Sabine Meurer, Bildungsreferentin der Energieagentur Rems-Murr, beschäftigt sich mit nachhaltiger Ernährung. (Archivbild) Foto: Julian Rettig
Markus Söder spottet regelmäßig über veganes Essen. Bildungsreferentin Sabine Meurer hält das für ein „falsches Signal“ – und erklärt, was Ernährung mit Klimaschutz zu tun hat.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) inszeniert sich regelmäßig als Freund von Bratwurst, Leberkäse und deftiger Küche – und grenzt sich dabei deutlich von vegetarischer und veganer Ernährung ab: „Fleisch gehört dazu. Schluss mit dem Tofu-Terror“, rief er bei einer Festzeltrede im vergangenen Jahr.
Frau Meurer, Kampagnen wie der Veganuary oder das Klimafasten sorgen jedes Jahr für Diskussionen. Warum polarisiert das Thema Essen so stark?
Essen ist ein sensibles Thema, weil jeder eigene Vorstellungen hat und selbst entscheiden will, was auf den Teller kommt. Viele lassen sich da nicht reinreden. Ich habe auch das Gefühl, dass sich das durch die Corona-Zeit noch verstärkt hat. Gleichzeitig sind solche Kampagnen wichtig, weil sie Aufmerksamkeit schaffen und zeigen: Man kann Dinge auch mal ausprobieren, ohne gleich alles dauerhaft ändern zu müssen.
Ist das Thema Ernährung politisch aufgeladen?
Leider kommt das Thema in der Politik noch zu wenig vor. Durch Markus Söder ist es stärker in die Debatte gerutscht. Dabei könnte die Politik einiges steuern – etwa durch eine Umverteilung der EU-Agrar-Subventionen. Sie sorgen aktuell unter anderem dafür, dass Kuhmilch im Supermarkt durch höhere Subventionen oft deutlich günstiger ist als pflanzliche Alternativen wie Hafermilch.
Markus Söder sagte bei einem Auftritt vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr: „Wenn ich in einem veganen Restaurant bin, bestelle ich am liebsten das Taxi, dass ich wieder wegkomm.“ Was löst das bei Ihnen aus?
Ich finde das sehr einfach gehalten, weil er vegane Ernährung pauschal abwertet – als wäre sie grundsätzlich nicht lecker. Natürlich schmeckt eine vegane Bratwurst anders als eine normale Bratwurst. Aber darum geht es gar nicht. Vegan kochen ist viel mehr als Imitation. Es gibt unheimlich viele Möglichkeiten mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Kräutern und Gewürzen leckere Gerichte zu zaubern. Oft ist die vegane Küche viel raffinierter als die traditionelle Küche mit Schnitzel, Pommes und Salat.
Welche Rolle spielt Ernährung beim Klimaschutz?
Wenn man sich den CO2-Fußabdruck anschaut, macht die Ernährung rund 15 Prozent aus. Zum Vergleich: Beim Verkehr sind es etwa 19 Prozent – also fast gleich viel. Trotzdem richtet sich der Blick der Politik viel stärker auf Mobilität oder den Gebäudesektor, was natürlich auch wichtig ist. Aber die Ernährung fällt leider oft noch hinten runter und da könnte man schon viel mehr machen.
Ernährung macht rund 15 Prozent des CO₂-Fußabdrucks aus. (Archivbild) Foto: Julian Rettig
Wenn man klimafreundlicher essen will: Ist vegane Ernährung das Optimum?
Wenn man es ganz streng sieht: ja. Aber mir ist wichtig, nicht dogmatisch rüberzukommen. Wenn ich den Zeigefinger hebe und sage: „Du darfst das nicht“, erreiche ich das Gegenteil. Es geht darum, Alternativen zu zeigen und Neugierde zu erzeugen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt tierische Produkte eher als Ergänzung – nicht als Hauptbestandteil. Wenn jemand ab und zu Eier oder Joghurt isst, ist das okay. Perfekt ist niemand – und die perfekte Ernährung gibt es nicht.
Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Generationen?
