InterviewEnergieexperte im Interview „Klar, wer in einer Autostadt die Hosen anhat“

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Einst flog Axel Berg vom Wilhelms-Gymnasium in Stuttgart-Degerloch. Später saß er elf Jahre für die SPD im Bundestag, war stellvertretender energiepolitischer Sprecher – und hat nun ein Buch geschrieben. Im Interview erklärt er, wie man innerhalb von zehn Jahren die Energiewende umsetzen könnte.

Axel Berg ist Jurist, Politologe und Mitglied bei der SPD. Foto: z/Roberto Simoni
Axel Berg ist Jurist, Politologe und Mitglied bei der SPD. Foto: z/Roberto Simoni

Degerloch - Wenn beim TEC Waldau 100 Jahre Tennis gefeiert wird wie am vergangenen Samstag, dann ist Axel Berg (60) in Degerloch – auf jeden Fall, wie er sagt. Eigentlich lebt der gebürtige Sonnenberger mittlerweile in München. Doch die Zeit auf den Fildern hat den SPD-Politiker, Juristen, Politologen und seit Kurzem auch Buchautor geprägt. Im Interview erzählt er, wie genau – und warum er nun ein Buch geschrieben hat.

Herr Berg, Sie saßen von 1998 bis 2009 für die SPD im Bundestag und beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit Energie und Klima. Doch davor sind Sie mit 15 Jahren vom Wilhelms-Gymnasium geflogen. Inwiefern hat Sie Ihre Jugend auf den Fildern zu dem gemacht, der Sie heute sind?

Meine Schulkarriere war erbärmlich. Der Rektor war unvorstellbar streng und ich war aufmüpfig, frech und picklig; einer von uns musste gehen. Vielleicht waren es gerade solche Konflikte, die mir früh halfen, die Sinne zu schärfen, mit schwierigen Leuten umzugehen und auch, Ungerechtigkeiten zu erkennen. Ansonsten hatte ich eine göttlich unbeschwerte Kindheit. In die Schule lief ich zu Fuß über Obstwiesen, dort wo heute die B 27 klarmacht, wer in einer Autostadt die Hosen anhat.

Verhalten wir uns bezüglich der Energiewende lethargisch?

Lethargisch ist das falsche Wort. Manche Privatverbraucher sind zwar lethargisch, manche sogar trotzig; Die lassen den Wagen auch im Stehen laufen. Aber das Hauptproblem sind die nicht nachhaltigen Systeme mit Konzernen, die nur kurzfristige Gewinninteressen verfolgen, nach dem Motto: Nach uns die Sintflut.

Aber wenn es um eine schnelle Energiewende geht, sind doch nicht nur Konzerne, sondern auch die Bürger gefragt  – etwa indem man von Degerloch in die Innenstadt nicht das Auto, sondern die Stadtbahn nimmt . . .

Ja, sicherlich. Wenn das Angebot für Fußgänger und Radfahrer verbessert wird, freuen sich die meisten und lassen gern das Auto stehen, siehe Groningen oder Kopenhagen. Aber in der öffentlichen Debatte wird zurzeit mit dem Finger auf den Einzelnen gezeigt. Da wird man plötzlich gefragt, ob man Kinder will, schließlich würden diese noch mehr CO2 produzieren. Und es ist die Rede von Flugscham, Rindfleischscham, SUV-Scham. Es sollte aber nicht das Ziel sein, dass keiner mehr fliegen darf, sondern dass Flüge emissionsfrei stattfinden.

Wie stellen Sie sich das vor?

Deutschland subventioniert umweltschädliches Verhalten mit 60 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn diese Mittel auf den massiven Ausbau erneuerbarer Energieanlagen und Speichertechnologien umgelenkt werden, ist der Umschwung zu schaffen. Dann werden die Mieter in unseren Städten mit Fotovoltaik auf ihren Dächern und Fassaden selbst Wärme und genug Strom produzieren, dass es auch noch für die Mobilität reicht; zu Grenzkosten, die gegen null gehen. Die Politik schützt die falschen und alten Konzerne. Städte wie Stuttgart oder München können ganz schnell abstürzen, wenn man sich weiter auf die alten Konzerne verlässt und die Märkte der Zukunft vergeigt. Verbrenner wird bald keiner mehr wollen, während China bei der Elektromobilität oder Google beim autonomen Fahren Lichtjahre voraus sind.

Ihr Buch heißt „Energiewende einfach durchsetzen – Roadmap für die nächsten zehn Jahre“. Sind zehn Jahre realistisch?

Ja, wenn man nur noch Gesetze oder Fördermaßnahmen zulässt, die erstens den Ausbau der Erneuerbaren Energien unmittelbar fördern, die zweitens dezentral sind, die Erzeugung also nah am Verbraucher ist, und die drittens schnell gehen. Der Klimawandel lässt uns nicht viel Zeit.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch bewirken?

Es soll dem Umschwung, der bereits begonnen hat, Kraft geben und zeigen, was geschehen muss, damit die Energiewende bis in zehn Jahren vollzogen ist. Und es soll auch hilfreich für die Fridays-for-Future-Kids und andere Kritiker sein. In der Energiewirtschaft wird nämlich gelogen, was das Zeug hält. Die Diskussion um die CO2-Steuer ist ein Ablenkungsmanöver: weder zehn noch 50 Euro pro Tonne werden uns retten, denn sie müsste 600 Euro kosten. Potemkinsche Dörfer sind auch der Kohlekompromiss, das Klimakabinett oder das jüngste Klimapaket. Wer das Buch liest, kann künftig im Schulunterricht oder in Diskussionen mit anderen sofort widersprechen, wenn etwas behauptet wird, was nicht stimmt.

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