Als Kind kam Annika Stoll zur Bergwacht, seither verbringt sie fast jeden freien Tag bei Übungen und Einsätzen im Südschwarzwald. Begegnung mit einer 20-Jährgen, die glücklich ist, wenn sie in der Natur sein kann.

Annika Stoll hat den Boden unter den Füßen verloren. Unter ihr tut sich ein Abgrund auf, vor ihr eine steile Felswand, ihr Leben hängt an einem Kletterseil. Zwei Meter noch. Sie gleitet weiter abwärts, stößt sich mit den Füßen am Felsen ab. Ruppiges Gestrüpp reißt an ihrer Jacke, ihrer Hose. Einen Meter noch. Dann sieht sie ihn. Eingekeilt zwischen einer kleinen Fichte und nacktem Stein kauert ein Junge – abgestürzt.

Der Schwarzwald beschwört Bilder von mystischen Baumlandschaften herauf, von weiten Tälern, urwüchsiger Natur. Dabei vergessen Touristen leicht, dass der Schwarzwald auch Deutschland höchstes Mittelgebirge ist. Schön, aber gefährlich.

Die Frau am Abgrund weiß das. Annika Stoll ist erst 20 Jahre alt, doch sie hat viele Stunden, Tage, Wochen und Monate damit verbracht, sich auf Situationen wie diese vorzubereiten. Das Funkgerät an ihrem Klettergurt rauscht. „Patient ist unverletzt. Ich brauche die Gebirgstrage.“ Ihre Stimme bleibt klar und fest.

Eine Halskrause für das verletzte Kind

Annika Stoll ist an diesem Tag als Ersthelferin eingeteilt. Während sie auf Verstärkung von oben wartet, streift sie den Notfallrucksack von ihren Schultern. Ihr Gruppenführer hat das Gebiet als Geländetyp vier von fünf eingestuft: steil und schwer zugänglich. Aus dem Rucksack angelt sie eine Halskrause und legt sie dem Kind vorsichtig an. Obwohl es äußerlich unverletzt scheint, kann sie nicht ausschließen, dass es sich beim Sturz die Wirbelsäule verletzt hat. Stumm lässt der Junge alles mit sich geschehen – und lächelt.

Auch er ist bei der Bergwacht Schwarzwald, gehört zu den 1500 Mitgliedern des Vereins. An diesem Tag lässt er sich zu Übungszwecken retten. Der Einsatzort ist die Obere Stuhlsebene, von hier sind es nur wenige Kilometer bis zur Spitze des Belchens, des mit 1414 Metern dritthöchsten Berges im Schwarzwald. Für seine Retterin ist es eine von vielen Übungen in diesem Jahr, 30 Ausbildungsstunden muss sie für den aktiven Dienst vorweisen. Dazu kommen Einsatzzeiten auf den Rettungshütten.

Bereitschaft haben die Mitglieder ohnehin immer. Wählt man im Schwarzwald die 112, rückt nicht die Feuerwehr aus, sondern die Bergwacht. Zumindest „bei Einsätzen im Gebirge und unwegsamen Gelände“, wie es im Rettungsdienstplan des Landes Baden-Württemberg heißt.

Die Freude an einem steilen Hang

Kaum eine freie Minute, in der Annika Stoll nicht für ihren Verein unterwegs ist. Von Einsätzen erzählt sie so ruhig und unaufgeregt wie von einem Sonntagsspaziergang: wie sie mit ihren Kameraden die ganze Nacht auf dem Feldberg nach einer vermissten Frau gesucht hat oder bei Eis und Schnee einen halberfrorenen Gleitschirmflieger aus einem Baum befreite. Sie prahlt nicht mit dem, was sie tut, schmückt die Geschichten nicht aus – ganz die bescheidene Lebensretterin.

So ernst und selbstbewusst Annika Stoll dieser Aufgaben nachgeht, so locker und unbeschwert klingt sie, wenn sie über ihre Hobbys spricht: Joggen, Klettern, Skifahren. Dann wird die Freude greifbar, die sie verspürt, wenn sie einen steilen Hang hinabbrettert oder ihr beim Abseilen Adrenalin durch den Körper schießt. Wirklich glücklich ist sie nur, wenn sie draußen sein kann. Hat sie keinen Dienst, führt sie als Wanderführerin Touristen auf den Belchen. Der Einsatz bei der Bergwacht entspricht in vielen Punkten ihrem Naturell.

