Energiepreise Steuern beim Strom runter? Das sagt der EnBW-Vertriebschef
Wahlkampfthema Energiekosten: Fast alle Parteien fordern, die Strompreise sollten sinken. EnBW-Vertriebschef Dirk Güsewell erklärt, wie das gelingen könnte.
Wahlkampfthema Energiekosten: Fast alle Parteien fordern, die Strompreise sollten sinken. EnBW-Vertriebschef Dirk Güsewell erklärt, wie das gelingen könnte.
Fast alle Parteien wollen nach der Bundestagswahl die Stromsteuer senken – doch was brächte das privaten Haushalten? Dirk Güsewell, Vertriebschef von Deutschlands drittgrößtem Energieversorger EnBW, sieht eine Senkung der Stromsteuer als sinnvolle Maßnahme an, die für Entlastung bei den Stromkosten sorgen könne. Der Manager machte aber auch deutlich, dass dies allein nicht ausreicht, um die hohen Energiepreise in Deutschland langfristig zu stabilisieren.
„Die perspektivisch erwartbaren stärksten Kostenveränderungen sind aus unserer Sicht durch den notwendigen Ausbau der Stromnetze verursacht“, erläutert der Strommanager. Für den Umbau des Energiesystems in Deutschland rechnet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mit einen Investitionsbedarf von insgesamt 720 Milliarden Euro bis 2030.
Für die Energiewende müssen tausende Kilometer neue Überland-Stromleitungen verlegt werden, die vor allem Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren sollen. „Das sind Kosten, die früher oder später die Gemeinschaft und die Verbraucherinnen und Verbraucher tragen müssen“, sagt Güsewell. Der Manager mahnt, die Bezahlbarkeit der Energiewende nicht aus den Augen zu verlieren. Er versichert: „Wir geben jede mögliche Entlastung an die Verbraucherinnen und Verbraucher weiter.“ Als ein Beispiel den Strompreis zu drücken, nannte Güsewell die Forderung, Stromtrassen künftig als oberirdische Freileitungen statt als Erdkabel zu bauen. Berechnungen der Bundesnetzagentur zufolge ließen sich so 35,3 Milliarden Euro einsparen. Davon würden auch Verbraucher profitieren. Güsewell weist darauf hin, dass die EnBW inzwischen in jedem ihrer Photovoltaik-Parks einen Speicher bauen, um die Netzanschlusskosten zu verringern.
Eine Senkung der Stromsteuer auf den in der EU erlaubten Mindestwert würde die Stromkosten nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox um knapp 7 Prozent verringern. Verbraucher in Deutschland würden insgesamt um rund 3 Milliarden Euro entlastet. Die Stromsteuer für private Verbraucher liegt derzeit bei 2,05 Cent je Kilowattstunde (kWh). Das europäische Mindestmaß beträgt 0,1 Cent je kWh.
Laut Verivox würde bei einer Senkung der Stromsteuer auf diesen Mindestwert eine Familie mit einem Jahresverbrauch von 4000 kWh 93 Euro weniger bezahlen, denn neben der Stromsteuer würde auch weniger Mehrwertsteuer fällig. Ein Zwei-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 2800 kWh könnte mit einer jährlichen Entlastung von 65 Euro, ein Single-Haushalt (1500 kWh) mit 35 Euro rechnen.
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und der Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) machen sich für eine solche Steuersenkung stark. „Die Entlastungswirkung erfolgt unmittelbar bei allen privaten Haushalten. Das müssen wir nutzen“, sagt der Vorsitzende der ZVEI-Geschäftsführung Wolfgang Weber. Dadurch werde auch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme attraktiver.
Handlungsbedarf sehen die Verbände zudem bei den Netzentgelten, die einen Anteil von etwa 25 Prozent des vom Haushaltskunden zu zahlenden Strompreises ausmachen. Die Gebühren für die auch „Stromautobahnen“ genannten Übertragungsnetze bilden zusammen mit den Gebühren für die regionalen, so genannten Verteilnetze den Kostenblock Netzentgelte auf der Stromrechnung. Bislang werden nur die Netzgebühren der Übertragungsnetzbetreiber staatlich bezuschusst. Das bemängeln die Verbände: Denn nur rund ein Drittel des Entlastungseffekts komme so bei Haushalten und Gewerbe an. Damit die Verbraucher in der sogenannten Niederspannung effektiver von staatlichen Zuschüssen profitieren, müssten künftig auch die Verteilnetzebene bei der Entlastung berücksichtigt werden.