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England Brighton: Schwimmverrückt

Schwimmt gern im tosenden Meer: Unser Autor Martin Tschepe im Neoprenanzug.  Foto: Kuhn 7 Bilder
Schwimmt gern im tosenden Meer: Unser Autor Martin Tschepe im Neoprenanzug. Foto: Kuhn

Das Motto des britischen Reiseveranstalters Swimtrek ist Programm: „Ferrys are for wimps“ - Fähren sind was für Feiglinge.

Rems-Murr: Martin Tschepe (art)

Brighton - Strahlend blauer Himmel, der Wind bläst ordentlich aus Osten. Vor der südenglischen Küstenstadt Brighton tanzen die Wellen, die sich am Kiesstrand tosend brechen. Ein schöner Frühlingstag. Auf dem weltbekannten Pier spazieren die Ausflügler, in den Bars und Cafés sitzen Touristen und Einheimische, trinken ein Bier, einen Tee oder eine Latte. Im Windschatten und in der prallen Sonne hat die Luft geschätzt fast 20 Grad Celsius, das Wasser hingegen ist noch saumäßig kalt. Knapp zehn Grad, sagt Kate Todd und lacht ihr sympathisches Lachen. Dann zwängt sich die 42-jährige Britin in einen Neoprenanzug.

Sie zieht sich die Bademütze über den Kopf, setzt die Schwimmbrille auf - und stürzt sich vom Strand aus in die Wellen. Ein paar Schaulustige sind stehen geblieben, beobachten staunend die (schwimm-)verrückte Sportlerin und ihren einzigen Begleiter von der Zeitung aus Deutschland, der ebenfalls in einem eng anliegenden Gummianzug steckt. Für Kate gehört Schwimmen zum Leben wie Essen, Trinken, Schlafen. Im Winter - wenn das Meer kaum fünf Grad hat - krault sie lieber im Hallenbad. Ab und an indes wagt sie sich selbst im Dezember und im Januar für ein paar Minuten ins Meer. Von Ende März an springt Kate regelmäßig ins Salzwasser vor der Haustür. Oft in der Mittagspause, zusammen mit Kollegen. Kate Todd arbeitet bei Swimtrek, einem auf Schwimmreisen spezialisierten Reiseveranstalter.

Die Neoprenanzüge wärmen die Körper

Die Kunden können Schwimmstunden im Meer bei Brighton buchen, einmal zum Pier und zurück zum Beispiel. Oder eine Umrundung von Burg Island in Devon, einer Insel, auf der Agatha Christie einst gerne Urlaub gemacht hat. Vom kleinen Büro in Brighton-Hove aus organisieren die knapp ein Dutzend Mitarbeiter Schwimmreisen in gut ein Dutzend Länder. Wer schon immer mal in der Themse schwimmen wollte oder in den USA zur berüchtigten Gefängnis-Alcatraz, im Roten Meer oder in Istanbul von Europa nach Asien, im Mittelmeer vor Mallorca oder in den slowenischen Alpenseen - der ist richtig bei Kate Todd, dem Swimtrek-Gründer Simon Murie und deren Kollegen. An diesem sonnigen Frühlingstag in Südengland schwimmen wir gut eine halbe Stunde in der tosenden See. Die Wellen werfen uns hoch und runter.

Die Neoprenanzüge wärmen die Körper ordentlich, die Hände und die Füße indes fühlen sich bereits nach ein paar Minuten pelzig an. Das Gefühl in den Fingerspitzen schwindet. Der grandiose Blick auf die historische Kulisse des prominenten Seebads während des Schwimmens entlang der Küste lässt die frostenden Extremitäten schnell vergessen. Die bunten Häuserfassaden funkeln in der tief stehenden Nachmittagssonne in den tollsten Farben. Wir beobachten die Passanten, die - klein wie Spielzeugfiguren - auf der Promenade spazieren gehen. Als alle wieder festen Boden unter den Füßen haben und wir uns die Anzüge vom Leib ziehen, erzählt Kate, dass sie noch lieber als im Salzwasser in den Alpenseen schwimme. Zum Beispiel im Bleder See in Slowenien. Das Wasser hat im Sommer angenehme 23 Grad, nicht zu warm und nicht zu kalt, mit und ohne Neo.

„Ferrys are for wimps“

In Bled begleiten die Reiseleiter von Swimtrek die tollkühnen Ausflügler kraulend zu einer kleinen Seeinsel, auf der eine imposante Kirche thront. Bei den Swimtrek-Gruppenreisen starten immer zunächst die Langsameren, sie tragen pinkfarbene Kappen. Dann legt die mittlere Gruppe los, in Orange. Schließlich die schnellsten Krauler, gut zu erkennen an den gelben Kappen. Die Reiseleiter sind erfahrene Freiwasserschwimmer. Sie tragen weiße Mützen und versuchen auch im Wasser immer den Überblick zu bewahren. Die Startzeiten sind so konzipiert, dass alle möglichst zeitgleich ankommen. Während der Schwimmreisen ist der Weg das Ziel.

Es geht nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu schwimmen. „Ferrys are for wimps“ - Fähren sind was für Feiglinge: Das ist das Motto der tollkühnen Schwimmwanderer. Während der Schwimmpausen wird Tee oder Kaffee getrunken, es gibt einen kleinen Happen zu essen, Nüsse zum Beispiel oder getrocknete Früchte. Nach einer kurzen Verschnaufpause steht dann auch schon die nächste Einheit auf dem Programm. Die Freiwasserschwimmer erreichen früher oder später den Punkt, den alle Ausdauersportler als Flow bezeichnen, ein wohliges Glücksgefühl stellt sich ein. Dann gibt es nichts Wichtigeres als das Schwimmen, das Einswerden mit dem Wasser. Dann spielen die schmerzenden Muskeln keine Rolle mehr.

Der Rausch beginnt, ein Rausch ganz ohne Kater, außer einem Muskelkater. Kate sitzt wieder im Büro. Die Arbeitspause ist rum. Sie erzählt, dass sie in diesem Jahr sogar den eigenen Urlaub mit Swimtrek plant. Sie will sich während eines Schwimmcamps auf der Mittelmeerinsel Mallorca auf ihr großes Ziel vorbereiten: ein 35-Kilometer-Langstreckenschwimmen durch einen Alpensee in der Schweiz.

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