Engpass für Flugreisende in Stuttgart 30 Prozent weniger Sitzplätze auf der Berlin-Strecke

Von Josef Schunder 

Zwischen Stuttgart und der deutschen Hauptstadt fliegt im Moment nur Eurowings. Nach dem Aus für Air Berlin ist ein neuer Konkurrent noch nicht in Sicht. Manche Flugreisende glauben, dass die Preise daher angezogen haben.

Dämmerung für Fluggäste: Mit dem Rückzug von Air Berlin gibt es weniger Angebote, nach Berlin zu fliegen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dämmerung für Fluggäste: Mit dem Rückzug von Air Berlin gibt es weniger Angebote, nach Berlin zu fliegen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Zwei Wochen nach dem Verschwinden der Fluggesellschaft Air Berlin werden die Folgen für Reisende auch in Stuttgart immer deutlicher. Auf der Strecke Stuttgart-Berlin ist die Lufthansa-Tochter Eurowings daher zurzeit Monopolist. Manche Pendler zwischen der Landes- und der Bundeshauptstadt berichten von knappen Tickets und dem Gefühl, dass das Fliegen merklich teuer geworden sei.

Fest steht, dass der Lufthansa-Konzern und Air Berlin vor rund einem Jahr noch deutlich mehr Flüge und Sitzplätze angeboten hatten. Die Zahl der verfügbaren Tickets ist um rund 30 Prozent gesunken. Im November 2016, sagt Flughafensprecher Johannes Schumm, pendelten zwischen Stuttgart und Berlin 820 Mal Flugzeuge (Hin- und Rückflüge), und es seien 123 060 Sitzplätze angeboten worden. Im November 2017 sind 528 Flüge geplant, bei denen bis zu 85 200 Passagiere transportiert werden können. Ähnlich ist das Verhältnis im Dezember: 2016 standen bei 788 Flügen insgesamt 117 120 Sitzplätze zur Verfügung, 2017 sind im Dezember 528 Flüge und ein Angebot von 80 120 Sitzplätzen geplant. Einen Vergleich zwischen den letzten Wochen vor der Einstellung des Flugbetriebs von Air Berlin am 28. Oktober und den zwei Wochen danach hat der Flughafensprecher nicht zu bieten. Gemessen an früheren Monaten hatte Air Berlin den Flugbetrieb in der Schlussphase jedoch schon ausgedünnt.

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Die Preise sind Hoheitsgebiet der Airlines

Zur Preisentwicklung nimmt der Flughafensprecher nicht Stellung. Das ist Hoheitsgebiet der Airlines. Die Reisenden dürften sich durch die gesunkene Zahl der verfügbaren Tickets auf der Berlin-Strecke, der wichtigsten Strecke für den Flughafen Stuttgart, allerdings bestätigt sehen. Ein knapperes Angebot führt in der Marktwirtschaft normalerweise zu einem höheren Preis, noch dazu, wenn der Anbieter Monopolist ist.

Eine Stichprobe am Mittwoch dieser Woche scheint das zu erhärten. Da waren die am Montag, 13. November, bis zur Mittagszeit geplanten Flüge von Stuttgart nach Berlin laut Eurowings-Homepage „ausverkauft“. Für 12.15 Uhr gab es noch Plätze, aber nicht im Basistarif, sondern in anderen Tarifgruppen zu Preisen ab 319,99 Euro. Billigstes Ticket nach der Mittagsstunde: 129,99 Euro einfach im Basistarif, ansonsten bewegten sich die Preise zwischen 180 und 250 Euro.

Beobachter der Branche hatten bereits vor steigenden Preisen infolge der Air-Berlin-Pleite gewarnt, Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte nach dem Verschwinden von Air Berlin aber gesagt, das Fliegen sei günstig wie nie, und dieser langjährige Trend werde sich nicht umkehren. Die Lücke in Deutschland durch das Verschwinden von Air Berlin sei aber nicht sofort zu schließen. Die Integration der von Air Berlin erworbenen Maschinen sei eine Mammutaufgabe – und werde Zeit in Anspruch nehmen.

Eurowings-Chef rechnet nicht mit Engpässen

Noch früher hatte Eurowings-Chef Oliver Wagner in Stuttgart gesagt, er rechne nicht mit Engpässen und steigenden Ticketpreisen, schon gar nicht auf längere Sicht. Bis die Kartellbehörde – voraussichtlich zur Jahreswende – Eurowings grünes Licht für den Einsatz aller von Air Berlin erworbenen Flugzeuge gibt, versuche man den derzeitigen Flugbetrieb zu stabilisieren. Am Flughafen Frankfurt hat Lufthansa auf der Strecke nach Berlin-Tegel inzwischen auch sogenannte Jumbos, also Großraummaschinen vom Typ Boeing 747, an den Start gebracht, um die Nachfrage zu bedienen. Einen ähnlichen Kraftakt in Stuttgart gab es nicht.

Dass es bei der Umstellung holpern würde, hatte Eurowings nicht verschwiegen. Gleich am 28. Oktober, dem Tag, an dem Air Berlin allenfalls noch auf fremde Rechnung flog, bekam Klaus-Peter Murawski, Chef der baden-württembergischen Staatskanzlei, prompt erste Auswirkungen zu spüren. Seinen Flug nach Portugal hatte er zwar bei Eurowings gebucht, doch durchgeführt werden sollte er mit einem Flugzeug und Personal von Air Berlin. Am Flughafen erhielt der Fluggast nach 30 Minuten vor dem Check-in-Schalter die Auskunft, der Flug sei storniert. Murawski pochte darauf, dass er seinen Vertrag mit Eurowings geschlossen habe. Daraufhin bekam er zu hören, Air Berlin habe als Subunternehmerin fliegen sollen, aber bekanntlich fliege die Airline nicht mehr. Der Reisende möge sich am Schalter von Eurowings anstellen und umbuchen. „Dort war eine gigantische Schlange“, erinnert sich der Politiker. Als er drauf und dran war, „teure Lufthansa-Tickets für den nächsten Tag zu erwerben“, sei durchgesagt worden, der Flug nach Lissabon finde doch statt – mit Personal von Air Berlin und einem Jet von Eurowings. Warum er das berichte? „Weil es ein Vorgeschmack sein dürfte auf das, was kommt.“ Eurowings spricht von einem Einzelfall und einem bedauerlichen Missverständnis. 670 Flüge habe man an jenem Tag pünktlich abgewickelt. Flüge mit Eurowings-Flugnummern, die von Air Berlin durchgeführt werden sollten, seien von den Streichungen eigentlich nicht betroffen gewesen. Doch grundsätzlich sei „die aktuelle Übergangsphase eine Ausnahmesituation und eine sehr schwierige Phase für die deutsche Luftfahrtindustrie“. Zur Preispolitik auf der Berlin-Strecke nahm das Unternehmen am Freitag nicht Stellung.

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