In Cleveland werden drei Frauen befreit, die seit vielen Jahren vermisst wurden. Drei Brüder haben sie in einem Haus gefangen gehalten – bis Amanda Berry einen Notruf absetzen konnte. Jetzt fragen sich viele Amerikaner: Haben die Ermittler zum Zeitpunkt der Entführungen Fehler gemacht?
Cleveland/Ohio – Die Frau war in Panik, als sie die Nummer 911 wählte, den Polizeinotruf in den USA. „Ich bin Amanda Berry. Ich wurde entführt und war zehn Jahre lang vermisst. Ich bin frei. Und ich, ich bin jetzt hier.“ Die Polizei möge sich beeilen, stammelte die Frau: „Bevor er zurückkommt.“ Dann sagte sie noch, dass zwei andere Frauen in dem Haus seien. Mit diesem Anruf gingen drei mysteriöse Entführungsfälle zu Ende, die schon fast in Vergessenheit geraten waren, weil kaum jemand mehr glaubte, die verschwundenen Frauen könnten noch am Leben sein.
Amanda Berry wurde zuletzt im Jahr 2003 gesehen, als sie nach der Arbeit eine Burger-King-Filiale in ihrer Heimatstadt Cleveland im US-Bundesstaat Ohio verließ und sagte, sie habe eine Mitfahrgelegenheit. Es war der Vorabend ihres 17. Geburtstags. Gina DeJesus verschwand im April 2004. Sie war 14 Jahre alt. Die damals 21 Jahre alte Michele Knight wurde zuletzt im Jahr 2002 gesehen. Alle drei verschwanden spurlos.
Nach Berrys geglückter Flucht verhaftete die Polizei drei Männer im Alter von 50, 52 und 54 Jahren. Es sollen Brüder sein. Der 52 Jahre alte Ariel C. gilt als Hauptverdächtiger. Der frühere Schulbusfahrer und Hobbymusiker lebte offenbar in dem Haus, aus dem die Frauen entkommen konnten.
Der Nachbar Charles Ramsey schilderte Reportern, wie er die dramatischen Minuten der Flucht erlebte. Amanda Berry müsse die Abwesenheit ihres Entführers genutzt haben, um sich zu befreien. Er habe plötzlich Schreie gehört, sagte Ramsey: „Ich esse gerade meinen Hamburger, und da sehe ich dieses Mädchen, das wie wild versucht, aus dem Haus zu kommen.“ Er habe ihm zugerufen, es solle doch die Tür aufmachen. Es habe geantwortet, die Tür sei zugesperrt. „Wir mussten die Tür eintreten“, sagte der Nachbar: „Zum Glück war das ein billiges Ding aus Aluminium.“
Die Nachbarn bemerkten nichts
Eine andere Nachbarin saß mit Freunden im Garten, als sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite Lärm hörte. Sie sagte, die Frau, die aus der Tür des Nachbarhaus geklettert sei, habe nervös gewirkt und immerzu geschrieben. Sie habe einen Pyjama getragen und alte Sandalen. Zunächst habe sie nicht glauben mögen, dass Amanda Berry vor ihr stehe. „Sie sind nicht Amanda Berry“, sagte die Nachbarin: „Amanda Berry ist tot.“ Doch die Frau habe immer wieder geschluchzt und ihren Namen genannt. Die Nachbarin gab ihr ein Telefon. Die Polizei sei relativ schnell gekommen und habe die anderen Frauen aus dem Haus befreit.
Als Amanda Berry in die Freiheit rannte, hatte sie ein Kind im Arm. Möglicherweise ist das etwa sechs Jahre alte Mädchen ihre Tochter. Eine Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Auch über den Vater des Kinder gab es nur Spekulationen.
Die Familien der Freigekommenen reagierten schockiert und zugleich erfreut auf die Nachricht von der geglückten Flucht. „Der Tag war wie ein Wirbelsturm. Das ist irgendwie surreal“, sagte Sylvia Colon, eine Verwandte von Gina DeJesus. Die Familie habe nie die Hoffnung aufgeben, dass Gina zurückkommen werde. „Wir lebten jeden Tag in der Hoffnung, dass sie eines Tages wieder zu Hause sein wird. Die drei Frauen und das Kind wurden in ein Krankenhaus gebracht. Der leitende Arzt sagte vor Journalisten, die Frauen seien in der Lage, mit den Krankenschwestern zu sprechen. Details über den Gesundheitszustand der Freigekommenen wollte Malony allerdings nicht nennen. Er deutete aber an, dass es den Frauen den Umständen entsprechend gut gehe. Der Fall erinnert an Natascha Kampusch, die 2006, acht Jahre nach ihrem Verschwinden, wieder aufgetaucht ist. Sie war als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt und in einem Verlies gefangen gehalten worden.
Haben die Ermittler Fehler gemacht?
Die Motive der mutmaßlichen Kidnapper sind noch völlig unklar. Der Nachbar Charles Ramsey sagte, er habe nie etwas Ungewöhnliches an dem Hauptverdächtigen Ariel C. bemerkt. Er habe mit ihm manchen Grillabend verbracht, aber nie etwas vermutet: „Wir haben Rippchen gegessen und Salsa gehört. Es gab nie etwas Bemerkenswertes . . . na ja, bis jetzt.“
In Cleveland hat nun eine Debatte darüber begonnen, ob die Polizei möglicherweise zum Zeitpunkt der Entführungen Ermittlungsfehler begangen hat. Der Bürgermeister sagte, es seien viele Fragen zu beantworten. Wie konnte es dem oder den Kidnappern gelingen, die Frauen über Jahre hinweg in einem Haus festzuhalten, das nur wenige Blocks von den Wohnorten der Familien Berry und DeJesus entfernt ist? Ein Nachbar etwa erzählte, er habe immer geglaubt, dass das Haus leer stehe: „Ich dachte, der Typ kommt hier immer nur vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.“