Der rasante Anstieg des Gaspreises belastet das Ergebnis des Energieversorger EnBW mit 550 Millionen Euro. Dennoch sinkt der Konzerngewinn im Halbjahr nur leicht, was mit den Erneuerbaren zu tun hat.

Wirtschaft: Inge Nowak (ino)

Der Energieversorger EnBW will – anders als der Konkurrent RWE in Essen – nicht auf die geplante Gasumlage verzichten. „Die Situation ist nicht vergleichbar“, sagte EnBW-Finanzchef Thomas Kusterer in einer Telefonkonferenz. Er bezifferte die Ergebnisbelastungen der EnBW im ersten Halbjahr durch höhere Kosten bei der Gasbeschaffung auf rund 550 Millionen Euro. Dass das operative Ergebnis des Konzerns dennoch nur um 3,7 Prozent auf 1,42 Milliarden Euro gesunken ist, liege an den erneuerbaren Energien, die nun deutlich mehr zum Ergebnis beitrugen, so Kusterer.

RWE hatte am Vortag bekannt gegeben, die Gasumlage nicht in Anspruch zu nehmen. Begründet wurde dies damit, dass man „vergleichsweise wenig Gas aus Russland“ beziehe. Zudem hat der Essener Konzern den Gewinn deutlich gesteigert.

Verträge mit LNG-Lieferanten

Die EnBW bezieht Gas im Wesentlichen aus Norwegen und Russland. Dies macht der Konzern nicht direkt, sondern über seine Gashandelstochter VNG. Um unabhängiger von russischen Lieferungen zu werden, will EnBW die Bezugsquellen nun diversifizieren. Dabei geht es nicht zuletzt auch um den Einkauf von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG). So hat erst vor wenigen Wochen EnBW mit Venture Global LNG zwei langfristig laufende Lieferverträge für LNG von 2026 an vereinbart. Man sei in Gesprächen mit weiteren Lieferanten.

Zurückhaltend äußerte sich Kusterer über Forderungen nach einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke, die noch in Betrieb sind. In Deutschland sind dies insgesamt drei, darunter Neckarwestheim 2. Eigentlich sollten sie Ende des Jahres vom Netz gehen. So sieht es das Gesetz vor. „Darauf bereiten wir uns entsprechend vor“, so Kusterer. Ob es zu einer Laufzeitverlängerung kommt, dürfte sich allerdings erst klären, wenn die Ergebnisse des laufenden Stresstests zur Versorgungssicherheit vorliegen. Nach Angaben von Kusterer können die jetzt eingesetzten Brennstäbe nur für wenige Wochen über das Jahr 2022 hinaus verwendet werden. Sie seien bereits relativ weit abgebrannt, fügte der Finanzchef hinzu.

Weg von russischer Kohle

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist die Lage an den Energiemärkten angespannt. Um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten, mussten die Reservekraftwerke im ersten Halbjahr 2022 etwa doppelt so häufig und zu höheren Kosten als im Vorjahr eingesetzt werden, so die EnBW. Dazu zählt etwa das Kraftwerk in Altbach/Deizisau, das mit Steinkohle betrieben wird. Dabei will EnBW künftig statt russischer Kohle im Wesentlichen kolumbianische und US-Kohle einsetzen.

Die Versorgung mit Brennstoffen sei gesichert – trotz niedriger Wasserstände der Flüsse. Zum einen seien die Lager der Kraftwerke selbst gut ausgestattet, zum anderen seien die Standorte sowohl per Schiff als auch per Bahn erreichbar, erläuterte Kusterer. „Wir haben genügend Vorräte, um durch den Winter zu kommen“, fügte er hinzu.

. . . und die Emissionen steigen

Allerdings wird der verstärkte Einsatz fossiler Energien die CO2-Emissionen zunächst in die Höhe treiben. Vor diesem Hintergrund betonte Kusterer, dass der Konzern an seiner strategischen Ausrichtung sowie den Klimazielen festhalten werde. „Nur ein schneller Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze macht uns langfristig unabhängig von fossilen Energieträgern“, so Kusterer. „Wir müssen den Übergang zu einer langfristig CO2-freien Energieversorgung in Deutschland deutlich beschleunigen“. Der größte Teil der Investitionen fließe deswegen in den Ausbau der erneuerbaren Energien – dazu gehört etwa die Entwicklung eines Offshore-Windparks in der Schottischen See –, in den Ausbau der Netze sowie in die Elektromobilität. Insgesamt hat die EnBW im ersten Halbjahr gut eine Milliarde Euro investiert.

Stabile Entwicklung

Trotz der Herausforderungen hat sich der Konzern im ersten Halbjahr stabil entwickelt. Der Umsatz schnellte um 114 Prozent auf gut 27 Milliarden Euro in die Höhe, was im Wesentlichen auf höhere Absatzpreise im Strom- und Gasbereich zurückzuführen ist. Das Ergebnis, das auf die Aktionäre der EnBW entfällt, schoss um knapp 730 Millionen Euro auf 564 Millionen Euro in die Höhe. Das hat vor allem mit außerplanmäßigen Abschreibungen im Bereich der konventionellen Erzeugung von 700 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2021 zu tun. 26 312 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt der Konzern (plus sechs Prozent). Die Prognose für das gesamte Jahr wurde bestätigt.