Mein Eindruck ist: Jüngere sind meist offener, Ältere skeptischer – das erlebe ich in meinem privaten Umfeld so. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass die Milch aus dem Supermarkt oft nicht von Weidekühen kommt. Gewohnheiten sind stark und Veränderungen brauchen Zeit. Bei mir war das auch ein Prozess.
Auslöser war bei mir eine Doku zum Tierwohl. Da habe ich gedacht: Ich kann kein Fleisch mehr essen. Und fürs Klima ist es auch besser. Stück für Stück habe ich mich an die vegane Ernährung herangetastet. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Wenn ich für mich einkaufe, kaufe ich in der Regel keine tierischen Produkte.
Sie kritisieren die Tierhaltung. Können Sie ein Beispiel nennen, das vielen Menschen vielleicht nicht bewusst ist?
Kühe und Hühner werden auf Leistung gezüchtet: möglichst viel Milch, möglichst viele Eier. Kühe werden dauerhaft gemolken. Ihre Leistung wird maximiert, bis sie nicht mehr funktionieren. Dann werden sie geschlachtet. Hühner legen über 300 Eier im Jahr. Das ist weit weg von dem, was naturgemäß wäre. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.
Was kann man ändern – auch ohne den Speiseplan komplett umzustellen?
Es ist relativ einfach, regional und saisonal einzukaufen. Aber auch beim Kochen kann man Energie sparen: Indem man mit Deckel kocht, Wasser für Nudeln im Wasserkocher vorkocht oder die Nachhitze nutzt und den Herd früher ausschaltet. Beim Backofen kann man oft auf das Vorheizen verzichten, und auch beim Kühlschrank hilft es, die Tür nicht lange offen zu lassen und das Eisfach regelmäßig abzutauen.
Viele verbinden Klimaschutz beim Essen mit Verzicht – Sie sprechen in Ihren Vorträgen aber von Genuss. Wie passt das zusammen?
Genuss ist wichtig – ohne Genuss funktioniert es nicht. Ja, man verzichtet auf den Fleischgeschmack, aber man gewinnt eine neue Geschmacksdimension durch Gewürze, Kräuter, Hülsenfrüchte und neue Kombinationen. Wenn man merkt, wie vielfältig pflanzliche Lebensmittel sind, tritt das Gefühl von Verzicht oft in den Hintergrund.
Gerade ist Fastenzeit: Ist das ein guter Moment, um neue Gewohnheiten zu etablieren?
Ja, das ist eine gute Gelegenheit, um Dinge auszuprobieren. Man kann nicht alles auf einmal verändern – lieber ein oder zwei Sachen testen – und schauen, ob das etwas für einen ist. Im Optimalfall übernimmt man das dann natürlich das ganze Jahr über.
Und wenn jemand sagt: „Nö, ich ändere nichts“ – was antworten Sie?
Man kann subtil dranbleiben: nicht missionieren, sondern immer wieder etwas anbieten und vorleben. Und wenn Ernährung gar kein Thema ist, gibt es andere Stellschrauben: Mobilität, Gebäude, Energie, Kleidung, Konsum. Wichtig ist, dass man sich bewusst macht: Klimaschutz ist auch Selbstschutz – für uns und kommende Generationen. Wenn jeder ein bisschen etwas macht, dann kann das in der Summe viel bewirken.
Veranstaltungsreihe
„Essen für die Zukunft“ Die Energieagentur Rems-Murr lädt zu einer Vortragsreihe über klimafreundliche Ernährung ein. Bildungsreferentin Sabine Meurer erklärt dabei, welchen Einfluss Lebensmittel auf das Klima haben und welche Veränderungen im Alltag möglich sind. Neben Fakten zum Klimaschutz gibt es praktische Tipps und Raum für Austausch.
Termine Die nächsten Termine sind am 27. April in Waiblingen-Neustadt, am 1. Oktober in Weissach im Tal sowie am 3. November in Waiblingen. Die Teilnahme ist in der Regel kostenfrei, für einzelne Termine wird ein kleiner Unkostenbeitrag erhoben. Eine Anmeldung über die Website der Energieagentur Rems-Murr wird empfohlen.