Energiepolitik Die Schweiz – Batterie Europas?

Von kkr/klü 

Die Schweiz baut ihre Pumpspeicherkraftwerke massiv aus. Dahinter steckt ein einfaches Geschäftsprinzip: Wenn Wind- und Sonnenstrom in Europa billig zu haben ist, wird Wasser in die Höhe gepumpt. Ist der Strom teuer, drehen sich die Generatoren.

Das größte Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz entsteht in Linth-Limmern. Foto: ABB
Das größte Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz entsteht in Linth-Limmern. Foto: ABB

Stuttgart - Die Idee ist bestechend. Da gibt es mitten in Europa ein Land mit hohen Bergen, tiefen Schluchten und sehr viel Wasser: die Schweiz. Schon jetzt ist sie eines der wichtigsten Wasserreservoire Europas. In Zukunft könnten die Alpen einen weiteren Nutzen haben: als Energiequelle für den ganzen Kontinent, wo Strom gespeichert und bei Bedarf weitergeleitet wird. Walter Steinmann, Chef des Schweizer Bundesamtes für Energie, hat dafür eine werbewirksame Umschreibung: die Batterie Europas. Wenn künftig auf erneuerbare Energien statt auf Atomstrom gesetzt werde, erklärte Steinmann jüngst bei einem Vortrag in Stuttgart, müsse auch das Elektrizitätsnetz ausgebaut werden. Eine zentrale Rolle spielten dabei Pumpspeicherkraftwerke, schließlich seien diese Anlagen im Moment die einzige großtechnisch verfügbare Speichertechnologie. Steinmann: „Diese Kraftwerke bilden ein zentrales Element der künftigen Energiepolitik in Zentraleuropa.“

In einem aktuellen Bericht der Berner Bundesregierung heißt es, dass heute in den Schweizer Alpen Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 13,3 Gigawatt installiert sind. Die Pumpspeicherkraftwerke haben eine Turbinenleistung von 1,7 Gigawatt. Bis zum Jahr 2020 werden gemäß dem Bericht voraussichtlich 6 Gigawatt an Erzeugungsleistung und 4 Gigawatt an Pumpkapazität dazukommen. Diese Leistung soll aber nicht nur der Schweiz zugutekommen. Die eidgenössische Planung ist integrativer Teil der anvisierten Energiewende in der Europäischen Union. Dort sollen bis zum Jahr 2020 erneuerbare Energien rund 20 Prozent des Gesamtverbrauchs ausmachen und 33 Prozent des Strombedarfes decken.

In den kommenden Jahrzehnten sollen diese Anteile weiter erhöht werden, auch weil einige Länder auf den Einsatz von Atomkraftwerken verzichten wollen. Diese Lücke soll durch Wind- und Sonnenenergie geschlossen werden. Die sind zwar sauber, haben aber einen zentralen Nachteil: sie sind nicht konstant zu haben. Hier nun kommen die Pumpspeicherkraftwerke ins Spiel, und das lukrative Geschäftsmodell heißt, dass mit billigem Strom teurer Strom erzeugt wird, denn die Eidgenossen bieten den Nachbarn ihre „Batterie“ natürlich nicht gratis an. Im Jahr 2010 habe die Schweiz, so der Bericht der Regierung, aus dem „Energieverkehr mit dem Ausland“ über 1,3 Milliarden Franken (rund 1,1 Milliarden Euro) verdient. 2011 sank der Verdienst auf gut eine Milliarde Franken.

Billig kaufen, teuer verkaufen

Das Geschäftsprinzip ist relativ einfach: wenn in Europa tagsüber viel Strom nachgefragt wird und das Angebot knapp ist, steigt der Preis an der europäischen Strombörse. In diesem Moment werden in den Schweizer Bergen die Schleusen der Stauseen geöffnet, das Wasser donnert in die Tiefe, treibt Turbinen an und erzeugt die Elektrizität, die zu hohen Preisen verkauft wird. Wenn die Sonne vom Himmel brennt oder der Wind stark weht – wenn also Strom im Überfluss vorhanden ist – sinkt der Preis, und das Wasser wird aus den Auffangbecken in die höher gelegenen Stauseen zurückgepumpt.

