Energiewende in Bayern Güllegas statt Atomreaktoren

Von tmh 

Bayern will die Stromlücke durch kleine dezentrale Biogasanlagen schließen. Gülle und andere landwirtschaftliche Abfälle sollen Strom liefern.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer setzt auf Güllegas. Foto: dpa
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer setzt auf Güllegas. Foto: dpa

München - Die bisherigen Energiewendepläne weisen für Bayerns Stromversorgung 2022 eine Lücke von 30 Prozent aus, die eigentlich durch den Bau fünf großer Gaskraftwerke geschlossen werden sollte. Dafür finden sich aber mangels staatlicher Investitionsanreize bislang keine Geldgeber, weshalb aus der theoretischen eine real existierende Lücke zu werden droht. Um das zu verhindern, setzt Seehofer nun auf Gülle und Mist.

Statt weniger großer Gaskraftwerke soll es nun dezentral viele kleine Biogasanlagen geben, die auch noch zu 80 Prozent mit Gülle und nicht mit Mais betrieben werden sollen – sogar Bayerns Oppositionsparteien befürworten die Idee im Grundsatz. Wenn nicht wie bisher vor allem Mais zur Energiegewinnung verwendet wird, sondern landwirtschaftliche Abfallstoffe, sei das rundum sinnvoll, findet der Energiereferent der bayerischen Grünen, Rudi Amannsberger. Bei der Biogasgewinnung werde der Gülle das Methan entzogen, was auch einen positiven Klimaeffekt habe. Die Bauern könnten die Gülle weiterverwenden, wenn sie wieder aus der Biogasanlage kommt. Rasch umsetzbar sei der Bayern-Plan aber nicht, falls er es überhaupt ist, warnt der Experte.

26 666 kleine, dezentrale Anlagen müssten gebaut werden

Das liegt in der gewaltigen Anzahl der notwendigen Anlagen. Davon gibt es in Bayern derzeit laut Fachverband Biogas 2372 mit insgesamt 674 Megawatt elektrischer Gesamtleistung, die heute knapp sechs Prozent der bayerischen Stromproduktion beisteuern. Bestehende Anlagen haben im Schnitt eine Kapazität von 250 Kilowatt. Die von Seehofer ins Auge gefassten neuen Anlagen sollen aber nur maximal 75 Kilowatt liefern, um der seit Anfang 2012 geltenden Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zu genügen.

Bayerns FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil hat ausrechnen lassen, dass die Zahl bayerischer Biogasanlagen auf 26 666 verzehnfacht werden müsste, um die von Seehofer geforderten 2000 Megawatt zusätzlicher Biogasleistung zu erreichen. „Das ist nicht realistisch“, findet nicht nur Zeil, der darauf hinweist, dass dies die Verbraucher sehr teuer käme, „weil Biogas die EEG-Umlage massiv in die Höhe treibt“. Der Bayern-Plan würde das Ausmaß der bestehenden und als zu hoch kritisierten Fotovoltaikförderung weit überschreiten, schätzt der Grüne Amannsberger.

Seehofer hat die weitere Planung seinem CSU-Landwirtschaftsminister Helmut Brunner übergeben, der den Plan im Gegensatz zu Zeil für realistisch hält. Erst einmal aber müsse alles in einer Arbeitsgruppe durchgerechnet werden, vertröstet ein Sprecher des Ministeriums.

Fachverband Biogas hält Plan für machbar

Der Fachverband Biogas hält den Plan dagegen für machbar. Es gebe in Bayern genug ungenutzte Gülle, Mist und andere landwirtschaftliche Abfälle, um sogar 4000 Megawatt zu installieren. „Biogas kann einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg zur regenerativen Energieversorgung der Zukunft leisten“, sagt Verbandschef Claudius da Costa Gomez. Eine dezentrale Stromversorgung sei generell die logische Konsequenz der Energiewende.