Entfremdung durch Corona So weit ist Stuttgart von Europa entfernt
Die zurückgezogene Stadt muss ihre Weltoffenheit zurückgewinnen und jetzt schon Perspektiven für den Austausch nach Corona entwickeln, findet Lokalchef Jan Sellner.
Die zurückgezogene Stadt muss ihre Weltoffenheit zurückgewinnen und jetzt schon Perspektiven für den Austausch nach Corona entwickeln, findet Lokalchef Jan Sellner.
Stuttgart - Europa war gefühlt nie weiter weg als heute. Monatelang lag die Welt außerhalb des Kessels für uns im Nirgendwo. Straßburg zum Beispiel, sonst nur ein Katzensprung oder zwei entfernt. Auch die anderen Partnerstädte: Brünn (Tschechien), Cardiff (Wales), Lodz (Polen), St. Helens (England), Samara (Russland). Ganz zu schweigen von Stuttgarts Partnerstädten, die in anderen Kontinenten liegen: Mumbai (Indien), Menzel Bourgiba (Tunesien), Kairo (Ägypten) und St. Louis (USA). Wir wussten: Es gibt Leben jenseits von Stuttgart. Aber es war unerreichbar! Reisen, auch in eigentlich nahe liegende Länder, wie Österreich, Italien oder Schweiz, fanden nur im Kopf statt.
An den Verkehrsmitteln lag’s nicht. Schon gar nicht an fehlendem Willen oder an mangelndem Interesse – die Menschen sehnen sich ja danach rauszukommen! Nein, es lag und liegt am Virus. Die Coronapandemie hat Grenzen hochgezogen, wo in unserer Wahrnehmung längst keine mehr existierten. Sie hat die Menschen in einer Weise auf ihren lokalen Ausgangspunkt zurückgeworfen und sie räumlich eingezwängt, wie das nicht vorstellbar gewesen war – gerade in dem uns vertrauten Europa ohne Grenzen. Der Radius, von dem wir angenommen hatten, er sei durch keine Längen- oder Breitengrade mehr begrenzt, reichte gerade noch von Stuttgart-West bis Stuttgart-Ost.
Gewissermaßen über Nacht hat Corona unsere Welt geschrumpft. Speziell auch Europa und die europäische Idee – viel mehr als der Brexit es vermochte. Und so wirkt die diesjährige Europawoche, die mit dem Europatag an diesem Sonntag ihren Abschluss findet, ein bisschen wie eine Veranstaltung von einem anderen Stern – also genau so, wie Europa nicht sein will und sein sollte, nämlich distanziert und nicht zu greifen. Diese Distanz versuchen Europa-Akteure auch hier in Stuttgart nach Kräften abzubauen. An den äußeren Bedingungen und Beschränkungen, die durch die Pandemie vorgegeben sind, können allerdings auch sie nichts ändern.
Corona verhindert Gemeinschaft und greift das ohnehin problembeladene Europa damit auch in seiner Substanz an. Überhaupt den Gedanken der Völkerverständigung. Denn der persönliche Austausch zwischen den Menschen ist es, der Europa in den Köpfen und Herzen seiner Bürgerinnen und Bürger verankert. Ohne echte Begegnung ist Europa nur ein leeres Versprechen. Gerade deshalb ist es so wichtig, gedanklich bereits jetzt die Vorbereitungen dafür zu treffen, dass sich von Stuttgart aus die Fenster zu Europa und zur Welt wieder öffnen – auch wenn der Weg zu einem unbefangenen Austausch zwischen den Partnerstädten, zwischen den Schulen und Bürgern vermutlich noch ein sehr langer sein dürfte. Darauf deuten schon die Inzidenzzahlen hin, die in Stuttgart im Großstadt-Vergleich immer noch erschreckend hoch ausfallen.
Es ist kein Gegensatz zur Weltoffenheit, den Blick gleichzeitig auch nach innen, in die Stadt hinein zu richten. Stuttgart ist eine multikulturelle Stadt schwäbischen Ursprungs. Menschen aus mehr als 170 Nationen wohnen, leben und arbeiten hier. Seine Wirtschaft ist global ausgerichtet. Hier ist Gelegenheit, Europa und Völkerverständigung zu leben. Das Forum der Kulturen leistet auf diesem Gebiet Vorbildliches, die Kultur als Ganzes sowieso, auch Initiativen wie Pulse of Europe. Allerdings greift das Virus bekanntlich gerade die unmittelbarsten Orte der Begegnung an, und wir spüren schmerzhaft: Stuttgart war von Stuttgart noch nie so weit entfernt.
jan.sellner@stzn.de