Energiewende in Stuttgart Wie günstig ist das Heizen mit Fernwärme?

Die Erschließung neuer Quartiere mit Fernwärme ist aufwendig und teuer. Foto: Thomas Faltin

Durch das neue Heizungsgesetz ist das Interesse an Fernwärme in Stuttgart enorm gewachsen. Wie viel kosten die Installation und der Betrieb wirklich, gerade im Vergleich zu Gas und Wärmepumpe? Wir haben die Zahlen.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Die Stadt Stuttgart hat große Pläne: Sie will bis 2035 den Anteil der Fern- und Nahwärme von derzeit 16 auf 45 Prozent steigern. Tatsächlich steigt auch die Nachfrage stark, weil in vielen eng bebauten Stadtteilen der Platz für eine Wärmepumpe fehlt und weil Fernwärme bequem ist – man muss sich um nichts kümmern. Und es soll auch keine so hohe Anfangsinvestition wie bei einer Gastherme oder einer Wärmepumpe notwendig sein.

 

Rund 50 000 Euro für Anschluss – und das ist nicht alles

Doch dieser Schein trügt. Ein normaler Hausanschluss für eine etwa zehn Meter lange Leitung schlage doch mit 50 000 Euro zu Buche, sagt Malte Sell, der bei der EnBW für den Vertrieb Fernwärme und Wasser verantwortlich ist. Man müsse mit schwerem Gerät auffahren, die Straße sperren, die Leitung verlegen – das sei teuer. Hinzu kommen etwa 17 000 Euro für die Installationsarbeiten im Haus; man benötigt einen Wärmetauscher und einen Warmwasserspeicher. Zudem müssen Heizwasserleitungen vom Keller in jede Wohnung vorhanden sein; sonst kämen die Verlegungskosten noch on top.

Auch wenn Fördergelder winken, sagt Sell klipp und klar: „Für die Besitzer von Einfamilien- und Reihenhäusern rechnet sich die Umrüstung auf Fernwärme bei Einzelanschlüssen in der Regel nicht. Auch der Anschluss einer einzelnen Wohnung macht mit Blick auf die Anschlusskosten wirtschaftlich keinen Sinn.“ Allerdings sei der Anteil an Einfamilien- und Reihenhäusern entlang des bestehenden Fernwärmenetzes sowieso sehr gering. Auch Jacqueline Albinus, eine Sprecherin der Stadt Stuttgart, betont, dass man diesen Umstand in der kommunalen Wärmeplanung berücksichtigt habe: „Wir sehen in diesen Gebieten mit vielen Einfamilienhäusern daher in der Regel eine Einzelversorgung vor.“

Es lohnt sich, wenn mehrere Haushalte mitmachen

Derzeit tourt die Stadt durch die Bezirke, um ihre neuen kommunalen Wärmepläne vorzustellen. Malte Sell ist oft dabei. Er erlebe viele Enttäuschungen: Neben den genannten Hausbesitzern sind oft auch Mieter unzufrieden, weil sie selbst nichts entscheiden können; und oft könnten sich Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) nicht einigen, und dann passiere gar nichts.

Vergleichsweise günstig wird es jedenfalls nur, wenn eine WEG fürs gesamte Haus plant. Denn die Gesamtkosten erhöhen sich kaum, auch wenn auf einen Schlag mehrere Wohnungen angeschlossen werden. Vom Betrag für den Hausanschluss geht zudem eine Bundesförderung von 40 Prozent ab. Und die Stadt Stuttgart fördert alle Kosten (aber ohne Warmwasserspeicher) mit weiteren 20 Prozent; laut Jacqueline Albinus können Privatpersonen, Wohnungseigentümergemeinschaften, Vereine oder Firmen diesen Zuschuss beantragen.

Wärmepumpe wird bezuschusst, Gastherme nicht

So bleiben bei zehn Wohnungen für jeden Haushalt rund 5000 Euro übrig (ohne eventuelle Wasserleitungen). Eine Wärmepumpe kostet im Vergleich dazu rund 20 000 Euro, wenn man die Förderung abzieht. Eine Gastherme wird nicht bezuschusst; sie liegt bei 10 000 Euro.

