Enkel des Philosophen Heidegger In den Schuhen des Großvaters
Martin Heideggers Enkel Burghard und Ulf verwalten das delikate Erbe des großen Philosophen.
Martin Heideggers Enkel Burghard und Ulf verwalten das delikate Erbe des großen Philosophen.
Den Opa kann man sich nicht aussuchen. Der familiäre Zufall teilt dem Menschen zwei Großväter zu, ohne dass der Enkel oder die Enkelin je dazu befragt werden. Auch Ulf und Burghard Heidegger teilen diese Erfahrung, sind sie doch die Enkel des berühmten Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). Nicht nur die genetische Struktur verbindet die beiden mit dem viel diskutierten und bisweilen gescholtenen Philosophen. Die Vettern dienen überdies als Nachlassverwalter der Schriften des Großvaters, was beide gut beschäftigt. Dieses Ehrenfamilienamt gleicht der Arbeit in einem Steinbruch, dessen Masse in kleine Säcke abgefüllt werden muss.
Singen am Hohentwiel. Im Obergeschoss eines Jugendstilhauses sitzt die Kanzlei, in der Ulf Heidegger als Rechtsanwalt arbeitet. Neben den unvermeidlichen juristischen Fachbüchern und einem hohen Stehpult hat der 57-Jährige eine philosophische Ecke eingerichtet. Die Werke des Großvaters stehen in Reih‘ und Glied. Auf 105 Bände ist die Gesamtausgabe angelegt, erläutert er. Drei Bände stehen noch aus, dann ist die Edition im zeitlos grauen Einband abgeschlossen. „Diese Aufgabe muss gemacht werden“, da sind sich beide Enkel einig. Sie erfüllen damit den Wunsch ihres Großvaters, der sich dieses Opus gewünscht hat. Dabei sind sie selbst keine Philosophen. Der eine Jurist, der andere Softwareentwickler. Ihr Berufsleben spielt sich weit von der Frage nach dem Sein ab, das den Großvater lebenslang beschäftigte.
Nicht nur die Fragen nach dem abendländischen Denken trieben Martin Heidegger um. Als Rektor der Universität Freiburg stand er plötzlich mitten in seiner Zeit. Seine Antrittsrede 1933 beschäftigt die badische Universität bis heute. Je nach Ansatz kann man seine markanten Worte von damals als Bekenntnis zum NS-Staat lesen – oder als Versuch, die angesehene Hochschule vor dem Zugriff der Staatspartei zu retten. Ulf Heidegger neigt Letzterem zu, er verteidigt den Vorfahren. Deshalb heiße die Rede ja auch „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“, sagt er. Der Rektor wollte die Hochschule eben nicht den Nazis ausliefern.
Man ahnt es: Für die Enkel bedeutet das Umwälzen des Nachlasses eine Lebensaufgabe – und keine, die sie sich ausgesucht haben. Sie wurden in diese Schuhe gestellt, die ihnen der Großvater hinterließ. Ulf Heidegger übernahm die Aufgabe von seinem Vater Hermann, seit kurzem ist auch der 65-jährige Vetter Burghard Heidegger mit von der Partie. Die Herausgabe neuer Bände geht meist geräuschlos vonstatten. Die Fachwelt nimmt davon Kenntnis.
Im Gegensatz zu einem Modedenker wie Richard David Precht, der sich gerne und übergangslos zu allen möglichen Themen äußert, bewegt der Philosoph Martin Heidegger heute vor allem Fachkreise. Seine Sprache ist schwer verständlich. Gerne streut er Zitate der Weisen griechischer Antike ein. Das macht seine Schriften zur Lektüre einer geübten sowie geduldigen Leserschaft.
Bei den Tagebüchern sieht es anders aus. „Bald erscheint der Band mit den Briefen der beiden Brüder Martin und Fritz“, berichtet Ulf Heidegger. Fritz war der jüngere Bruder des Philosophen. Anders als dieser blieb er zeitlebens im heimischen Meßkirch, er absolvierte eine Lehre und arbeitete sein Leben lang bei der Volksbank.
Geistig sei er dem brillanten Martin durchaus ebenbürtig gewesen, berichten seine Freunde. Doch hinderte ihn ein Sprachfehler an einer akademischen Laufbahn, er wäre sonst gerne Pfarrer geworden. Für die Überlieferung des Werks seines Bruders war er unentbehrlich – als Gesprächspartner und als Sekretär. Fritz Heidegger tippte zahlreiche Manuskripte des älteren Bruders nicht nur ab, er verstand sie auch. In Meßkirch ist er bis heute anekdotisch fassbar, nicht zuletzt wegen seiner Auftritte an Fasnacht. Ein Original mit Tiefgang. Wobei geistige Überflieger und überhaupt Käpsele in diesem Teil der Schwäbischen Alb häufig anzutreffen sind. Nicht umsonst wird der Landstrich häufig als Geniewinkel bezeichnet.
