Energiekrise erreicht die Städte Krise geht alle an
Das Thema Energiesparen ist in aller Munde – mal wieder. Neben den Rathäusern muss aber jeder vor seiner Haustür kehren.
Das Thema Energiesparen ist in aller Munde – mal wieder. Neben den Rathäusern muss aber jeder vor seiner Haustür kehren.
Not macht erfinderisch: Die drohende Gaskrise hat in dieser Woche die Städte und Gemeinden aufgescheucht. Auf Geheiß des Deutschen Städtetags sollen die Rathäuser sehen, dass sie Energie sparen, wo es geht. Da machte vor allem die Landeshauptstadt Stuttgart von sich reden, die massive Einsparungen ankündigte. Bei repräsentativen Gebäuden geht das Licht aus, Klimaanlagen werden abgeschaltet und warmes Wasser gibt es in Behörden auch keines mehr. Doch Stuttgart war damit keineswegs Pionier.
Im Kreis Böblingen sind Herrenberg und Leonberg die Musterknaben, sie drehten schon im Juli das Warmwasser ab und senkten die Temperatur in den Schwimmbecken. Auch im Böblinger Freibad schwimmt man seit Wochen in kühlerem Nass. Schon diese kleinen Hebel haben einen merklichen Effekt: zwei Grad kälteres Freibadwasser spart 15 Prozent Gasenergie ein. Die Stadtverwaltung in Böblingen lässt sich noch etwas mehr Zeit, will erst Ideen entwickeln und dann gezielt umsetzen, obwohl sie als einzige im Kreis einen grünen Oberbürgermeister hat.
Bei all dem lobenswertem Energiespar-Engagement darf aber auch die politische Dimension nicht ganz vergessen werden. Manche Entscheidung, die jetzt als drastische Sparmaßnahme verkauft wird, versteht sich eigentlich von selbst. Dass in einer Stadtverwaltung zwischen 20 und 6.30 Uhr die Lichter aus sind, ist ohnehin der Normalfall. Und dass es sich im Büro auch ohne Klimaanlage aushalten lässt, ist eher eine Frage des Komforts. Wem es zu heiß ist, der bleibt im Homeoffice. Das spart zusätzlich Energie, weil die Anfahrt wegfällt. Doch statt auf Verwaltung und Regierung und deren Spar-Bemühungen zu zeigen, sollte jeder vor seiner Haustür kehren.
Die Appelle an das ökologische Gewissen klingen mittlerweile fast schon mantra-artig. Doch in vielen Haushalten lassen sich mit kleinen Kniffen große Effekte erzielen. Auch hier gilt die Faustregel, dass ein Grad weniger Raumtemperatur sechs Prozent Einsparung bringt. Wird zwar erst in der kommenden Heizperiode relevant, kann aber nicht oft genug gesagt werden. Nicht nur beim Heizen, auch beim Kühlen lässt sich Strom sparen. Im Kühlschrank reicht eine Temperatur von sieben Grad aus, jedes Grad kälter braucht sechs Prozent mehr Strom – muss ja nicht sein.
Eine Krise jagt die nächste. Nach den Zumutungen der Coronakrise folgte der Russland-Ukraine-Krieg und als Folge jetzt die Energiekrise. Als wäre die Krise der eigentliche Normalzustand und nicht andersherum. Bei den jetzt getroffenen Sparmaßnahmen drängt sich das Bild mit dem Frosch aus dem Al-Gore-Film „Eine unbequeme Wahrheit“ aus dem Jahr 2006 auf: Setzt man einen Frosch in ein Wasserglas und erhitzt nach und nach das Wasser, wird der Frosch verbrühen. Er nimmt jede Temperatursteigerung als nicht so gravierend wahr, dass er heraushüpfen müsste. Erhitzt man das Wasser aber, bevor der Frosch darin sitzt, springt er sofort wieder heraus: Dann spürt er sofort, dass es zu heiß ist.
Leider haben Mensch und Frosch da etwas gemeinsam. Obwohl Klimaforscher seit Jahrzehnten warnen, die Sommer immer heißer und trockener werden: gravierende Änderungen am Lebensstil ließen sich nicht beobachten. Da braucht es schon eine handfeste Krise wie die jetzige, damit der Homo sapiens sapiens sein Verhalten ändert. Bleibt zu hoffen, dass Putins Machtspielchen am Drehregler der Gaspipelines für den Westen einen positiven Effekt haben. Nämlich den, dass er endlich unabhängiger von fossilen Brennstoffen wird, die erneuerbaren Energien einen Schub erhalten und die Menschen ihr Verhalten nachhaltig ändern.