Die Schweizer Energiekonzerne planen inzwischen, ihren bestehenden Kraftwerkspark beträchtlich zu erweitern. Mehr als 5 Milliarden Franken (rund 4,2 Milliarden Euro) werden die Stromfirmen dafür investieren. Der Ostschweizer Energieriese Axpo etwa baut im Kanton Glarus das Werk Linth-Limmern – es wird mit 1450 Megawatt Leistung das größte Pumpspeicherwerk der Schweiz. Das Westschweizer Stromunternehmen Alpiq investiert im Wallis, und Repower baut im bündnerischen Puschlav. Die Berner Kraftwerke haben Pläne für den Ausbau des Pumpspeicherwerks Grimsel, und auch im Tessin soll eine Großanlage entstehen. Gleichzeitig schlagen die Schweizer Unternehmen allerdings Alarm. Das bestehende Stromnetz sei nicht ausgelegt auf den europaweiten Stromhandel. Immer häufiger komme es zu Engpässen.

Vor allem in sehr kalten Winterwochen, wie etwa im Februar 2012, gelangt das Netz offensichtlich an seine Grenzen. Wie das Schweizer Bundesamt für Energie erklärt, wären damals ernsthafte Probleme im Stromnetz zu erwarten gewesen, wenn die Kältewelle mit Temperaturen mit weit unter minus 10 Grad noch einige Tage angedauert hätte. Aus diesem Grund, so fordert die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid, müssten in der Schweiz allein 6 Milliarden Franken (rund 5 Milliarden Euro) in den Ausbau der Leitungen investiert werden. Doch stehen die Unternehmen dabei vor den gleichen Problemen wie in Deutschland – keiner möchte die Strommasten in seiner Nähe stehen haben. Aus diesem Grund geht der Ausbau nur schleppend voran. Swissgrid-Chef Pierre-Alain Graf hat deshalb bereits gefordert, dass der Ausbau im nationalen Interesse Vorrang haben müsse und die Bewilligungsprozesse beschleunigt werden müssten.

Umstrittene Politik

Doch nicht nur wegen des Netzausbaus regt sich in der Schweiz Protest. Auch die Pumpspeicherkraftwerke selbst sind nicht unumstritten. Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) erklärt, dass diese Anlagen ein Etikettenschwindel seinen. Sie würden mehr Strom verbrauchen, als sie produ­zieren, und aus diesem Grund das Klima nicht schützen, sondern belasten. Die Absicht der Energiekonzerne sei weder Klimaschutz noch die Produktion von saube­rem Strom, sondern die Veredelung von Kohle- oder Atomstrom. Den würden die Stromkonzerne billig aus dem Ausland einkaufen, mittels Pumpspeicherkraftwerken „sauber­waschen“ und teuer zu Spitzenzeiten weiterverkaufen. Von der Strategie, die Schweiz zur „Batterie für Europa“ zu machen, hält SES-Geschäftsführer Jürg Buri deshalb herzlich wenig. Er glaubt nicht, dass angesichts der Schuldenkrise in Europa der Ausbau der Netze wie versprochen mit Milliardensummen vorangetrieben wird. „Stromautobahnen haben jetzt keine Priorität“, erklärt Buri. Statt auf transnationale Strategien zu setzen, solle sich die Schweiz um den Ausbau der erneuerbaren Energien kümmern, um auf diese Weise den Verbrauch im Land selbst zu sichern.

Doch die Regierung in Bern hat den anderen Weg bereits eingeschlagen. Am 1. Mai dieses Jahres hat Energieministerin Doris Leuthard mit ihren Kollegen aus Deutschland und Österreich eine Erklärung unterzeichnet, worin sich die drei Länder verpflichten, ihre Pumpspeicherkraftwerke auszubauen. Mit solchen Abkommen hofft die Schweiz nicht nur, die eigene Versorgungssicherheit sicherzustellen, sondern auch vom großen europäischen Energiemarkt finanziell zu profitieren.

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