Die Haare hat Annika Stoll zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, widerspenstige Strähnen mit Klammern gebändigt. Sie sollen nicht stören, wenn sie im Gebirge unterwegs ist. Die Ausrüstung für Einsätze hat sie wie alle Bergretter selbst bezahlt: Klettergurt, Schutzhelm, Bandschlingen, Karabiner, Ski, Skischuhe, gutes Schuhwerk und funktionelle Einsatzkleidung. Da kommen schnell 1000 Euro zusammen. Viel Geld für ein Ehrenamt oder nicht? Annika Stoll antwortet: „Vieles davon kann ich auch in meiner Freizeit gebrauchen.“ Was sie nicht sagt, ist, dass es bei Feuerwehr oder dem Roten Kreuz undenkbar wäre, dass Mitglieder ihre Ausrüstung selbst bezahlen. Wirklich ärgern tun sie nur andere Ausgaben: Für Fahrzeuge, Sprit, die Einsatzhütten reicht das Geld, das die Bergwacht vom Land erhält, längst nicht aus. „Wenn wir nicht bei jedem Fest Würstle verkaufen müssten, hätten wir mehr Zeit, uns auf unsere eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren.“

Dabei haben die freiwilligen Retter mehr als genug zu tun. Im Winter rücken sie mit Skidoos aus, motorisierten Schlitten, um verunglückten Skifahrern zu helfen, im Sommer kommen sie gestürzten Wanderern und Mountainbikern zu Hilfe oder befreien Gleitschirmflieger, die in Baumkronen gelandet sind.

Mit den Bergrettern ist sie groß geworden

Experte für solche komplizierten Bergungen ist Martin Stoll, Annikas Vater. Er war es auch, der die Tochter für dieses Ehrenamt begeisterte, sie oft mit auf die Hütte nahm, wenn er Dienst hatte. Mit den Bergrettern ist sie groß geworden.

Aufgewachsen ist Annika Stoll in Sulzburg im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, ganz in der Nähe des Belchens. Mit 13 Jahren wurde sie Anwärterin bei der Bergwacht. Dabei konnte sie viel draußen in der Natur sein, das gefiel ihr. Heute, wo sie selbst eine Jugendbergwacht leitet, sagt sie: „Zur Bergwacht kommen meist die Kinder, die früher in Buddelhosen im Matsch gespielt haben.“ Anwärter dürfen mit auf Einsätze, klettern, fahren gemeinsam Ski.

Das ist die eine Seite, die andere ist: sie verbringen viele Stunden damit, Theorie zu büffeln. Auf dem Unterrichtsplan stehen Notfallmedizin, Bergrettungstechnik, alpine Grundlagen, 182 Ausbildungseinheiten à 45 Minuten. Erst nach mindestens zweijähriger Anwärterzeit dürfen sie die Dienstprüfung ablegen. Annika Stoll machte sie mit 18 Jahren, seitdem ist sie mal für die Ortsgruppe Sulzburg im Einsatz, mal für das benachbarte Team in Schönau.

Notfallkurs statt Weltreise

Schon bald setzte sie sich für die Ausbildung des Nachwuchses ein, rief in Sulzburg eine Jugendbergwacht ins Leben. 2013 wurde sie zur stellvertretenden Landesjugendleiterin gewählt und ist damit Ansprechpartnerin für 25 Ortsgruppen. Im selben Jahr begann sie ein Studium in Esslingen: Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik. Während ihre Kommilitonen in den Semesterferien durch die Welt reisen, Praktika machen oder Geld verdienen, gibt sie einen zehntägigen Kompaktkurs in Notfallmedizin. „Das war quasi mein Sommerurlaub“, sagt sie ohne eine Spur des Bedauerns. Für ihr Ehrenamt kehrt Annika Stoll jedes freie Wochenende in den Schwarzwald zurück. Sie ist dann häufiger im Gebirge als bei ihren Eltern anzutreffen.

Jeder Bergretter hat ständig einen Piepser bei sich und ist rund um die Uhr erreichbar. Die Hütte der Ortsgruppe Schönau am Fuße des Schwarzwaldberges ist dagegen nur sonntags und während der Skiliftzeiten besetzt. Wenn wenig los ist, machen die Diensthabenden auch mal selbst auf Skiern den Abhang unsicher.

Die Stimmung ist meist ausgelassen, doch das kann sich schnell ändern. Es gibt normale Einsatztage, an denen ein Wanderer mit Kreislaufbeschwerden zu kämpfen hat, jemand rutscht aus und verstaucht sich den Knöchel, oder ein Skifahrer stürzt schwer. Und es gibt Tage wie den 12. Januar 2014. Annika Stoll arbeitet gerade als Wanderführerin, als gegen 13.40 Uhr ein Notruf eingeht. Ein dreijähriger Junge ist auf der Nordseite des Belchens abgestürzt. Der Vater versuchte, seinen Sohn zu retten – und stürzte hinterher. Verbissen suchen die Bergretter nach den beiden. Längst sind die umliegenden Ortsgruppen verständigt worden, 30 Helfer mittlerweile im Einsatz. Ein Rettungshubschrauber entdeckt schließlich den schwer verletzten Vater, er wird durch einen Luftretter der Bergwacht geborgen. Das tote Kind finden sie 300 Höhenmeter unter der Absturzstelle.