Während der Zeit der NS-Diktatur war der Bankmann Fritz offenbar der Klügere. Nach einem halben Jahr der Mitgliedschaft warf ihn die NSDAP hinaus. Sein Bruder Martin dagegen erhoffte sich mehr und Substanzielles vom neuen „Reich“. Er sah in der angekündigten Volksgemeinschaft bereits den Aufbruch in ein neues Zeitalter, den er immer gefordert hatte. 2014/15 wurden die sogenannten Schwarzen Hefte veröffentlicht (ihren Namen tragen sie wegen des schwarzen Einbands). Diese Tagebücher führte der Philosoph in den Jahren 1931 bis 1975. Die zwölf Jahre der braunen Diktatur verfolgte und kommentierte Heidegger wach. Manche Passage weist ihn als Antisemiten aus, so jedenfalls lesen das Exegeten wie Wolfgang Eilenberger. Der Enkel Ulf sieht es so: „Martin Heidegger war ein scharfer Kritiker des Judentums, aber kein Antisemit im Sinne einer biologischen Vernichtung.“
Als die Schwarzen Hefte erstmals publik wurden, geriet auch der Nachlassverwalter in die Kritik. Der Familientreuhänder habe entscheidende Stellen weggelassen, um nicht das Bild des Philosophen zu beschädigen, hieß es etwa. Ulf Heidegger wurde damals vorgeworfen, er habe jene Passagen aus dem Urtext gestrichen, die eine Nähe seines Großvaters zu dem Nazi-Staat zeigten. Der Enkel weist dies glaubwürdig zurück: „Wir halten nichts zurück.“
Offen zutage liegt eine andere Episode aus dem Leben des Denkers. Heidegger arbeitete als junger Professor in Marburg, als eines Tages eine hochbegabte Studentin sein Seminar aufsuchte. Der Dozent verliebte sich schnell in die 18 Jahre alte Hannah Arendt. Die tiefe Freundschaft zwischen dem berühmten Professor und seiner Schülerin zählt zu den Merkwürdigkeiten dieses Lebens. Arendt stammte aus einer jüdischen Familie in Königsberg. 1933 wanderte sie aus, nachdem sie eine Nacht in Gestapohaft verbracht hatte. Für sie gab es keinen Zweifel an den verbrecherischen Zielen der neuen Staatsführung. Von Martin Heidegger distanzierte sie sich und brach doch die Freundschaft nicht. Nach dem Krieg suchte Arendt – inzwischen US-Bürgerin und selbst Professorin – den alten Geliebten mehrfach auf. Sie hielt ihm die Treue, obwohl sich Heidegger nicht fein benommen hat.
Das ist ein Punkt, an dem die Enkel ins Grübeln kommen. Auf den vielen Seiten, die der Großvater füllte, kommt das größte deutsche Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht vor. „Warum hat er sich nie zur Shoah geäußert?“, rätselt Ulf Heidegger. In keinem der bald 105 Bände wird der Mord an den europäischen Juden auch nur im Stichwort thematisiert. Der Enkel zuckt die Schultern, selbst ratlos in dieser Frage. An fehlendem Interesse kann es nicht gelegen haben, der Großvater war politisch auf dem Laufenden. Der Holocaust bleibt hier ein Verbrechen ohne Schrift. Ein blinder Fleck.
Die Stadt Freiburg hat ihn auch deshalb aus dem Straßenbild getilgt. Der Weg, der nach Martin Heidegger benannt war, wurde 2020 umgewidmet. Ob das klug ist, darf man bezweifeln. Denn damit wird die Vita Heideggers auf sein Mitlaufen im NS-Regime verkürzt. Unter den Tisch fällt bei der Löschaktion, dass er zu den beliebtesten Professoren in Freiburg gehörte. Er war einer jener Lehrer, deren Ruf so weit strahlte, dass Studierende nur wegen ihm nach Freiburg zogen. Die Stadt verdankt ihm ohne Zweifel einiges. Das Streichen des Namens ist schon deshalb ein Signal der Unsicherheit.
Eine Autostunde weiter südlich sieht man keine Probleme mit dem Mann: Der Martin-Heidegger-Weg bei Todtnauberg im Südschwarzwald heißt auch weiterhin so. Es gibt dort niemanden, der sich ernsthaft daran stört. Heidegger war damals ein Teil des Dorfes. Er hatte sich etwas außerhalb ein Grundstück gekauft und dort mit seiner Frau Elfride eine Hütte errichtet. Das Ehepaar verbrachte lange Wochen zwischen Bäumen. Hier konnte der sensible Geistesarbeiter ungestört meditieren. Die Kinder Jörg und Hermann tobten ums Haus, während der Vater an einem Schreibtisch saß, der mit unerwarteter Wucht in dem niedrigen Raum steht.
Seine Nachbarn verstanden seine Bücher nicht, doch mochten sie den drahtigen Mann mit Kappe und rustikaler Joppe. Die Gemeinde Todtnauberg ist stolz auf diesen originellen Menschen, der lieber in einer schlichten Hütte als in seiner Freiburger Stadtwohnung lebte. Die unterschiedliche Bewertung des Denkers in Stadt und Land deutet die Spannungen an, die sein Name bis heute auslösen kann. Was auch zeigt: Ein reiner Stubengelehrter war Heidegger gewiss nicht.
Wer liest ihn heute noch? Die Enkel zeigen auf einen Stapel mit fast druckfrischen Büchern in Dänisch, Japanisch, Spanisch. Heidegger wird fortlaufend in andere Sprachen übersetzt. „Im Ausland wird er mehr gelesen als in Deutschland“, berichtet Burghard. Der Grad seiner Verwicklung in die Machenschaften des Nationalsozialismus interessiert in Peru weniger als in Deutschland. Dass der Großvater weltweit studiert wird, erfreut die beiden Treuhänder. Darin liegt auch die angenehme Seite ihrer Aufgabe: Beim Vergeben von Lizenzen werden Honorare fällig, die innerhalb der Familie verteilt werden. Und die Kinder der Enkel? Ulf Heidegger sagt: „Unsere Kinder interessiert das nicht. Und das ist auch gut so.“