Annika Stoll macht sich auf den Rückweg ins Tal. Dabei läuft sie so sicher über die schmalen Pfade, als würde sie auch mit verbundenen Augen zurückfinden. Es gibt Tage, an denen sie dreimal heraufkommt. Dann führt sie eine Schneeschuhwandergruppe zum Sonnenaufgang auf die Kuppe, macht den Tag über Dienst auf der Hütte und bricht nachts im Schein von Fackeln noch einmal mit Schneeschuhwanderern auf. Langweilig wird ihr das nie. „Wenn ich doch einmal genug vom Belchen habe, dann fahre ich einfach übers Wochenende in die Alpen.“ Oft ist sie dort nicht.

Ihr Praxissemester möchte die junge Frau im Schwarzwald absolvieren, nach dem Studium in den Sanitärbetrieb der Eltern bei Sulzburg einsteigen. Sie ist mit der Gegend verwurzelt wie die Fichten, die ringsum die Hänge bedecken. Ihr Nährboden ist die Bergwacht. Neben ihrem Vater ist noch ihr jüngster Bruder im Verein, hier fand sie ihren Freund, hier trifft sie ihre beste Freundin. Wenn sie von Familie spricht, meint sie damit auch Kameraden.

Bei der Übung an der Oberen Stuhlsebene hängt Annika Stoll noch immer in den Seilen. Doch von oben naht Hilfe. Ihre Kameraden seilen die Gebirgstrage ab – „ein Stück noch, langsam“ – zwei weitere Bergretter stoßen zu ihr. Großes Hallo zwischen Himmel und Abgrund, dann konzentriert sich jeder auf seine Aufgabe. Zu dritt betten sie den Jungen vom Fels auf die Trage. Die Einsatzgruppe oben gibt mehr Seil, langsam gleitet der Verunglückte zu Boden, setzt sicher auf. Rettung ist Teamarbeit.

Zurück am Einsatzwagen beginnt das große Sortieren: „Hast du meine Bandschlinge gesehen?“ „War das mein Karabiner oder deiner?“ Es dauert, bis jeder seine Ausrüstung beisammenhat und das Fahrzeug beladen ist. Nach einem gemeinsamen Essen zerstreuen sich die Retter. Annika Stoll bricht am Abend noch nach Esslingen auf. Am nächsten Wochenende hat sie dienstfrei, kein Pflichttermin für die Jugend, keine Wanderführung. Stattdessen fährt sie nach Österreich, zum Skifahren mit Freunden – sie sind alle Mitglieder der Bergwacht Schwarzwald.

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