Engagement in Stuttgart-Vaihingen Aufmüpfig und außergewöhnlich engagiert

Von  

In Stuttgart-Vaihingen sind sie für ihren vollen Einsatz bekannt: Elisabeth und Karl-Horst Marquart, die sich für die Bekämpfung von Aids in Afrika und für die Stolperstein-Initiative engagieren.

In ihrem Haus in Vaihingen haben sie immer Spielzeug für die Enkel parat: Elisabeth und Karl-Horst Marquart, die jüngst für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet wurden. Foto: Sabine Schwieder
In ihrem Haus in Vaihingen haben sie immer Spielzeug für die Enkel parat: Elisabeth und Karl-Horst Marquart, die jüngst für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet wurden. Foto: Sabine Schwieder

Vaihingen - Es ist diese gewisse „Jetzt-erst-recht“-Haltung, die sie eint: Elisabeth und Karl-Horst Marquart haben in ihrem Leben vor keinem Hindernis Halt gemacht. Ein bisschen aufmüpfig seien sie, gesteht Elisabeth Marquart, doch Rebellion war ihre Sache eher weniger. Ihr Kämpfergeist mündete immer in ein außergewöhnliches Engagement. Jahrzehntelang führten sie gemeinsam und mit vielen anderen den Kampf gegen Aids in Afrika. Von der Gründung der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Vaihingen an setzten und setzen sie sich für die Aufarbeitung der NS-Geschichte ein. Für ihr außerordentliches Wirken wurde das Ehepaar 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Kennengelernt bei einer Parisreise

Der Allgemeinarzt Karl-Horst Marquart, von Freunden Kalle genannt, ist ein echtes Vaihinger Gewächs. Über seinem Kinderbett hingen die Porträts von Albert Schweitzer und Henri Dunant, und folgerichtig studierte er in Heidelberg und Kiel Medizin. Elisabeth Marquardt kam in Weimar zur Welt und flüchtete als Zehnjährige mit ihren Eltern nach Kiel. Nach dem Abitur entschloss sie sich spontan zu einer Parisreise. Während der Busfahrt dorthin lernte sie ihren späteren Ehemann kennen.

Der Grund für ihr Engagement, so erzählt sie, wurde bei einem Praktikum während des Studiums der Sozialpädagogik in Kiel gelegt. Sie arbeitete mit Kindern von Sinti und Roma, die in Waggons außerhalb der Stadt lebten. „Meine Dozenten haben sich nicht dorthin getraut“, erinnert sie sich. Das habe ihren Widerspruchsgeist angestachelt.

Während Karl-Horst Marquardt in München in der Grundlagenforschung arbeitete, wurde sie Journalistin. Elisabeth Marquart hat unter anderem als pädagogische Beraterin für das ZDF-Jugendmagazin „Rappelkiste“ gearbeitet und später zum Teil prämierte Beiträge für den Hörfunk geschrieben. Die drei Kinder des Paares kamen in München zur Welt. Für die damalige Zeit außergewöhnlich: Um den Nachwuchs gemeinsam großzuziehen, arbeiteten beide in Teilzeit. Sie wollten für ihre Kinder da sein. „Eine zu frühe Erziehung außerhalb der Familie halte ich für ein Unding“, sagt Elisabeth Marquart.

Als Arzt in Somalia

Auf Reisen ging es meist auch um die Arbeit. Elisabeth lernte im Mittleren Westen der USA die Kultur der Indianer kennen und lebte in einer schwarzamerikanischen Familie. Karl-Horst ging als Arzt ins mexikanische Hochland, wo er geschätzt 200 Babys auf die Welt geholfen hat. Im Herbst 1977 wechselte die Familie nach Vaihingen, wo der Haushalt neben den Kindern immer viele Tiere beherbergte. In den Anfangsjahren waren darunter sogar zwei Wüstenfüchse, die den Babys die Schnuller klauten: ein Mitbringsel von der Hochzeitsreise durch die Sahara. Tierlieb sind sie, die Marquarts, und aus diesem Grund haben sie sich auch lange für die Jugendfarm Möhringen-Vaihingen engagiert.

