Was ist eine Stromkonzession?
Die meist unterirdisch verlegten Stromleitungen auf Stuttgarter Gemarkung sind rund 4500 Kilometer lang. Im Moment hat die Stadt Stuttgart dieses Netz der EnBW überlassen, die dafür jährlich etwa 50 Millionen Euro an Konzessionsabgaben an die Stadt bezahlt. Die Abgabe ist die Gegenleistung dafür, dass die Stadt der EnBW den lukrativen Netzbetrieb überlässt und ihr das Recht einräumt, auf öffentlichen Straßen Leitungen zu verlegen. Zum 1. Januar 2014 kann die Stadt diese Konzession, die immer auf 20 Jahre vergeben wird, zurückkaufen.

Wie viel kostet der Rückkauf des Netzes?
Darüber verhandeln die Stadt und die EnBW gerade. Horváth und Partners, Gutachter im Auftrag der Stadt, gehen von 105 Millionen Euro aus. Spätestens zum Jahresende soll der Verkaufspreis klar sein. Gleichzeitig spricht die Stadt mit der EnBW auch über den Rückkauf des Wassernetzes (etwa 160 Millionen Euro) und des Gasnetzes (etwa 80 Millionen Euro).

Warum ist der Besitz des Netzes wichtig?
Die Bürgerinitiative „Hundertstrom“ ist der Ansicht, dass die Stadt nur dann eine dezentrale ökologische Energieversorgung aufbauen kann, wenn sie selbst Leitungen bauen kann. Auch über Neuerungen wie intelligente Stromzähler entscheidet der Besitzer. Außerdem wolle jeder Partner am Netz verdienen, was den Geldzufluss an die Stadtkasse verringere. Diese Ansicht ist aber nicht unumstritten. In das bestehende Netz könnte die Stadt Stuttgart jederzeit Strom einleiten, auch wenn es ihr nur in Teilen gehörte.

Was sind die Vorteile des Rückkaufs?
Die Stadtwerke könnten eine Rendite von sieben bis neun Prozent erzielen, was manche Betreiber den Anteilseignern sogar garantieren. Auch ist man unabhängiger in der kommunalen Energiepolitik.

Wo liegen die Risiken?
Die Stadtwerke Stuttgart besitzen derzeit kein Knowhow und keine Mitarbeiter, um das Stromnetz selbst zu betreiben. Sie müssten vermutlich Mitarbeiter der EnBW übernehmen. Die Entflechtung der Netze könnte zusätzlich zum Kaufpreis bis zu 70 Millionen Euro kosten; das könnte bei einer Kooperation mit der EnBW entfallen. Daneben fallen laut Gutachten pro Jahr elf Millionen Euro für die Erneuerung des Netzes an. Auch ein zu hoher Kaufpreis könnte die Wirtschaftlichkeit schmälern. Und: mit dem Rückkauf des Netzes erhalten die Stadtwerke keineswegs die Stromkunden der EnBW: Sie müssen um jeden Kunden werben.

Welche Möglichkeiten hat die Stadt nach dem Rückkauf?
Die Stadt kann die Konzession an ihre Stadtwerke übertragen und somit das Netz quasi selbst betreiben. Sie kann als Netzinvestor den Betrieb des Netzes im Ganzen an einen Dritten übergeben. Oder sie nimmt einen Partner ins Boot, mit dem sie sich zusammen um das Netz kümmert. Horváth und Partners raten dazu, das Netz zu kaufen, es aber dann einem Betreiber zu überlassen, um die „operativen Risiken“ zu minimieren. Teile des Gemeinderates tendieren dazu, die EnBW als Gesellschafter in die neuen Stadtwerke aufzunehmen.

Was ändert sich für die Stromkunden?
Da die Durchleitungsentgelte festgelegt sind, spielt es für den Kunden keine große Rolle, wer der Netzbesitzer und -betreiber ist. Indirekt ist es aber aus Sicht des Bürgers wünschenswert, dass die Netzrendite in die Stadtkasse fließt und nicht an einen privaten Konzessionär.

Wie gehen andere Städte vor?
Insgesamt laufen in den nächsten Jahren Hunderte von Stromkonzessionen aus. Ludwigsburg beispielsweise hat entschieden, das Netz selbst zu betreiben. Andere Städte tun sich mit einem Partner zusammen. Die allermeisten aber verlängern die Konzession einfach mit der EnBW – rund 600 Konzessionen hat der Stromkonzern bereits wieder in der Tasche.