Und wie sieht es nun mit den Betriebskosten aus? Sie hängen auch bei der Fernwärme wesentlich von der Dämmung ab. Wir bleiben bei unserem Beispielgebäude mit zehn Wohnungen, in dem jeder Haushalt 12 000 Kilowattstunden Fernwärme benötigt. Inklusive des Jahresservicepreises liegt man nach der geltenden Preisliste der EnBW für Stuttgart bei jährlichen Kosten von 2244 Euro.

Für Wärmepumpen liefert EnBW nur Öko-Strom

Eine Gastherme, bei der etwa 20 Prozent der Wärme durch den Schornstein verfliegen, benötigt rund 17 000 Kilowattstunden im Jahr für die gleiche Wohnung. Inklusive Grundpreis käme man nach EnBW-Preisen auf rund 1900 Euro an Kosten. Allerdings steigen tendenziell die Gaspreise, allein wegen der CO2-Bepreisung. Kosten für Wartung und Schornsteinfeger müssten ebenfalls noch berücksichtigt werden. Im Übrigen kämen auch hier Installationskosten hinzu, wenn die Gasleitung noch nicht im Haus liegt.

Für die Wärmepumpe bietet die EnBW einen eigenen Stromtarif an. Bei benötigten 5900 Kilowattstunden Strom pro Jahr für das Gerät betragen die jährlichen Kosten 1500 Euro. Dafür ist der Anschaffungspreis sehr hoch, auch Wartungen sind notwendig. Ein Vorteil der Wärmepumpe wäre weiter, dass die EnBW schon jetzt nur Öko-Strom dafür liefert. Bei der Fernwärme liegt der Anteil der erneuerbaren Energien erst bei 25 Prozent – die EnBW wechselt in ihren Kraftwerken derzeit von Kohle auf Gas, was schon viel bringt an CO2-Einsparung. Aber erst in den 2030er Jahren soll dann Wasserstoff das Gas ersetzen.

Problem: der lange Streit zwischen Stadt und EnBW

Ein riesiger Hemmschuh für den Ausbau ist in Stuttgart, dass sich die Stadt Stuttgart und die EnBW seit zehn Jahren darum streiten, wem das Fernwärmenetz gehört. Malte Sell räumt offen ein: In Straßen, in denen bereits Leitungen liegen, werde man weiter Anschlüsse legen – einen weiteren Ausbau des Netzes nehme man aber erst in Angriff, wenn Klarheit herrsche bezüglich der strittigen Konzession. Er lässt deshalb durchblicken, dass er die Ausbaupläne der Stadt bis 2035 für äußerst ambitioniert bis kaum umsetzbar hält.

Das weist die Stadt natürlich zurück. Aber man rede von dreistelligen Millionensummen für den Ausbau, so Sell, da brauche es ein gemeinsames Vorgehen von Stadt und Energieversorgern. Derzeit sei es für die EnBW jedenfalls wirtschaftlicher, Gewerbegebiete anzuschließen, die hohe Wärmeverbräuche hätten.

Bis Mitte 2026 soll jeder in Stuttgart Bescheid wissen

Wie Jürgen Görres, der Kopf hinter der kommunalen Wärmeplanung der Stadt, vor Kurzem sagte, sei es das Ziel, bis Mitte 2026 jedem Bürger in Stuttgart sagen zu können, ob er an ein Wärmenetz angeschlossen werden könnte und wenn ja, bis wann.

Daneben planen die Stadtwerke Stuttgart viele neue Nahwärmenetze. Sollten die Stadtwerke auch die Konzession für das Fernwärmenetz erhalten, wären sie künftig der Hauptakteur beim Ausbau. Bezüglich der Anschlusskosten stellten sich aber bei Nahwärmenetzen dieselben Fragen wie beim Fernwärmenetz auch, sagt Malte Sell.

Das Fernwärmenetz in Stuttgart

Länge
Das Fernwärmenetz in Stuttgart ist etwa 218 Kilometer lang. Angeschlossen sind etwa 18 Prozent des Stadtgebietes. Konkret handelt es sich um rund 25 000 Haushalte, etwa 1300 Unternehmen und 300 öffentliche Gebäude.

Kraftwerke
Drei Kraftwerke liefern die Energie für das Fernwärmenetz. Gaisburg ist bereits von Kohle auf Gas umgestellt, derzeit wird das Kraftwerk Münster umgerüstet. In Altbach erfolgt der Umbau zu einem Gas- und Dampfkraftwerk. Später sollen alle Kraftwerke durch Wasserstoff klimaneutral werden.

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