Energieversorgung im Land EnBW baut neues Kraftwerk im Kreis Ludwigsburg

Von Frank Wittmer 

Im Jahr 2022 sollen die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen. Wenn Wind und Sonne nicht ausreichen, muss aber eine Notfallreserve zur Verfügung stehen. Das zusätzliche Kraftwerk ist nur notwendig, weil der Netzausbau in Deutschland nicht schnell genug voran kommt.

Neben dem bestehenden Kraftwerk wird eine neues (im Vordergrund) gebaut. Die Inbetriebnahme ist für den Oktober 2022 geplant. Foto: EnBW
Neben dem bestehenden Kraftwerk wird eine neues (im Vordergrund) gebaut. Die Inbetriebnahme ist für den Oktober 2022 geplant. Foto: EnBW

Marbach am Neckar - Die EnBW hat von ihrer Tochterfirma Transnet BW den Auftrag bekommen, ein neues Gasturbinenkraftwerk mit 300 Megawatt Leistung zu bauen. Damit ist die EnBW als Sieger aus einer Ausschreibung hervorgegangen, in deren Rahmen in Baden-Württemberg die Standorte neuer Kraftwerke zur Notfallversorgung vergeben werden sollten. Der Zuschlag sei neutral unter allen Marktbeteiligten vergeben worden, betont Annett Urbaczka, die Leiterin der Unternehmenskommunikation von Transnet BW. Man sei von der Bundesnetzagentur mit der Vergabe beauftragt worden und im Sinne des „Unbundling“ zur Neutralität verpflichtet, kommentiert die Sprecherin die Entscheidung, die in Fachkreisen wegen der direkten Verbindung zur EnBW-Muttergesellschaft schon für „Stirnrunzeln“ gesorgt hatte.

Ein kleines Konjunkturprogramm

Im Jahr 2022 sollen die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen. Wenn Wind und Sonne nicht ausreichen, muss aber eine Notfallreserve zur Verfügung stehen. Dafür gibt es in Marbach (Kreis Ludwigsburg) heute schon ein Gasturbinenkraftwerk, das auch weiterhin betrieben wird. Wenn der Strom knapp zu werden droht, kann die mit leichtem Heizöl betriebene Turbine vergleichsweise schnell hochgefahren werden. Neu ist, dass strategisch günstig in Deutschland verteilt mehrere verschiedene Kraftwerke schnell für Stabilität im gesamten Netz sorgen sollen, wenn es ein Ungleichgewicht gibt. Auch wenn es in Norddeutschland genügend Strom aus Windenergie gibt, kann bei uns das Licht ausgehen.

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Insofern sieht der Marbacher Bürgermeister Jan Trost das „große Projekt mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Positiv sei, dass die Investition „im dreistelligen Millionenbereich sich wie ein kleines Konjunkturprogramm auswirkt“ und die Energieversorgung in Marbach „besonders sicher“ mache, bedauerlich sei allerdings, so Trost, dass der Neubau des letzten Notankers nur eine „Brückentechnologie“ sei. „Notwendig wäre das zusätzliche Kraftwerk nicht, wenn der Netzausbau in Deutschland schneller voran gekommen wäre.“ Bei den „besonderen netztechnischen Betriebsmitteln“, zu dem das neue Marbacher Kraftwerk gehört, wird auf einen Energiemix gesetzt. Weil ohnehin schon am Marbacher Neckarufer in sieben braunen Riesenfässern 70 000 Kubikmeter Öl lagern, bietet es sich auch bei dem neuen Werk an, hier eben nicht auf regenerative Energie, sondern auf diesen „fossilen Dinosaurier“ zu setzen.

Umweltschützer hatten die Höhe des Schornsteins kritisiert

„Das ist Anachronismus pur“, hatte Hendrik Lüdke von der Liste Puls bei der Beratung des Projekts im Marbacher Gemeinderat geschimpft. Bei einer Volllast würden in dem Kraftwerk 70 000 Kilogramm Heizöl in einer Stunde verbrannt werden. Das entspreche 220 000  Kilogramm Kohlenstoffdioxid, so Lüdke. Durch die geringen Einsatzzeiten werden aber die Auswirkung auf die Umwelt gering bleiben, beruhigt der Betreiber EnBW. Die Turbine dürfe nämlich gar keinen Strom für den Markt produzieren, sondern werde nur im Notfall auf Anforderung die Netzstabilität aufrecht erhalten. 30 Minuten nach einem entsprechenden Signal der Transnet BW muss die volle Wirkleistung am Netz sein. Dabei kann die Turbine per „Kaltstart“ hochgefahren werden, muss also nicht im Dauerbetrieb bleiben, um im Ernstfall einsatzbereit zu sein.

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Die Planungen wurden seit der ersten Vorstellung des Projekts im November 2018 verfeinert, was Trost begrüßt. Die von Umweltschützern wie dem Benninger Claus-Peter Hutter kritisierte Höhe des zusätzlichen Schornsteins wurde so auf 80  Meter reduziert. Zwischenzeitlich wurde außerdem der Standort einer Wasseraufbereitungsanlage zur Verringerung der Stickoxidemissionen festgelegt. Sie soll am östlichen Rand errichtet werden. Die Gesamtfläche des Baufeldes bleibt unverändert bei etwa 14 000 Quadratmetern.

Bis zum Oktober 2022 muss das Kraftwerk fertig sein

Bereits in diesem Herbst werden mit Umbaumaßnahmen im Umspannwerk die ersten Bauarbeiten auf dem Gelände in Marbach anlaufen. Voraussichtlich im Februar 2020 beginnt dann die Baufeldfreimachung für die Gebäude der neuen Netzstabilitätsanlage. Fertig gestellt werden muss das neue Kraftwerk bis zum 1.  Oktober 2022. „Dieses Betriebsmittel wird der TransnetBW von Oktober 2022 bis September 2032 zur Verfügung stehen“, sagt die Unternehmenssprecherin Annett Urbaczka.