1981 flatterte ein Prospekt in den Briefkasten, der wegweisend für die Familie sein sollte. Karl-Horst Marquart entschloss sich spontan, für eine christliche Organisation nach Somalia zu gehen. Aus geplanten drei Wochen in einem Flüchtlingslager wurden neun – und das in der heißesten Ecke der Welt. Bei späteren Reisen brachte Marquart Ausrüstungsgegenstände mit und erklärte Hebammen, wie sie zu nutzen seien.

Die Freundin in Uganda

Der Besuch einer jungen Frau aus Uganda, der die Marquarts für die Zeit eines Praktikums in Deutschland ihr Gästezimmer zur Verfügung gestellt hatten, mündete in die Gründung eines Hilfsvereins. „Dorothy Byaruhanga wollte in ihrem Heimatdorf Kidukuru eine Frauengruppe organisieren“, sagt Elisabeth Marquart. Anfangs ging es um Nähmaschinen, doch dann kam die Bedrohung durch Aids. Der Verein „Kranich – Aids in Afrika“, 1991 gegründet, unterstützt Frauen, die sich zu dörflichen Aids-Beraterinnen ausbilden lassen, Kranke pflegen oder Waisenkinder betreuen. Der Kranich ist das Wappentier Ugandas und in vielen Kulturen ein Symbol für Liebe, Herzlichkeit und Mitgefühl.

Bei ihrer Arbeit in Mittelamerika und Afrika mussten die Marquarts viel Leid erleben. „Man wird dankbar, dass es einem selbst so gut geht“, sagt Karl-Horst Marquart und erzählt von einer Malaria-Erkrankung, die er überstanden hat. „Man kann dem Schrecklichen nur etwas entgegensetzen, indem man sich mit anderen austauscht und etwas Konstruktives beiträgt“, sagt seine Frau.

Ein Buch über Euthanasie

Seit einigen Jahren widmen sich die beiden parallel zu ihrer Afrika-Hilfe der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Als Mediziner kam Karl-Horst Marquart mit dem Thema Euthanasie in Berührung, über das er auch ein Buch geschrieben hat („Behandlung empfohlen“, 2016 erschienen). Die Stolperstein-Initiative Stuttgart-Vaihingen, 2006 ins Leben gerufen, unterstützt die Arbeit des Künstlers Gunter Demnig, der mit Hilfe von Messingtafeln im Boden an von den Nazis deportierte und ermordete Mitbürger erinnern will. Dazu bedarf es viel Recherchearbeit in Archiven, Gedenkstätten und Behörden sowie Gesprächen mit Zeitzeugen.

Führungen zu den Stolpersteinen

Elisabeth Marquart hat sich dazu auf ihre pädagogischen Fähigkeiten besonnen und bietet Führungen für Kinder und Jugendliche zu den Stolpersteinen an. „Die jetzige Generation ist sehr interessiert an diesem Thema.“ Es sei eben wichtig, das Geschichtswissen mit Realem, Nachvollziehbarem zu verknüpfen. Dass ihr das gelingt, zeigt die steigende Nachfrage.

Die zwei „Verdienstkreuze am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“, wie verliehenen Schmuckstücke offiziell heißen, ruhen in einer Schatulle. Hatten die beiden schon Gelegenheit, den Orden anzuheften? „Bisher noch nicht“, sagt Karl-Horst Marquart. Aber bei der Verleihung in der Villa Reitzenstein durch Staatsministerin Theresa Schopper wirbelten die Marquarts wieder einmal das Protokoll durcheinander. Auf ihren Wunsch wurden die 40 Gäste, die bei solcher Gelegenheit zugelassen sind, offiziell vorgestellt. Denn unter ihnen waren neben den drei Kindern und sieben Enkeln auch viele Wegbegleiter der vergangenen Jahre. Sie kommen aus aller Welt und erzählen von einem Paar, dessen Blick weit über den Tellerrand Vaihingens hinausreicht.

Wer mehr über die Arbeit des Ehepaars Marquart erfahren möchte, hat über zwei Webseiten die Gelegenheit dazu: www.kranich-aidsinafrika.de erzählt vom Kampf gegen Aids in Afrika, auf der Seite www.stolpersteine-stuttgart.de gibt es einen Überblick über Stolpersteine in Vaihingen und anderen Stuttgarter Ortsteilen.

Sonderthemen