„Der Schwarzwald wird oft unteschätzt“

Auch heute noch wird es im Rettungsteam still, wenn es um diesen Tag geht. Das Unglück überschattet die Ortsgruppe Schönau wie eine Gewitterwolke, die sich am Gipfel verfangen hat. Annika Stoll war nicht selbst bei der Suche dabei, aber der Einsatz hat auch bei ihr Spuren hinterlassen. Die Ausbildung bereitet die Ehrenamtlichen auf solche tragischen Fälle vor, psychosoziale Notfallversorgung nennt sich das Fach. Außerdem stehen ihnen Psychologen zur Seite. Noch zwei Mal Anfang des vergangenen Jahres sind Wanderer am Belchen gestürzt und verletzten sich schwer. „Der Schwarzwald wird oft unterschätzt“, sagt Annika Stoll. Es ist ein Satz, den die Bergretter wie ein Mantra herunterbeten.

Monate nach den Unglücksfällen steht sie auf dem Gipfel des Berges und blickt hinab auf das Tal, fährt mit dem Finger die Einsatzgebiete der Ortsgruppen nach, die sich um ihn gruppieren. An guten Tagen kann sie bis zu den Alpen blicken. Auf den schmalen Wegen drängen sich Menschen mit Rucksäcken und Wanderstöcken. Eine Wanderung scheint nicht gefährlicher zu sein als der Gang zum Bäcker. Die Gründe für Unfälle sind zum Teil banal – oft ist falsches Schuhwerk schuld.

In den Seilen an der Oberen Stuhlsebene

Annika Stoll macht sich auf den Rückweg ins Tal. Dabei läuft sie so sicher über die schmalen Pfade, als würde sie auch mit verbundenen Augen zurückfinden. Es gibt Tage, an denen sie dreimal heraufkommt. Dann führt sie eine Schneeschuhwandergruppe zum Sonnenaufgang auf die Kuppe, macht den Tag über Dienst auf der Hütte und bricht nachts im Schein von Fackeln noch einmal mit Schneeschuhwanderern auf. Langweilig wird ihr das nie. „Wenn ich doch einmal genug vom Belchen habe, dann fahre ich einfach übers Wochenende in die Alpen.“ Oft ist sie dort nicht.

Ihr Praxissemester möchte die junge Frau im Schwarzwald absolvieren, nach dem Studium in den Sanitärbetrieb der Eltern bei Sulzburg einsteigen. Sie ist mit der Gegend verwurzelt wie die Fichten, die ringsum die Hänge bedecken. Ihr Nährboden ist die Bergwacht. Neben ihrem Vater ist noch ihr jüngster Bruder im Verein, hier fand sie ihren Freund, hier trifft sie ihre beste Freundin. Wenn sie von Familie spricht, meint sie damit auch Kameraden.

Bei der Übung an der Oberen Stuhlsebene hängt Annika Stoll noch immer in den Seilen. Doch von oben naht Hilfe. Ihre Kameraden seilen die Gebirgstrage ab – „ein Stück noch, langsam“ – zwei weitere Bergretter stoßen zu ihr. Großes Hallo zwischen Himmel und Abgrund, dann konzentriert sich jeder auf seine Aufgabe. Zu dritt betten sie den Jungen vom Fels auf die Trage. Die Einsatzgruppe oben gibt mehr Seil, langsam gleitet der Verunglückte zu Boden, setzt sicher auf. Rettung ist Teamarbeit.

Zurück am Einsatzwagen beginnt das große Sortieren: „Hast du meine Bandschlinge gesehen?“ „War das mein Karabiner oder deiner?“ Es dauert, bis jeder seine Ausrüstung beisammenhat und das Fahrzeug beladen ist. Nach einem gemeinsamen Essen zerstreuen sich die Retter. Annika Stoll bricht am Abend noch nach Esslingen auf. Am nächsten Wochenende hat sie dienstfrei, kein Pflichttermin für die Jugend, keine Wanderführung. Stattdessen fährt sie nach Österreich, zum Skifahren mit Freunden – sie sind alle Mitglieder der Bergwacht Schwarzwald.

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