Energieversorgung in Stuttgart Späte Kritik am neuen Kraftwerk Gaisburg

Der Umbau des Kraftwerks Gaisburg sorgt nun auch für Kritik. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der Umbau des Kraftwerks Gaisburg sorgt nun auch für Kritik. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bisher hatte die EnBW viel Applaus für ihre Pläne erhalten, das Kraftwerk Gaisburg neu zu bauen und von Kohle auf Gas umzustellen. Doch nun dreht sich der Wind: die EnBW bleibe auf halbem Weg stehen, lautet die Kritik.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Stuttgart - Bisher hatte die EnBW viel Applaus für ihre Pläne erhalten, das Kraftwerk Gaisburg neu zu bauen und von Kohle auf Gas umzustellen – rund 26 000 Stuttgarter müssten nämlich ihr Auto verkaufen, um rechnerisch dieselbe Menge an Kohlendioxid einzusparen. Doch nun dreht sich der Wind: Grüne und SPD im Gemeinderat, aber auch Energieexperten und engagierte Bürger sind der Meinung, die EnBW bleibe auf halbem Wege stehen. Sie fordern die Stadt auf, den Energiekonzern dazu zu bringen, eine Gesamtstrategie für die Fernwärmeversorgung in Stuttgart vorzulegen.

Nitsch: Positive Effekt auf kleinen Zeitraum begrenzt

Mit Sicherheit geht dieser Vorstoß zurück auf die Ideen des Energiefachmanns Joachim Nitsch, der in Stuttgart fast schon als Energiepapst gilt. Er hatte vor einigen Wochen bei einem Hearing der SPD im Rathaus klar gemacht, dass das geplante neue Kraftwerk in Gaisburg zwei große Schwächen habe. Erstens werde es auch künftig nur für Spitzenzeiten genutzt und stehe deshalb meistens den gesamten Sommer über still. Die positiven Effekte würden sich also auf einen kleinen Zeitraum im Jahr begrenzen. Zweitens würden die heutigen Möglichkeiten zur Kraft-Wärme-Kopplung (also zur gleichzeitigen Produktion von Strom und Fernwärme) nicht ausreichend genutzt. Würde statt der jetzt geplanten Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung ein sogenanntes Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk gebaut, wäre der Wirkungsgrad noch höher und es könnten statt 30 Megawatt an elektrischer Leistung bis zu 150 Megawatt entstehen. Auf Deutsch: Es könnte sehr viel mehr Strom auf sehr emissionsarme Weise produziert werden.

Daneben ist Joachim Nitsch der Ansicht, dass auch die Kraftwerke in Münster und Altbach modernisiert werden und wegkommen müssten von Kohle und Müll. Alles zusammen wäre dann ein sehr bedeutender Beitrag, damit Stuttgart und das Land ihre Klimaziele erreichten, so Nitsch.

SPD und Grünen wollen Gesamtstrategie

Die SPD und die Grünen im Gemeinderat haben diese energiepolitischen Überlegungen jetzt in einen Antrag umgemünzt. Da die Stadt Stuttgart vor kurzem ein Energiekonzept mit hohen Zielen verabschiedet hat und da sie gerade vor Gericht um die Übernahme des Fernwärmenetzes kämpft, sei es wichtig, eine Gesamtstrategie zu haben – diese soll die EnBW jetzt vorlegen. Es bedürfe einer langfristigen Perspektive und einer Gesamtschau der Kraftwerke, betonen Hans H. Pfeifer, der energiepolitische Sprecher der SPD-Fraktion, und Andreas Winter, der Fraktionschef der Grünen.

Auch das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) und der Bürgerverein Kommunale Stadtwerke Stuttgart drängen auf Verbesserungen in Gaisburg. Manfred Niess und Michael Fuchs fordern die Stadt auf, ein eigenes technisch-wirtschaftliches Gutachten für Gaisburg in Auftrag zu geben. Diese Studie soll zeigen, wie die Fernwärmeversorgung in Stuttgart – also Kraftwerke und Verteilnetz – so aufgestellt würden, dass sie keine so katastrophal schlechten Werte mehr wie bisher habe. Am besten sei es sowieso, sagen die Bürger, die Stadtwerke Stuttgart würden Kraftwerke und Netz übernehmen: „Denn die EnBW hat die Fernwärme kaum ausgebaut.“ Gerade gräbt der Konzern aber eine zwei Kilometer lange Leitung nach Feuerbach-Ost, um dort ein Gewerbegebiet anzuschließen. Die EnBW selbst will sich vorerst nicht öffentlich äußern, sondern zuerst das Gespräch mit der Stadt suchen – das gehöre sich so, sagt Sprecher Hans-Jörg Groscurth. Allerdings liegt der Hauptgrund auf der Hand, weshalb der Konzern kein Gas- und Dampf-Kombikraftwerk bauen will: Es rechnet sich schlicht nicht, die EnBW müsste drauflegen. Das räumt auch Joachim Nitsch als Problem ein: „Die ökonomischen Anreize für solch große Anlagen sind derzeit gering. Es ist aus heutiger Sicht nicht sicher, ob sich die Investitionen aus der Sicht eines großen Energieversorgers lohnen.“ Gerade aus diesem Grund, sagen Niess und Fuchs, müssten die Stadtwerke für die Fernwärme zuständig sein. Diese könnten auch auf energiepolitische Aspekte und auf den Klimaschutz Rücksicht nehmen und hätten nicht nur die Wirtschaftlichkeit im Blick.

Das neue Kraftwerk in Gaisburg soll Anfang 2019 in Betrieb gehen. Der Baubeginn könnte noch in diesem Jahr erfolgen. Insgesamt investiert die EnBW 75 Millionen Euro in den Neubau.




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