Energiepolitik Ein Dorf kämpft um sein Kernkraftwerk

Ein Dauerärgernis: das französische AKW Fessenheim   nutzt das Wasser aus dem Rheinkanal zur Kühlung der Anlagen. Foto: dpa 9 Bilder
Ein Dauerärgernis: das französische AKW Fessenheim nutzt das Wasser aus dem Rheinkanal zur Kühlung der Anlagen. Foto: dpa

Frankreichs Präsident will das älteste AKW im Land abschalten. Fessenheim wehre sich gegen die Pläne. Alle sind empört, außer einem: der Mann, der die Anlage steuert.

Seite 3: Christine Keck (kek)

Fessenheim - Es wäre bequemer zu schweigen. Es wäre einfacher, auf den Direktor zu verweisen, auf die Hochglanzbroschüren, auf die Pariser Pressestelle des mächtigen Energiekonzerns. Aber Nicolas Bernet (Name geändert) will sich nicht verbiegen, um seinen Job zu retten und den von Hunderten anderen. „Die Anlage ist alt, eng, und es ist gut, wenn sie zumacht“, sagt der Mann, der im Dreischichtbetrieb einen Reaktor steuert. Jetzt greift er am Küchentisch zu Notizblock und Filzstift. Zwei Kreise für die Meiler, ein Rechteck für den Maschinenraum, ein Strich, wo sein Schaltpult steht – fertig ist Fessenheim: mit seinen 35 Jahren das älteste Kernkraftwerk Frankreichs und ein idyllisch gelegenes Dauerärgernis direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg.

Früher waren die politischen Lager klar abgegrenzt. Eine Handvoll grüner Neinsager kämpfte gegen den Rest der Grande Nation, dem eifrigsten Produzenten von Atomstrom in Europa. Mit Fukushima bröselten die Fronten, mit François Hollande kam die Aussicht auf Veränderung. Er wolle die Produktion von Atomstrom bis 2025 drosseln, von 75 Prozent auf 50 Prozent, hatte der Präsident in sein Wahlprogramm geschrieben, und er hat angekündigt, Fessenheim zu schließen.

Für die Umweltaktivisten in Frankreich und gleich nebendran in Baden wäre das nach all den Jahrzehnten des Widerstandes endlich ein Sieg, für die Bewohner des 2700-Einwohner-Ortes Fessenheim ist es eine Niederlage. Fast das ganze Dorf kämpft gegen die Pläne – nur Nicolas Bernet, der Mann im Kontrollraum des Meilers, stellt sich hinter seinen Präsidenten.

Die unbequeme Wahrheit spricht nur einer aus

Die Wahrheit müsse jeder aushalten können, sagt Bernet. Er ist Pragmatiker, hält Atomstrom für klimafreundlich und rentabel. Doch Fessenheim, einst als Prototyp gebaut, sei in die Jahre gekommen. Die beiden Druckwasserreaktoren der CP0-Baulinie hätten häufiger Probleme als andere Meiler und lägen weit hinter den nachfolgenden Generationen zurück. „Es wird immer aufwendiger, an Ersatzteile wie Pumpen oder spezielle Motoren zu kommen“, sagt Bernet. „Und es ist schwieriger als bei neueren Typen, das vorgeschriebene technische Niveau zu halten.“ Zumal in den letzten zehn Jahren bei der Instandhaltung gespart worden sei. Das räche sich nun. Eine Stilllegung hält er deshalb für konsequent.

„Wer soll bei mir essen, wenn das AKW weg ist?“, fragt sich der Pizzabäcker im Al Pescatore und trocknet die Hände an seiner Schürze. „Ich müsste dann schließen“, kündigt der junge Apotheker an. Und auch Super-U, einem gerade erst vergrößerten Einkaufsmarkt mit Selbstscankassen, würde der Umsatz wegbrechen. Fessenheim hängt am Tropf des Kernkraftwerks, es ist mit ihm gewachsen, ist von ihm abhängig geworden. Die vielen Millionen Gewerbe- und Grundsteuer ließen die elsässische Gemeinde und ihre Nachbarn aufleben. Allein Fessenheim erhält von der Électricité de France (EdF) rund drei Millionen Euro jährlich, etwa die Hälfte des kommunalen Haushalts.




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