Wenn Finanzminister Christian Lindner an diesem Dienstag beim Kongress des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) in Berlin reden wird, ist ihm die Aufmerksamkeit der Zuhörer sicher. Natürlich wird der FDP-Politiker die Bedeutung der Medien hervorheben. Doch die Zuhörer dürften mehr erwarten. „Wir wollen die flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen gewährleisten und prüfen, welche Fördermöglichkeiten dazu geeignet sind“ – diesen Satz aus dem Koalitionsvertrag will die Branche mit Inhalt gefüllt sehen. „Wir sprechen hier nicht von einer Förderung in alle Ewigkeit, sondern für eine Übergangsphase, bis alle Kundengruppen digitale Medienprodukte akzeptiert haben“, wird BDZV-Hauptgeschäftsführerin Sigrun Albert in einem Bericht zur wirtschaftlichen Lage der Zeitungen zitiert.
Wie viele andere Branchen sehen sich auch die Zeitungsverleger massiven Belastungen ausgesetzt. So wird im Oktober der Mindestlohn erhöht, wovon die Zeitungsausträger profitieren, was den Vertrieb aber erheblich verteuert. Um mindestens 15 Prozent erhöhen sich damit die Lohnkosten für die Zustellung von Zeitungen, schätzt Christian Eggert, Leiter Verlagswirtschaft beim BDZV. Und dies in Zeiten der Transformation: Der Trend geht weg von gedruckten und hin zu digitalen Produkten. Der Übergang braucht Zeit, denn die gedruckte Zeitung am Frühstückstisch – egal ob in der Stadt oder auf dem Land – ist für viele Pflichtlektüre. Doch gerade die Zustellung in ländlichen Regionen wird schwieriger, sagt Holger Paesler, Geschäftsführer des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger. Das hat mit den längeren Wegstrecken der Austräger zu tun. Und gleichzeitig steigen die Energie- und Papierpreise rasant.
Die Papierherstellung ist energieintensiv. Papiermaschinen, die rund um die Uhr laufen, sind „im Grunde große Trocknungsanlagen, in denen einem flüssigen Faserbrei zunächst über Siebe und dann über dampfbeheizte Zylinder Wasser entzogen wird“, erläutert Gregor Geiger, Geschäftsführer des Verbands der Papierindustrie, salopp.
Papier-Herstellung ist energieintensiv
Gas spielt dabei eine wichtige Rolle; es steht für 58 Prozent des Brennstoffeinsatzes in diesem Industriezweig. Die Papierhersteller, die meist ihre eigenen Kraftwerke haben, gehören damit zu den großen Verbrauchern. Wie energieintensiv Papier ist, macht ein Beispiel deutlich: Rund 90 Prozent der Energie, die für die Herstellung einer Tageszeitung benötigt wird, entfällt auf das Papier, hat Eggert vor Kurzem vorgerechnet. Die seit dem Ukraine-Krieg explodierenden Gaspreise schlagen also unmittelbar durch.
Dabei war Zeitungspapier schon davor teuer und knapp. Das hat mit Corona zu tun. Die Pandemie – auch wegen des Teil-Lockdowns – hat dem Online-Handel einen Boom beschert. 4,5 Milliarden Pakete wurden im vergangenen Jahr verschickt, ein Zuwachs von gut elf Prozent. Und in den nächsten Jahren soll es weiter aufwärtsgehen. Mit voraussichtlich 5,7 Milliarden Sendungen rechnet der Bundesverband Paket- und Expresslogistik bis im Jahr 2026. Was dies mit Tageszeitungen zu tun hat? Viel. Schließlich gehören die Online-Händler ebenfalls zu den Großkunden der Papierindustrie.
Komplett aus Altpapier
Zeitungspapier besteht bis zu hundert Prozent aus Altpapier, das bis zu achtmal recycelt werden kann. Es eignet sich aber nicht irgendein Altpapier dazu. Die Entsorger müssen sortieren: Kartonagen kommen zu Kartonagen, ebenso kommen Zeitungen und Zeitschriften auf einen Stapel. Denn für den Zeitungsdruck können keine gebrauchten Kartons oder Verpackungsmaterialien verwendet werden – wegen der braunen Farbe.
Aber das helle Altpapier war in den vergangenen Jahren überproportional rückläufig. Weil während der Pandemie über Monate große Teile des Einzelhandels geschlossen waren, gab es auch weniger Werbebeilagen. Und weil kaum noch Sport- und Kulturveranstaltungen stattfinden konnten, hatten viele Zeitungen zudem vorübergehend den Umfang reduziert.
Der Preis schnellt in die Höhe
Die Folge: Das Geschäft der Papierindustrie hat sich wegen der höheren Zuwachsraten in den vergangenen Jahren stärker Richtung Kartonagen und Verpackungsmaterialien verlagert. Als sich dann das Anzeigengeschäft wieder belebte, führte die Knappheit zu rasant steigenden Preisen für Zeitungspapier. Vor einem Jahr lag das durchschnittliche Preisniveau bei maximal 400 Euro pro Tonne, mittlerweile sind es mehr als 1000 Euro pro Tonne – in Einzelfällen sogar noch höher, sagt Eggert vom BDZV.
Wegen der aktuellen Kostensteigerungen – Mindestlohn, Energie und Papier – müsste der Preis einer gedruckten Zeitung eigentlich um 30 Prozent steigen, schätzt Paesler. Eggert überlegt und sagt schließlich: „Plakativ kann man das mal so sagen.“
Deshalb sucht die Branche Unterstützung bei der Politik. Wie die aussehen könnte, ist unklar. Zwei Gutachten in zwei Ministerien seien dazu in Arbeit, verrät Paesler. Einen abgestimmten Vorschlag gebe es noch nicht.