflächen auf der Schwäbischen Alb. „Ich bin kein Freund von Windparks in der Nord- oder Ostsee.“

Auch für die Bürger finanziell recht attraktiv

Föll kann sich vorstellen, dass bis zu 25 Prozent des Investitionskapitals der Stadtwerke aus genossenschaftlichen Anteilen kommen. Das stärke nicht nur den Gedanken der kommunalen Daseinsvorsorge; die Investition in die Stadtwerke sei auch für die Bürger finanziell recht attraktiv: „Ich halte eine Rendite zwischen vier und fünf Prozent für möglich.“

Um die politische Kontroverse über eine Beteiligung der EnBW oder anderer Energiekonzerne zu befrieden, ist für Föll „auch eine Beteiligung der Bürger am Strom- und Gasnetz“ vorstellbar. „Diese Netze sollen der Stadt mindestens zu 51 Prozent gehören.“ Darüber hinaus könne er sich aber auch noch einen zusätzlichen genossenschaftlichen Anteil vorstellen, der den kommunalen Eigentumsanteil erhöhe.

Nach Ansicht des Finanz- und Wirtschaftsbürgermeisters dürfen sich die Stadtwerke nicht mit der Erzeugung und dem Vertrieb umweltfreundlicher Energie zufriedengeben. „Stadtwerke müssen heute auch Dienstleister für ihre Kunden sein.“ Dazu gehörten Wartung und Service für Heizzentralen. Es müsse auch möglich sein, moderne und sparsame Heizungen von den Stadtwerken zu leasen.

Energiepolitisch unerfreulicher Umstand

Auch den energiepolitisch unerfreulichen Umstand, dass in Stuttgart viele Häuser und Wohnungen in den Stadtbezirken als Erblast aus dem vergangenen Atomzeitalter nur mit Nachtstrom beheizt werden können, soll die neue städtische Energiewerkstatt möglichst rasch beenden. „In solchen Gebieten brauchen wir mit Gas betriebene Blockheizkraftwerke, die die Bürger gleichzeitig mit Strom und Wärme versorgen können.“ Alle Aufgaben seien aber nicht von heute auf morgen zu schaffen, schränkt Föll ein. „Unsere Stadtwerke brauchen ganz sicher eine Anlaufphase von mehreren Jahren.“ Das Unternehmen könne Energie und Dienstleistungen auch nicht zu Billigpreisen, wohl aber zu angemessenen Kosten liefern.

Beim Wasser strebt die Stadt – gemäß dem erfolgreichen Bürgerbegehren „Hundertwasser“ – einen vollständigen Rückkauf des Netzes von der EnBW an. „Wir möchten die Anteile an der Bodensee- und Landeswasserversorgung sowie das Stuttgarter Netz zurückkaufen und bis 2014 kommunale Wasserwerke als eigenständige Gesellschaft gründen“, sagt Föll. Die Verhandlungen gestalteten sich allerdings schwierig, die Positionen lägen noch weit auseinander. „Es läuft noch nicht richtig, der Hahn tröpfelt nur.“

Das sehen auch andere Kenner der Verhältnisse ähnlich: „In der EnBW herrscht immer noch die alte Denke, man will allein das Sagen haben und bestimmen.“