Die Windkraftanlage auf dem Grünen Heiner soll größer und leistungsfähiger werden. Darüber hat unsere Zeitung schon vor einem Jahr berichtet, jetzt haben die Kooperationspartner für das Projekt eine Vereinbarung unterschrieben, und es ist klar: Die neue Anlage soll viel mehr Strom abwerfen als die alte, die vor über 20 Jahren an der Autobahn 81 gebaut wurde. Die Leistung soll siebenmal so groß sein, nämlich 4,2 Megawatt statt 500 bis 600 Kilowatt. Mit diesem Leistungsvermögen ist bei den Windverhältnissen auf dem Grünen Heiner mit einer Stromausbeute von knapp 8500 Megawattstunden pro Jahr zu rechnen, was in der weiteren Planung noch erhärtet werden muss. Aus heutiger Sicht dürfte jedenfalls der Strombedarf von rund 3000 Privathaushalten (bisher: gut 200 Haushalte) zu decken sein, glauben die Initiatoren.
Zu dem Zweck soll das Windrad auf dem Aushubberg nicht mehr bloß 70 Meter über die Erde ragen, sondern etwa 180 Meter. Es würde somit zwar, wie Geschäftsführer Wilfried Haas von der Firma Gedea in Ingelheim vor Jahresfrist angekündigt hatte, tatsächlich nicht dreimal so hoch sein wie bisher – aber annähernd. Mehr geht wegen des Baugrunds wohl nicht.
Stadtwerke möchten Symbol für die Energiewende
Die Stadtwerke Stuttgart (SWS) sind nun Partner der Gedea Windkraft Grüner Heiner GmbH & Co. KG, die entstanden war, als die Gedea-Ingelheim GmbH sich in die Bürger-Windkraftanlage einkaufte. Durch die Kooperation ändern sich Eigentumsverhältnisse nach Auskunft der SWS zunächst noch nicht. Sollte das Vorhaben am Grünen Heiner so genehmigt und umgesetzt werden können, will man allerdings eine neue Projektgesellschaft gründen. An ihr sollen die SWS dann 50 Prozent halten. Die Partner wollen die Anlage in den nächsten vier Jahren, also bis Anfang 2027, erneuern. Für die SWS bietet sich die Chance, beim Ausbau ihrer Ökostromerzeugung einen großen Schritt voranzukommen, auch bei ihrem Auftrag vor dem Hintergrund der globalen Klimakatastrophe, der Landeshauptstadt Klimaneutralität bis zum Jahr 2035 zu ermöglichen. Die neue Anlage soll Symbol der Energiewende in Stuttgart und Aushängeschild für den Ökokurs der SWS werden.
Der Technische Geschäftsführer Peter Drausnigg sagt: „Damit wir bis 2035 klimaneutral werden, müssen wir den Ausbau regenerativer Energiequellen in Stuttgart weiter forcieren. Dazu gehört auch der Sektor Wind.“ Das Repowering auf dem Grünen Heiner, die Erneuerung also, sei dabei ein wichtiger Schritt.
SWS-Finanzchef Martin Rau weist auf einen Vorteil hin: Das Projekt wird nicht auf dem freien Feld aufgesetzt, man könne „einen etablierten Standort ohne große Eingriffe in Natur und Umwelt weiternutzen“. Die Kosten sind bisher noch vage. Vor Jahresfrist war von bis zu fünf Millionen Euro die Rede. Rau sagt nun, der Betrag sei noch nicht genau zu taxieren.
Ohne Windrad würde etwas fehlen
Ohne Aufrüstung wäre der Standort wohl kaum zukunftsfähig. Zumindest vor dem Energiepreisschub infolge des Krieges in der Ukraine war sie nicht mehr rentabel. Ulrike Zich, Bezirksvorsteherin in Weilimdorf, ist denn auch froh, dass die Überlegungen angestellt werden. Denn irgendwie, sagt sie schmunzelnd, „würden wir das Windrad vermissen“. Für das Gewerbegebiet Weilimdorf sei es eine Art Werbeträger geworden, allemal ein Erkennungszeichen, das die nahe Ausfahrt Richtung Gewerbegebiet Weilimdorf markiert – und eine Landmarke. Auch Joachim Wolf (parteilos), der Bürgermeister von Korntal-Münchingen, spricht von einer Art Wahrzeichen, mit dem sich gerade die Einwohner Korntals identifizierten. Allerdings, gibt Ulrike Zich zu bedenken, stehe das Projekt praktisch noch am Anfang. Es gebe Fragen, auf deren Beantwortung „man gespannt sein darf“. Die Folgen für Flora und Fauna gehörten dazu, der Bauablauf auch. Vor zwei Jahrzehnten habe die Anlage gebaut werden müssen, als der Aushubberg gefroren war.
Wie die Menschen auf das Projekt reagieren werden, vermögen Zich und Wolf nicht vorherzusagen. Die Bezirksvorsteherin hofft, dass die Bevölkerung und die politischen Gremien wie der Bezirksbeirat Weilimdorf „früh mitgenommen werden“. Liegt der Schlüssel dafür, wie es weitergeht, vielleicht eher in Korntal? Dort gibt es in der Nähe des Grünen Heiners Aussiedlerhöfe, einen Schulbauernhof, eine Gärtnerei und einige Wohnhäuser. Wie verträglich die Pläne seien, müsse man nun sehen, sagt Bürgermeister Wolf. Bislang sei die Haltung zur Windkraftnutzung auf dem Grünen Heiner in Korntal-Münchingen eher positiv. Nach der Berichterstattung über das Projekt vor einem Jahr seien bei ihm auch keine negativen Rückmeldungen angekommen – jedoch „leider auch noch keine Details“ vonseiten der Projektbetreiber. Die Dimensionen seien doch anders als bei der bestehenden Anlage. Über die Auswirkungen müsse man reden. Die Zeiten seien heute freilich auch anders als ums Jahr 2000. Damals galt Wolfs Vorgänger als Projektgegner. Der heutige Amtsinhaber sagt, er stehe dazu, dass man für Klimaschutz und Energiewende gewisse Nachteile in Kauf nehmen müsse.
Jetzt sind viele Gutachten nötig
Den Projektpartnern ist auch klar, dass nun „zahlreiche Gutachten und Anträge erstellt werden“ müssen: zu Natur- und Artenschutz, Schallemissionen, Schattenwurf des Windrades, Anbindung ans Stromnetz und Anlagensicherheit. Natürlich schaffe man erst die Rahmenbedingungen. Auf Basis von Gutachten will man die Genehmigung im Rahmen des Bundesimmissionsschutzgesetzes beantragen – und möglichst Anfang 2024 erhalten. Rau: „Wir sind guter Hoffnung, dass wir das Vorhaben realisieren.“