Energiepreise im Südwesten Viele Eigentümer und Mieter müssen für Fernwärme heftig nachzahlen

Viele Energieversorger erweitern ihr Fernwärmenetz oder installieren neue Nahwärmenetze. Die Abrechnung war für die Kunden zuletzt alles andere als erfreulich. Foto: Ferdinando Iannone

Die Abrechnung für 2024 hat viele verärgert: Der Preis für Fernwärme ist zum zweiten Mal stark gestiegen, dabei sinken die Energiepreise doch. Ein Beispiel aus Leinfelden-Echterdingen.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Dorothea Stephan kann es immer noch nicht glauben: Sie habe bei der letzten Abrechnung für 2024 rund 1000 Euro mehr für ihre Heizwärme bezahlen müssen, dabei sei ihr Verbrauch sogar gesunken, sagt die Bürgerin aus Leinfelden-Echterdingen. Ihre Wohnung ist an das Nahwärmenetz Gärtlesäcker angeschlossen, eines von neun Nahwärmenetzen in Leinfelden-Echterdingen.

 

Der Hausverwalter Alexander Raff legt sogar die Rechnung vor: Danach belief sich der Betrag für die Eigentümer und Mieter in den insgesamt 38 von ihm betreuten Wohnungen auf 47 500 Euro – 17 500 Euro mussten jetzt nachgezahlt werden, macht 460 Euro im Schnitt. Dabei sei der Wärmepreis schon im Vorjahr enorm gestiegen, so Raff. Wie könne das sein, fragt Dorothea Stephan verärgert, da der Gaspreis doch sinke? Das Nahwärmenetz wird zu zwei Dritteln mit Erdgas und zu einem Drittel mit Biogas betrieben.

Peter Friedrich, der Geschäftsführer der Stadtwerke Leinfelden-Echterdingen, bestätigt die Erhöhungen: Im Jahr 2023 hätten sie den Preis um 32 Prozent angehoben, 2024 waren es nochmals 33 Prozent: „Das ist sehr hart für die Verbraucher, das können wir nachvollziehen.“ Aber Leinfelden-Echterdingen sei kein Ausreißer, vielmehr habe sich Fernwärme bundesweit stark verteuert.

Überall in Deutschland ist die Fernwärme viel teurer geworden

Tatsächlich konstatiert auch das Umweltministerium in seinem jährlichen Preisbericht für den Energiemarkt, dass sich der Preis für Fernwärme seit 2021 im Bundesschnitt nahezu verdoppelt habe. Lag der Preis pro Kilowattstunde damals bei 8,7 Cent, so befand er sich 2024 bei 15,1 Cent. Günstige Versorger wie MVV Mannheim boten die Kilowattstunde 2024 für rund zwölf Cent an, teure wie die Stadtwerke Nürtingen für rund 25 Cent.

Leinfelden-Echterdingen liegt mit 17,6 Cent etwas über dem Durchschnitt. Matthias Dreja, der Leiter der Versorgungsabteilung bei den Stadtwerken, erklärt dies damit, dass kleinere Netze immer etwas teurer im Betrieb seien als Großnetze wie in Mannheim: „Große Erzeugungsanlagen oder Abwärmequellen haben wir leider nicht.“

Die Stadtwerke Leinfelden-Echterdingen betreiben neun Nahwärmenetze und planen zwei weitere – im Bild Matthias Dreja und Peter Friedrich. Foto: Philipp Braitinger

Viele Kunden verstehen jedoch nicht, warum die Preiserhöhungen jetzt erst kamen, da doch die Energiepreise schon 2022 mit dem Beginn des Ukrainekriegs explodiert waren. Das hat mit der spezifischen, nachlaufenden Kalkulation der Fernwärmepreise zu tun. Die Versorger sind Monopolisten, die Kunden können nicht einfach wie beim Strom wechseln, wenn ihnen die Fernwärme zu teuer wird. Um die Kunden zu schützen, hat der Gesetzgeber deshalb den Versorgern eine grundsätzliche Kalkulation vorgegeben, die auf mehreren Faktoren beruht, etwa dem Gaspreisindex, dem Wärmepreisindex (beides sind offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamtes) sowie dem Lohnindex.

Um die Kalkulationsformel der Versorger zu verstehen, braucht man aber beinahe ein mathematisches Studium. Und die variablen Preisbestandteile bleiben dennoch enorm, sonst könnten die aktuellen Fernwärmepreise in Deutschland laut der Transparenzplattform Fernwärme nicht zwischen 7,5 und 37,3 Cent pro Kilowattstunde schwanken.

Jedenfalls werden die Indices jeweils erst im nächsten Jahr gültig. Während der Gaspreis gleich 2022 in die Höhe schoss, sich kurzfristig versiebenfachte und sich dann ab 2023 wieder beruhigte, blieb der Fernwärmepreis 2022 stabil und erhöhte sich erst 2023. In diesem Jahr griffen die Energiepreisbremse und die Mehrwertsteuersenkung des Bundes, so dass die Kosten gekappt waren und die Kunden die Erhöhung noch nicht so spürten. Jetzt, 2025, als die Abrechnung für 2024 kam, schlugen die satten Preisanstiege voll durch. Hagen Lessing, der Chef der Abrechnungsfirma Ista, hatte Fernwärme-Bezieher deshalb schon im Frühjahr gewarnt: „Viele Menschen haben fälschlicherweise den Eindruck, dass sich die Lage an den Energiemärkten entspannt hat. Dieser Eindruck trügt.“

Beim Verbrauch schneidet die Fernwärme meist schlechter ab

Laut dem genannten Preisbericht des Umweltministeriums ist der Gaspreis seit 2021 unterm Strich um 54 Prozent gestiegen, die Fernwärme aber um 73 Prozent. Strom ist nach zwischenzeitlichen Rekordhöhen „nur“ sechs Prozent teurer geworden. Dorothea Stephan ist jedenfalls enttäuscht von der Fernwärme: „Freiwillig würde ich keine Fernwärme mehr wollen – wegen der hohen Verbrauchskosten“, sagt sie.

Bei Vergleichen der Heizungsarten schneidet die Fernwärme tatsächlich meist schlechter ab. Für eine 70-Quadratmeter-Musterwohnung berechnet der Heizspiegel bei Fernwärme jährliche Kosten von 1225 Euro, bei Gas von 1030 Euro und bei einer Wärmepumpe von 680 Euro. Allerdings muss man auch die Investitionskosten berücksichtigen, und diese können bei Fernwärme günstiger sein. Matthias Dreja ist jedenfalls überzeugt, dass Fernwärme bei einer realistischen Vollkostenrechnung konkurrenzfähig ist.

Jetzt kommen moderate Preissenkungen

Zugleich räumt er ein, dass die Stadtwerke Leinfelden-Echterdingen nicht gut genug mit ihren Kunden kommuniziert hätte, man hätte die stark erhöhten Rechnungen viel besser erklären müssen. Zumindest für das Quartier Gärtlesäcker wolle man das nachholen, verspricht Dreja. Und einen kleinen Trost gibt es: 2025 und 2026 werde der Preis leicht um jeweils zwei Prozent sinken, sagt Stadtwerke-Chef Peter Friedrich. Mit einer weiteren Schockrechnung ist also vorerst nicht zu rechnen.

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